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Radprofi Degenkolb vor Tour : „Die Rennen sind eigentlich sicher“

  • -Aktualisiert am

Berufsrisiko als Radprofi: Für Degenkolb ist das Training auf der Straße eine gefährliche Angelegenheit. Bild: Picture-Alliance

Nach der Corona-Pause und vor der Tour de France gibt es viele Stürze den Radsport. John Degenkolb spricht darüber, ob die Rennen wirklich gefährlicher geworden sind und was sich über die Jahre verändert hat

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          Fühlen Sie sich nach den jüngsten vielen heftigen Stürzen bei den Rennen sicher im Peloton und auf den Straßen?

          Im Peloton ist es definitiv sicherer als auf den Straßen (lacht). Aber das hat auch einen Grund: Im Rennen, da weiß ich: Heute sind nur Profis am Start. Und auch wenn es natürlich mal heftige Stürze gibt – viel gefährlicher ist und bleibt das Training auf der Straße. Da muss man immer mit allem rechnen. Der natürliche Feind des Radfahrers ist der Straßenverkehr.

          Sind die vielen Stürze nur auf Versäumnisse von Rennveranstaltern und Verband zurückzuführen, oder fahren nach der Corona-Pause alle mit dem Messer zwischen den Zähnen?

          Eigentlich sind Rennen sehr sicher. Was nicht heißt, dass man nicht auch noch etwas verbessern könnte. Aber dass jetzt so viel Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird, liegt sicher auch daran, dass Radsport gerade sehr im Fokus steht, weil viel mehr Rennen als sonst parallel laufen. Und leider scheinen Stürze mehr zu interessieren als der Sport, das Rennen an sich.

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          Was könnte man besser machen, und wo sind Kompromisse möglich zwischen dem Interesse an Action und Sicherheit?

          Das lässt sich pauschal nicht sagen. Jede Strecke ist anders, jedes Rennen auch, und nicht alles, was der eine als gefährlich ansieht, empfindet ein anderer auch so. Am besten wäre: Wir alle denken immer daran, dass die Gesundheit über allem steht.

          Sie haben nach Wiederbeginn die Polen- und die Wallonie-Rundfahrt absolviert. Wie lebt es sich in der abgeschotteten Blase, beziehungsweise funktioniert das Konzept?

          Es lebt sich ganz gut darin, und das Konzept funktioniert. Auch sportlich fühle ich mich gut präpariert für die Tour. Die Rennkilometer in Polen waren wichtig und in der Wallonie haben sich schon die ersten Ergebnisse gezeigt. Der Punch und die Spritzigkeit kommen langsam – auch bei uns im Team funktioniert die Zusammenarbeit immer besser. Ein Sieg, zwei zweite Plätze und ein dritter Rang durch mich zeigen: Wir sind auf einem guten Weg zur Tour.

          Wie lauten Ihre persönlichen Ziele für die Frankreich-Rundfahrt?

          Ich freue mich riesig auf den Grand Depart in Nizza. Wenn da dann das komplette Peloton losrollt, das wird ein Gänsehautmoment. Auch weil wir alle so lange darauf hingearbeitet haben und sich die Durststrecke viel länger hingezogen hat, als wir uns das anfangs alle vorstellen konnten. Etwas, was die Tour noch wichtiger macht als sonst. Für uns alle, Fahrer, Teams, Sponsoren, den ganzen Radsport ist es immens wichtig, dass wir diese Präsenz haben. Und dann ist da natürlich die Freude auf drei sehr spannende Wochen zusammen mit einem Team, das bestimmt einige Möglichkeiten hat, um den ein oder anderen Akzent zu setzen.

          Es ist zwei Jahre her, als Sie in Roubaix Ihren ersten Tour-de-France-Etappensieg errangen und die Bilder Ihrer Freudentränen um die Welt gingen. Beeinflussen diese Emotionen heute noch Ihr Sein als Radprofi?

          Auf jeden Fall. Die Emotionen und die Erinnerungen an diesen Tag sind mir noch sehr präsent. Sie haben auch während der schwierigen Phase der Perspektivlosigkeit in der Corona-Pause meine Motivation und meinen Kampfgeist geprägt. Mein Ansporn, noch mal solch einen Erfolg einzufahren, ist enorm groß.

          Es ist davon auszugehen, dass der Profiradsport auch ausgangs dieses Krisenjahres große Schwierigkeiten haben wird. Wie froh sind Sie um Ihren bis Ende 2021 gültigen Zweijahresvertrag?

