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Sieg auf zweiter Etappe : Kittels Coup bei der Tour de France

  • -Aktualisiert am

Keiner ist schneller als Marcel Kittel auf der zweiten Etappe der Tour de France. Bild: Reuters

Die Deutschen sind bei der Tour de France im Wechselbad der Gefühle. Nach dem verpassten Sieg von Tony Martin zum Start ist Marcel Kittel nun der Mann der Stunde. Danach gibt es Tränen.

          3 Min.

          Der Himmel so grau, über Düsseldorf, am Sonntag teilweise auch über Lüttich. Und dennoch: ein sehr heller Moment für den deutschen Radsport in Belgien. Was tags zuvor misslungen war, bei der Ouvertüre der Tour de France auf deutschem Boden, erfüllte sich in Lüttich. Durch einen Sprinter, wie so oft schon beim größten Spektakel des Radsports. Nachdem Tony Martin beim Zeitfahren am Samstag vergeblich nach Sieg und Gelb gegriffen hatte und vom Blues erfasst wurde, war Marcel Kittel in Lüttich der Mann der Stunde.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Ein Coup im Massenspurt: Kittel entschied die zweite Etappe der Tour für sich, die in Düsseldorf gestartet wurde und durch mehrere deutsche Orte führte, ehe sie nach 203,5 Kilometern in Lüttich ihr rasendes Finale erlebte. Mit einem letztlich zu Tränen gerührten Kittel, der vor dem Franzosen Arnaud Demare und seinem deutschen Rivalen Andre Greipel gewann. Zum zehnten Mal schon bei der Tour, eine formidable Ausbeute für den hünenhaften Thüringer vom belgischen Team Quickstep-Floors.

          Das Peloton hatte erst einen Kilometer vor dem Ziel zwei Ausreißer eingeholt, den Amerikaner Taylor Phinney sowie den Franzosen Yoann Offredo. Denn setzte unter den schnellsten Rennfahrern, unterstützt von ihren Mitstreitern, das große Gerangel um die besten Positionen ein. Am Ende war Kittel im wahrsten Wortsinn eine Wucht, unwiderstehlich und uneinholbar. Und belohnt außerdem noch mit dem Grünen Trikot, auf das Kittel in diesem Sommer generell ein Auge geworfen hat. Bewegende Tage für ihn, in Lüttich, aber auch schon tags zuvor, als Kittel sich beflügelt fühlte vom Düsseldorfer Flair. „Es war der Hammer“, sagte er, „meine Ohren tun weh von dem ganzen Krach.“ Diesen Schwung nahm er offensichtlich mit nach Lüttich. Dort sprach er, glückselig, von einem ganz besonderen Erlebnis. „Ich bin super happy.“

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          Die Deutschen also gleich im Wechselbad der Gefühle. „Die Enttäuschung“, hatte Martin am Samstag gesagt, „ist unendlich groß.“ Nichts mit Gelb in heimischen Gefilden, eine einmalige Chance verpasst. „Vorbei“, sagte Martin niedergeschlagen, denn eine solche Gelegenheit wird sich nicht wieder ergeben für ihn. Aber Martin gilt als ein Kämpfer, er wird versuchen, sich wieder aufzurichten. „Man wird immer mit ihm rechnen müssen“, sagte Torsten Schmidt, Sportlicher Leiter beim Team Katjuscha-Alpecin. Bei der Jagd nach einem Etappenerfolg zum Beispiel, eine solche Möglichkeit könnte noch kommen für Martin, der sich manchmal als Ausreißer in Szene setzt, mit einem Hang zu ungewöhnlichen, gar waghalsigen Aktionen.

          Immerhin ist der deutsche Radstar noch im Rennen, im Gegensatz zu dem Spanier Alejandro Valverde, dem die Tour gleich am Samstag, auf den ersten 14 von insgesamt 3540 Kilometern, die kalte Schulter gezeigt hatte: Sturz im Auftaktzeitfahren, auf nasser Strecke ausgerutscht bei zu hohem Tempo, gegen ein Absperrgitter geprallt. Valverde, der unter anderem einen Kniescheibenbruch erlitt, wurde noch am Abend in Düsseldorf operiert. Ein schwerer Schlag für ihn und das Team Movistar, das nun auf einen wichtigen Helfer des kolumbianischen Kapitäns Nairo Quintana verzichten muss. Quintana wird als möglicher Herausforderer des Briten Christopher Froome gehandelt, der am Sonntag in eine Karambolage verwickelt wurde und danach von Gefährten wieder an das Feld herangeführt werden musste. Auch Martin stürzte und erreichte das Ziel mit fast zehn Minuten Rückstand.

          Regen, glitschiger Untergrund, ein gefährliches Terrain in Düsseldorf auch am Tag zuvor: ein Hemmnis für Martin, den viermaligen Weltmeister im Zeitfahren. Die Witterung verhinderte, dass der Radprofi wirklich auf Touren kam. „Es war ein unrhythmisches Rennen“, sagte Martin, „das hat mir den Zahn gezogen.“ Und just auf den letzten Kilometern hatte der Mann, der eigentlich über beachtliche Kräfte verfügt und enorm beschleunigen kann, nicht mehr zulegen können, „da hat mir die Power gefehlt“. Martin, dessen Teamkollege Rick Zabel ebenfalls zu Boden gegangen war und sich dabei eine schmerzhafte Schulterblessur zuzog, hatte als Vierter schließlich acht Sekunden Rückstand auf den Schnellsten, auf den Briten Geraint Thomas vom Team Sky, der in Lüttich das Gelbe Trikot behielt.

          Aber Schmidt ist überzeugt, dass Martin wieder einmal Nehmerqualitäten beweisen wird. „Er wird das verarbeiten“, sagte er, „er ist über 30, Familienvater, er weiß das realistisch einzuschätzen.“ Schmidt betrachtete das Geschehen eher gelassen, obwohl das große Ziel deutlich verfehlt worden war. „Das ist Sport“, sagte er salopp. „Man kann nicht sagen: Da war eine Pfütze zu viel auf der Straße. Beim Ping Pong wäre das alles ein bisschen leichter zu kalkulieren.“ Kein Wort der Kritik an Martin, im Gegenteil. „Die Leistung war gut“, behauptete Schmidt, „das Rennen war schön. Es war eine runde Sache bei ihm.“ Ein Radrennfahrer trotzdem, der einer großen Hoffnung beraubt wurde. Aber dafür war am Sonntag ein anderer Deutscher zur Stelle.

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