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Tour de France : Das Tagebuch des Jonas Rutsch

  • -Aktualisiert am

Schon zu Juniorenzeiten ist mir der Name Bergziege verpasst worden – und ich habe ihn bis heute behalten. Und am Sonntag ist die Bergziege in mir mal wieder aufgeflackert. Auf solch schwierigem Terrain so lange mit der Gruppe der Tour-Favoriten mitfahren zu können, betrachte ich als schöne Bestätigung meiner Leistungsfähigkeit. Ein schönes Gefühl, zu wissen, dass ich auch mal vorne reinfahren kann. Und zu erleben, wie bei solchen Etappen immer schneller gefahren wird, je näher das Ziel kommt. Jeder will dem anderen wehtun, ihn zermürben bis er aufsteckt.

Mit meiner bei der dritten Etappen erlittenen Schulterverletzung ist soweit alles okay. Bei der Kälte in den Alpen war eh der ganze Körper taub. Aber immer wenn ich beim Klettern aus dem Sattel gegangen bin, habe ich es schon sehr deutlich gespürt. Und bin deswegen so viel sitzengeblieben wie möglich.

Tag 12: Ich sitze gerade im Bus, es geht zur nächsten Etappe, der Etappe nach dem Mont Ventoux. Das war ein harter Tag, eines der härtesten Rennen, das ich je gefahren bin. Zweimal über diesen Wahnsinnsberg, mehr als viereinhalbtausend Höhenmeter, das geht richtig auf die Knochen. Bei der ersten Auffahrt zum Gipfel ging es noch, die Strecke war anfangs nicht so megasteil, mehr so in der Art, wie ich gut raufkomme. Aber es war heiß und windig, und dann sechs Kilometer vor dem Gipfel kommt man in diese Mondlandschaft, und es wird steil und steiler. Mehr als zehn Prozent, das ist dann nichts mehr für mich.

Als ich zum ersten Mal oben war, habe ich an nichts mehr gedacht, außer, dass ich heil die Abfahrt runterkomme. Das sind 23 Kilometer, volles Tempo in der Gruppe, der Radcomputer hat einmal 108 Kilometer pro Stunde angezeigt. Da fühlt man sich dann doch ein bisschen unwohl, da ist man froh, dass man Scheibenbremsen hat.

Wahnsinnsberg: Jonas Rutsch (rechts) bei der 11. Etappe
Wahnsinnsberg: Jonas Rutsch (rechts) bei der 11. Etappe : Bild: AFP

Ich war in der ersten größeren Verfolgergruppe, mit Rigoberto Uran, meinem Kapitän vom Team EF Education-Nippo. Mein Job war, möglichst lange bei ihm zu bleiben und ihn zu unterstützen, ihn ein bisschen aus dem Wind zu halten. Als wir zum zweiten Mal zum Ventoux hinaufkletterten, auf der härtesten Strecke, wo es von unten bis oben supersteil ist, habe ich nach, zwei, drei Kilometern abreißen lassen müssen, das war dann doch zu viel. Rigoberto ist ohne mich weiter. Ich habe mich mit anderen hochgequält. Die abgehängten letzten Helfer haben sich zusammengefunden, gemeinsam haben wir uns Meter für Meter weiter gekämpft.

Dann noch einmal die Abfahrt runter, dann hat es auch echt gereicht. Platz 34 war es am Ende, in der Gruppe, in der ich ankam, waren eine ganze Reihe prominenter Namen, Pierre Rolland zum Beispiel, Miguel Angel Lopez und auch Emanuel Buchmann und Patrick Konrad von Bora-hansgrohe. Manche haben mir gratuliert zu der Leistung, aber ich bin da eher zurückhaltend. Ich habe einfach meinen Job so gut gemacht, wie ich konnte, damit kann ich zufrieden sein. Ich habe Rigoberto, meinem Kapitän, ein bisschen helfen können. Er ist jetzt Zweiter in der Gesamtwertung, das ist ein tolles Zwischenergebnis. Grund zum Feiern ist das nicht, es gibt noch so viele schwere Etappen, darauf müssen wir uns konzentrieren.

Jetzt geht es erst einmal weiter mit flachen Etappen, ob ich mich da ein bisschen erholen kann vom Mont Ventoux, das werden wir sehen, wie der Rennverlauf jeweils ist. Nach einer so heftigen Etappe wie der am Mont Ventoux versucht man im Ziel erst einmal, möglichst viele der Kalorien wieder reinzuessen, die man verloren hat. Man muss so schnell wie möglich in den Ruhemodus schalten. Schlafen ist ein wenig schwierig nach so einer großen Anstrengung, aber diesmal ging es ganz gut.

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