          Extrem froh. Ich kann nicht verleugnen, dass ich dies in diesen Zeiten als wohltuenden Puffer empfinde. Aber hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, weil niemand weiß, wie sich die Situation im kommenden Jahr entwickeln wird. Es ist ja ungewiss, ob der Radsport in dem bekannten Maße, mit diesen Sponsoren und Budgets weitergeführt werden kann. Fahrer mit einem auslaufenden Vertrag und ohne große Erfolge könnten Probleme bekommen.

          Wie viel Extradruck wird in dieser kurzen Saison auf Fahrern und Teams lasten, um auch für den Fortbestand der Mannschaften Topergebnisse zu erzielen?

          Ich glaube, dass der Druck in den vergangenen Jahren schon maximal war. Meine Beobachtung ist, dass bei jedem Rennen, ob WorldTour oder kleinere Kategorie, das Level sehr hoch ist. Es gibt keine einfachen Rennen mehr, das Niveau ist krass nach oben gegangen. Ohne eine gute Verfassung am Start ist man sofort nicht mehr konkurrenzfähig. Zu Beginn meiner Profizeit konnte man noch bei kleineren Rennen starten, um sich einzurollen.

          Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

          Die Professionalität ist enorm gewachsen. Es wird viel mehr darauf geachtet, auch aus Details das Optimum herauszuholen. Ein Team wie Sky beziehungsweise jetzt Ineos hat die Maßstäbe in dieser Hinsicht extrem verschoben. Sei es das Material, die Bekleidung, die Trainingswissenschaft oder die Ernährung. Das führt dazu, dass immer mehr Leute Bescheid wissen, wie man es richtig macht.

          Das heißt, Ihr Alltag als 31-jähriger Radprofi unterscheidet sich sehr von dem, als Sie 22-jährig den Frankfurter Radklassiker am 1. Mai gewannen?

          In vieler Hinsicht ja. Beispiel Ernährung: Damals hatte man natürlich auch einen Grundschatz an Wissen, was man im Rennen so zu sich nehmen sollte. Heute ist das aber enorm durchgetaktet, weil fast jede Mannschaft einen eigenen Ernährungsberater beschäftigt. Der sagt jedem Fahrer individuell genau, was und wann er zu sich nehmen soll.

          Wie war es zu Ihrer Anfangszeit im Peloton?

          Als ich 2011 Profi wurde, hat mir das keiner vorgegeben. Da habe ich so viel zu mir zugenommen, wie es mir mein Verstand und Körper gesagt haben. Heute wird schon jungen Fahrern vor Beginn einer möglichen Profikarriere eingebleut, 90 bis 120 Gramm Kohlenhydrate je Stunde aufzunehmen, um die maximale Leistungsfähigkeit zu erreichen. Zum Vergleich: In einem Gel oder kleinen Riegel sind ungefähr 30 Gramm enthalten. Damals hat niemand 120 Gramm gefuttert – weil es einfach extrem viel ist. Die Aufnahme solcher Mengen muss man trainieren, um auch Magen und Verdauung daran zu gewöhnen.

          Ist dadurch spürbar oder anhand der Daten abzulesen, dass dies wirkt?

          Ja. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass der Körper maximal 90 Gramm je Stunde verarbeiten kann. Doch es hat sich herausgestellt, dass 120 Gramm möglich sind. Bei allem, was darüber geht, schwappt es buchstäblich über. Bei Lotto-Soudal arbeiten wir mit einem Anbieter zusammen, der ein hochdosiertes Getränk anbietet, in dem in einer Flasche schon 90 Gramm Kohlenhydrate enthalten sind. Es ist erstaunlich, wie sich das Gefühl auf dem Rad zum Positiven ändert, wenn die Energiezufuhr perfekt geregelt ist. Man kann deutlich mehr Kraft abrufen.

          Wie ist es bildlich gesprochen um Ihren Tank bestellt? Sie haben zwischen 2012 und 2018 Etappen bei allen drei Grand Tours sowie Monumente wie Paris–Roubaix und Mailand–Sanremo gewonnen. Ist Ihr Tank groß genug für weitere Erfolge dieser Größenordnung?

          Ich bin fest davon überzeugt, dass ich mit dem neuen Input durch meine neue Mannschaft noch mal ein großes Rennen gewinnen kann. Das ist das große erklärte Ziel. Es hat mir sehr gut getan, dass es im Team überhaupt keine Diskussion darüber gab, mich für die Tour zu nominieren. Ich bin im Moment voller Motivation und Power. Und nach der Tour warten ja in diesem Jahr noch die Klassiker. Ich habe schon einige Male bewiesen, dass ich spät in der Saison noch Topleistungen abrufen kann.

          Tour de France

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