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Tour de France : Froome verliert Gelb – Bardet lässt Frankreich hoffen

  • -Aktualisiert am

Der Franzose Romain Bardet hat die zwölfte Etappe der 104. Tour de France gewonnen. Bild: Reuters

Romain Bardet gewinnt die zwölfte Etappe der Tour de France. Chris Froome verliert dagegen sein Gelbes Trikot – und auch für Nairo Quintana setzt sich die Leidensfahrt fort.

          3 Min.

          Ein bemerkenswerter Tag bei der Tour de France, ein Tag, an dem Christopher Froome plötzlich in Schwierigkeiten steckte. Beim letzten der insgesamt sechs Anstiege hinauf nach Peyragudes konnte der Brite nicht mehr mithalten, er musste damit sein Gelbes Trikot überraschend abgeben. An den Italiener Fabio Aru, der nun in der Gesamtwertung sechs Sekunden vor Froome liegt. Der Brite, dessen Team Sky zunächst dominant aufgetreten war, hatte beim Sieg des Franzosen Romain Bardet auf den letzten Metern enorme Mühe, zumindest einigermaßen in Tritt zu bleiben. Eine schwere Stunde für ihn, aber auch für einen anderen namhaften Profi, Nairo Quintana, der einen weiteren Rückschlag hinnehmen musste.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Quintana ist ein schweigsamer Mann, jemand, der sich nicht zu großen Gefühlswallungen hinreißen lässt. Selbst auf dem Rad wirkt Quintana eher unscheinbar, obwohl er zu den Besten der Branche zählt. Seit einigen Jahren schon, in denen Quintana nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht hat. Als Sieger des Giro d’Italia im Jahr 2014 zum Beispiel, zwei Jahre später gewann er die Spanien-Rundfahrt. Ein Juwel aus Kolumbien, vermutlich das größte seines Landes, das schon etliche exzellente Radprofis hervorgebracht hat, vor allem Kletterspezialisten.

          Chris Froome verliert das Gelbe Trikot an einen Italiener.

          Auch Quintana ist ein Profi, der sich in den Bergen wohl fühlt, mit einem Körpergewicht von etwas weniger als 60 Kilogramm und einer Größe von 1,67 Metern bringt er beste Voraussetzungen für alpine Touren mit. Doch just bei der Tour de France ist es meist vorbei mit dem großen Zauber des 27 Jahre alten Kolumbianers. Er war zwar schon zweimal Zweiter hinter Froome, in den Jahren 2013 und 2015, doch die großen Erwartungen, die daran geknüpft wurden, konnte Quintana nicht erfüllen. Er war im Vorjahr, gebremst angeblich durch eine Pollenallergie, kein wirklicher Herausforderer von Froome, und auch in diesem Sommer ist nichts zu erkennen von Quintanas Herrlichkeit. Das war auch am Donnerstag so: Quintana abgeschlagen, distanziert sogar von seinem Landsmann Rigoberto Uran. Eine Leidensfahrt des Mannes mit der Trikotnummer 21.

          Quintana, der Zurückhaltende, sagt, dass er vielleicht doch ein zweites Gesicht habe. „Meine Schüchternheit könnte eine Maske sein. Ich glaube, dass tief in mir ein Monster steckt.“ Sollte es tatsächlich vorhanden sein, hat es sich gut verborgen. Es hat in jedem Fall bei dieser Tour bislang keinerlei Anzeichen gegeben, dass es in Quintana brodeln, dass eine Art Ausbruch sportlicher Natur bevorstehen würde. Quintana zieht, seinem Wesen entsprechend, seine Bahnen: vorwiegend unauffällig. Seit Donnerstag hat er als Achter einen Rückstand von mehr als vier Minuten auf den Frontmann der Tour.

          Womöglich hat der Kolumbianer sein Pulver schon im Mai verschossen, beim Giro d’Italia. Quintana hatte sich dort mächtig ins Zeug gelegt, er war Zweiter hinter dem Niederländer Tom Dumoulin geworden – das forderte seinen Tribut. Quintana kam nur schwer auf Touren bei der Frankreich-Rundfahrt, nichts zu spüren von Explosivität wie etwa bei dem Italiener Fabio Aru, der sich nicht scheute, Froome zu attackieren. Quintana, Kapitän des Team Movistar, hielt sich in der Regel am Hinterrad von Froome auf, ohne immer den Anschluss halten zu können. Und noch früher als Froome büßte der Kolumbianer einen wichtigen Helfer ein, den Spanier Alejandro Valverde, der das Rennen wegen Sturzverletzungen aufgeben musste.

          Nairo Quintana

          Vielleicht wird Quintana seine Planungen nach den Erfahrungen in dieser Saison modifizieren und nicht mehr zwei schwere Rundfahrten kurz nacheinander bestreiten. Giro und Tour zu vereinbaren, das zeigt sich in seinem Fall, ist ein heikles Unterfangen. Selbst für einen Mann, der an besondere Torturen gewöhnt ist, seit frühester Jugend. Quintana, Kind der Anden, hatte einst den weiten Weg zur Schule mit dem Fahrrad zurückgelegt. Die Heimat bot ihm oder Uran überhaupt beste Bedingungen, um als Radrennfahrer voranzukommen. Ihr Aufschwung habe verschiedene Gründe, behaupten die Kolumbianer, zum Beispiel die Höhe, in der sie leben und sich stählen können für die sportlichen Herausforderungen, und gerne erwähnen sie auch ihre Familien, die ihnen tatkräftig zur Seite stehen würden.

          In Kolumbien, heißt es, herrsche aber auch eine tief sitzende Doping-Kultur. Erst im vergangenen Jahr war gemeldet worden, dass auf Antrag der spanischen Polizei in Bogotá der Sportmediziner Alberto Beltran verhaftet wurde. Er wird in Kolumbien „König des Dopings“ genannt. Beltran soll ein ausgeklügeltes Doping-Netzwerk aufgebaut und Athleten vor allem aus dem Radsport mit Medikamenten der neuesten Generation, zum Teil auch aus der Tiermedizin, versorgt haben.

          Kolumbien aber verehrt seine Stars, sie sind der Stolz der Nation, zumal dann, wenn sie sich – wie Quintana – aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet haben und sich nicht allein als Athleten in den Dienst des Landes stellen. Quintana, so wird erzählt, habe sich zu Hause immer wieder auch anspornen lassen durch den Blick auf die Guaqueros – Männer, Frauen und Kinder, die in Minen mühselig nach Smaragden suchen. Und Quintana ist sozial engagiert in Kolumbien, er setzt sich für Bildungsprojekte und Sportförderprogramme ein. Aber seine Geschichte bleibt unvollständig, so lange er mit der Tour nicht Frieden geschlossen hat.

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