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Rolf Aldag im Gespräch : „Wir haben die Fans und uns selbst betrogen“

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Legendäre Beichte: Rolf Aldag (rechts) und Erik Zabel bekennen ihre Dopingschuld - nach Ende ihrer Karrieren Bild: dpa

Rolf Aldag hatte wie alle Radprofis seiner Generation sich und die Fans betrogen und erst nach seiner Karriere Epo-Doping zugegeben. Nun fordert er, Dopingsünder mit längeren Sperren zu belegen.

          Die Tour kann man ohne Doping nicht fahren - was halten Sie von dieser Theorie?

          Ich verstehe, wenn Lieschen Müller das sagt. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, 140 Anschläge pro Minute auf der Schreibmaschine zu schaffen. Das geht aber trotzdem. Jemand, der jeden Tag bei McDonald’s isst und ohne Fahrstuhl nicht in den dritten Stock kommt, wird sich nicht vorstellen können, dass man eine Tour sauber fahren kann. Das geht aber trotzdem. Die Frage ist, mit welcher Geschwindigkeit? Die Zeiten haben sich geändert, auch am Berg: Pantanis Zeit zum Beispiel hinauf nach Alpe d’Huez ist heute unerreichbar, obwohl das Material deutlich besser geworden ist.

          Und dass man die Tour ohne Doping nicht gewinnen kann, wie Lance Armstrong vor der Tour jetzt noch einmal verkündete?

          Ich bin nicht sicher, ob Armstrong richtig zitiert wurde. Ich habe zwei Versionen gelesen. Eine besagt, dass man die Tour ohne Doping nicht gewinnen kann, die zweite, dass man sie zu seiner Zeit nicht gewinnen konnte. Der zweiten Version würde ich zustimmen, hoffe jedoch, dass man heute gewinnen kann, ohne zu dopen.

          Die Radsporthistorie ist auch eine lange Geschichte des Dopings. Es ist Teil der Tradition. Wie konnte es dazu kommen?

          Der Radsport hat eine über hundert Jahre alte Doping-Tradition. Früher war das ein reiner Arbeitersport. Er gab den Leuten die Möglichkeit, aus ihrem sozialen Umfeld herauszukommen. Es gab Knackis, Kriminelle, Leute aus untersten Schichten. Sie sahen im Radsport ihre Chance. Und Doping war in irgendeiner Form akzeptiert, es hat keinen interessiert. Amphetamine? Ja klar! War Teil des Berufs. Das ging im Prinzip so weiter bis in die neunziger Jahre. Ich kann mich an eine Zeitungsüberschrift erinnern, da ist ein junger belgischer Sprinter positiv auf Testosteron getestet worden, da stand in der Überschrift: „Jetzt ein richtiger Profi“. 1992 war man noch der Annahme, wenn du deinen Beruf perfekt machst, dann machst du alles, was dazugehört. Und Doping gehörte dazu. Es hat niemanden interessiert, es wurde ignoriert.

          Und heute? Ist die Tradition gebrochen?

          Inzwischen ist im Radsport die Wahrnehmung eine völlig andere. Sie ist gesellschaftlich völlig gekippt. Heute geht es um die Durchsetzung von fairem, sauberem Sport.

          Radprofi Aldag bei der Tour de France: Hundert Jahre alte Dopingtradition

          Sie glauben, das System Doping im Radsport ist zerschlagen?

          Nein, das System ist nicht weg. Aber der Trend geht in eine andere Richtung. Da sind wir im Radsport auf einem guten Weg. Jeder Topathlet, der im Radsport positiv getestet wird, ich rede von den ersten zehn, muss sich heute bewusst sein, dass er vermutlich dreißig, vierzig Millionen Euro verbrennt, weil seine Mannschaft nicht weitermachen wird und weil andere Teams Sponsoren verlieren. Früher gab es ein solches Risiko nicht. Da konnte man das isoliert betrachten. Noch 1993 kostete ein erster positiver Test 50 Punkte Abzug auf der Weltrangliste und 3000 Franken Strafe. Moralisch ist Doping immer falsch, aber zusätzliche Abschreckung damals? Null!

          Und heute?

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