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Tour de France : Geschke fährt auf der letzten Rille

  • -Aktualisiert am

Mit Vollgas den Berg hinunter: Simon Geschke. Bild: Augenklick/Roth

Simon Geschke ist einer der besten Abfahrer seiner Branche. Bei der Tour de France hofft er weiter auf seine Chance und hat sich ganz besonders auf die risikoreichen Abfahrten vorbereitet.

          3 Min.

          Er würde an die Grenze gehen und vielleicht sogar darüber hinaus. Würde alles um sich herum ausblenden, würde sich wie in einem Tunnel befinden. Nur bloß keine Zeit verlieren, das wäre sein Antrieb. Nur das zählte, wäre er allein unterwegs, an der Spitze des Pelotons, mit der Aussicht auf einen der süßesten Momente, die es für Radprofis gibt. Simon Geschke hat das schon einmal erlebt, vor zwei Jahren, als er sich plötzlich in das Rampenlicht katapultierte bei der Tour de France. Geschke, der Helfer, ein Mann eigentlich für die Kärrnerarbeit.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Und mit einem Mal: Geschke, der Etappensieger, einer, der sein Glück gemacht hatte als Ausreißer, in gebirgigem Gelände. Und alle Gefahren, die auf diesem Weg lauerten, einfach verdrängte. Er würde das wieder so machen, sollte sich die Gelegenheit ergeben. „Da muss man durch“, sagte Geschke lapidar. Ohne jede Scheu, die Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Allein den Lohn vor Augen, den Augenblick der Erlösung, den innigen Wunsch, zumindest ein kleines Stück Radsportgeschichte zu schreiben.

          „Mein Selbstbewusstsein ist ganz gut“, sagt Geschke. Und meint damit, dass das für ihn schon in Ordnung sei, sich talwärts zu stürzen auf dem Rad. Mit einer Geschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde, möglicherweise auch mit Tempo 100. Obwohl das mit einem mulmigen Gefühl verbunden ist, auch bei Geschke. Schließlich seien die Räder für solche Unternehmungen eigentlich gar nicht geeignet. Rennmaschinen mit so schmalen Reifen, dass sie im Prinzip „gar keinen Grip“ haben, schon gar nicht bei Nässe. Ein Vabanquespiel. Immerhin ist Geschke bisher von allzu schweren Stürzen verschont geblieben, das macht ihn unbefangener bei waghalsigen Rasereien.

          Er weiß, dass manche Kollegen, die einen schlimmen Crash erlebt haben, Probleme damit haben, solche Ereignisse zu verarbeiten. „Es gibt Fahrer“, sagt er, „die danach sehr ängstlich sind.“ Geschke, 31 Jahre alt und Mitglied des deutschen Teams Sunweb, mag allerdings nicht einstimmen in den Chor jener, die nun Kritik an den Tour-Machern üben, nachdem der Australier Richie Porte vom Team BMC sich am Sonntag, als es vom Mont du Chat hinunterging, schwer verletzt hatte. „Es ist völlig übertrieben, das Rennen dafür verantwortlich zu machen.“ Der Belag sei gut gewesen, sagt Geschke, „keine Löcher“, nichts, was zu beanstanden gewesen wäre.

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          Er spricht von einer „technischen Abfahrt“, von einer alltäglichen Erscheinung im Profiradsport, somit auch von einem Unfall. „Das gehört zum Radsport dazu.“ Porte sei zudem mit dem Mont du Chat vertraut gewesen, dieser Berg hatte schon bei der Dauphiné Libéré, der Generalprobe für die Tour, bewältigt werden müssen, bei der Porte ebenfalls gestartet war.

          Der Berliner Geschke, der in Freiburg lebt, ist deshalb der Auffassung, dass der Tour kein Vorwurf zu machen sei, eine Erhebung wie den Mont du Chat ins Programm genommen zu haben. „Man kann den Radsport schlecht neu erfinden.“ Er selbst empfand das Streckenprofil der Tour bisher als „sehr human“.

          Einer der besten Abfahrer

          Geschke wird sich auf keinen Fall bremsen lassen von Portes Malheur, auch wenn er betont, dass einem ein solches Unglück sehr nahe gehe. „Man vergisst es nicht einfach so.“ Und verdrängt es doch, sobald es wieder rasant in die Tiefe geht. Geschke sagt, dass er ein sehr guter Abfahrer sei, möglicherweise einer der besten seiner Branche. Er übt regelmäßig im Schwarzwald, seiner Wahlheimat, es ist ein exzellentes Terrain dafür. Er betreibt das Abfahren auch im Training sehr ernsthaft, fast wie im Rennen. Und erzählt, dass die Kunst schlichtweg darin bestehe, „die richtige Linie zu treffen, nicht zu verkrampfen, sondern einigermaßen locker zu bleiben“.

          Geschke hat, trotz seines Coups bei der Tour 2015, seine Position im Radsport behalten. Als Adjutant der Stars, die Warren Barguil und Michael Matthews heißen. Oder Tom Dumoulin, der in diesem Jahr den Giro d’Italia gewonnen hat, mit Unterstützung von Geschke. Er sei kein anderer Fahrer geworden nach 2015, sagt er. Und überhaupt: „Ich bin nicht der Siegfahrer schlechthin.“ Geschke sagt deswegen, dass er mit seiner Rolle im Team zufrieden sei, „ich habe mich damit abgefunden.“ Der Tour-Erfolg hat wenigstens zu einem größeren Bekanntheitsgrad geführt. Geschke wird seitdem bei Rennen stets als Tour-Etappensieger vorgestellt, das ist fast wie ein Ritterschlag in seiner Branche.

          „Das bleibt für immer“, sagt der Mann mit dem markanten Bart. Sein Gehalt ist gestiegen, dann und wann gibt es eine Gage bei Veranstaltungen, die mit Radsport zu tun haben. Geschke war unlängst aber auch einmal ein vergessener Radrennfahrer: Beim Giro war der Teambus vor einer Etappe ohne Geschke losgefahren. Der Berliner nahm es mit Humor. Er twitterte ein Foto von sich am Straßenrand, auf dem sein Daumen wie bei einem Anhalter nach oben zeigte. Und er schrieb: „Alles gut. Ich habe ein Auto geklaut und bin unterwegs ... Mache nur Spaß, sie sind umgekehrt und haben mich eingesammelt.“

          Jetzt wäre es Geschke recht, noch mal ausbrechen zu können, wie vor zwei Jahren. Er glaubt, dass ein solcher Tag noch kommen könnte für ihn bei dieser Frankreich-Rundfahrt. Grünes Licht für den Wasserträger: „Ich hoffe, dass ich noch mal die Chance kriege.“ Und ginge es dabei steil bergab, würde Geschke nicht zögern, größte Risiken in Kauf zu nehmen. „Ich würde“, sagt er, „auf der letzten Rille runterfahren.“

          Tour de France

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