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Tour de France : Kein Welpenschutz mehr für die Deutschen

  • -Aktualisiert am

Neuer deutscher Meister und eins der Gesichter der neuen deutschen Radsportgeneration: Maximilian Schachmann (M.) Bild: dpa

Die neue deutsche Welle bei der Tour de France: Die Sprinter sind ausgestorben, es leben die Allrounder. Radprofis wie Buchmann, Politt und Schachmann tragen die Hoffnungen – einer sogar die auf das Gesamtklassement.

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          Marcel Kittel: Im Dauertief setzt er auf unbestimmte Zeit aus. John Degenkolb: von seinem Team nicht nominiert. André Greipel: geht desillusioniert ohne echte Siegambitionen ins Rennen. Tony Martin: nur noch in einer Helferrolle in seiner Equipe. Vor der 106. Tour de France könnte man meinen, dass der deutsche Radsport in ernsten Schwierigkeiten steckt. Im Vergleich zu den vorherigen Jahren, als immer mal wieder der Begriff von der Tour d’Allemagne die Runde machte. Weil die oben erwähnten einstigen Siegertypen der Frankreich-Rundfahrt tageweise in schöner Regelmäßigkeit einen schwarz-rot-goldenen Anstrich verpassten. 27 Etappensiege bei den vergangenen sechs Ausgaben – bis auf eine Ausnahme (Simon Geschke) von den oben genannten vier Rennfahrern errungen – sind aller Ehren wert. Nun fällt das Quartett für weite Großtaten auf Frankreichs Straßen 2019 quasi aus. Doch eine neue Generation deutscher Fahrer ist übergangslos in Position gefahren.

          Emanuel Buchmann, Maximilian Schachmann und Nils Politt wollen die Bühne Tour nutzen, um sich über das Fachpublikum hinaus einen Namen zu machen. Die jungen Kerle sind in dieser Saison häufig gefragt worden, ob der Generationswechsel im deutschen Radsport im Gange sei. Meist wiegelten sie ab und forderten noch etwas Zeit zum Reifen für sich und mehr Respekt von den altbewährten Kräften. Doch wenn an diesem Samstag die Tour in Brüssel mit elf deutschen Startern ihren Lauf nimmt, werden sie, die gerade dem Jungprofidasein entwachsen sind, die Hoffnungsträger sein. Mit Buchmann von der deutschen Mannschaft Bora-hansgrohe nimmt erstmals seit vielen Jahren wieder ein Deutscher die Herausforderung an, im Gesamtklassement zu reüssieren. Ein Top-Ten-Platz soll in drei Wochen in Paris herausspringen, „und das ist auch absolut realistisch“, sagte Buchmann im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Die Stärken des 26-Jährigen liegen in den Anstiegen im Gebirge, und das kletterlastige Profil der diesjährigen Tour kommt ihm entgegen. Aufgrund des verletzungsbedingten Fehlens von Seriensieger Christopher Froome und dem Vorjahresdritten Tom Dumoulin scheint der Weg frei zu einer guten Platzierung. Alles andere wäre eine Enttäuschung für einen, der das prestigeträchtige Etappenrennen Critérium du Dauphiné unlängst als Dritter abgeschlossen hat und sich im Zeitfahren deutlich verbessert hat. „Emu benötigt keinen Welpenschutz mehr. Er ist ein gestandener Rennfahrer, der zu den Besten der Welt gehört. Schön, dass er nochmal Schritte nach vorne gemacht hat – damit hat er uns ein Stück weit überrascht“, sagte Ralph Denk, Teammanager von Bora-hansgrohe.

          Zwei Strategien in einem Team

          Die Equipe mit Sitz im oberbayrischen Raubling hat schon 33 Saisonsiege in diesem Jahr errungen, das Team eilt von Erfolg zu Erfolg. Doch nur ein Teil des Aufgebots wird Buchmann im Rennen unterstützen können, denn Bora-hansgrohe verfolgt in Frankreich schließlich auch das Ziel, Peter Sagan den siebten Gewinn des Grünen Trikots des besten Sprinters zu ermöglichen. Und Buchmann muss sich teamintern noch gegen den Österreicher Patrik Konrad durchsetzen, der mit ihm zunächst eine Doppelspitze bilden soll. Fragt sich, wie der Schwabe, der das Rampenlicht scheut, zurechtkommt mit dem ungekannten Druck bei der wichtigsten Rundfahrt des Jahres. Bei der letztlich misslungenen Spanien-Rundfahrt 2018, die Buchmann als Zwölfter beendete, haderte das Team mit dessen wenig ausgeprägter Führungsstärke. „Wir haben viel darüber gesprochen, wie man als Kapitän agieren muss. Aber das entwickelt sich eher langsam, wenn man nicht dafür geboren ist“, sagt er.

          Deutlich eloquenter und durchsetzungsstärker kommt Teamkollege Schachmann daher. Auch dem Berliner wird zugetraut, ein starker Rundfahrer zu werden. Nach Schachmanns äußerst starken Leistungen im Frühjahr – garniert mit dem deutschen Meistertitel am vergangenen Sonntag – wird er bei seinem Tour-Debüt bei hügeligen Etappen wohl freie Fahrt genießen.

          Alle Freiheiten genießt der offensivfreudige Politt, ein weiterer deutscher Aufsteiger 2019 im Peloton, der als Zweiter bei Paris-Roubaix glänzte. Sein Team Katusha-Alpecin kommt nach dem Aus von Sprintstar Kittel reichlich gerupft daher. Der 25-jährige Kölner Politt wird ebenso wie Schachmann auf welligen Teilstücken auf Etappenjagd gehen.

          Dass der Sprint kaum mehr eine deutsche Domäne bei der Tour sein wird, verdeutlicht Greipel im Gespräch mit dieser Zeitung. „Ich gehe mit wenigen Erwartungen und eigentlich ohne Ambitionen in die Rennfinals, auch wenn das keiner von mir so hören will“, sagt der 36-jährige Routinier und glaubt selbst kaum, dass er seinen elf Etappenerfolgen in Frankreich noch einen hinzufügen könnte. Seinen persönlichen Abstieg zum Zweitdivisionär Arkea-Samsic bezahlte Greipel damit, dass das Team nicht vermochte, ihm schnellkräftige Männer für einen Sprintzug an die Seite zu stellen.

          „Als Einzelkämpfer hast du es im heutigen Radsport da vorne sehr schwer.“ Sprintqualitäten haben auch Rick Zabel (Katusha-Alpecin) und Roger Kluge (Lotto-Soudal), doch werden sie ebenso reine Helferaufgaben zu übernehmen haben wie Martin (Jumbo-Visma) und Debütant Lennard Kämna (Sunweb). Möglicherweise für einen Platz in einer Ausreißergruppe kommen die Tour-erfahrenen Nikias Arndt (Sunweb), Marcus Burghardt (Bora-hansgrohe) und Geschke (CCC) in Frage.

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