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Rad-Profi Fernando Gaviria : Tour-Debüt im Raketentempo

  • -Aktualisiert am

Aufsteiger aus Kolumbien: Fernando Gaviria (rechts) bringt frischen Schwung, Peter Sagan (links) siegte am vergangen Sonntag. Bild: EPA

Der Kolumbianer Fernando Gaviria steht für den sich anbahnenden Generationenwechsel im Sprint. Bei der Tour de France hat er ein beeindruckendes Debüt hingelegt. Das kommt nicht von ungefähr.

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          Das große Glück währte nur einen Tag, dann landete Fernando Gaviria wieder auf dem Boden. Und obenauf war mit einem Mal die vermutlich schillerndste Figur des Radsports: Peter Sagan. Der Slowake, Frontmann des deutschen Teams Bora-hansgrohe, gewann am Sonntag in La-Roche-sur-Yon nicht nur die zweite Etappe der Tour de France, er eroberte gleichzeitig das gelbe Trikot – das erste in der Geschichte seiner oberbayerischen Mannschaft.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Der 28 Jahre alte Serien-Weltmeister, im Vorjahr wegen eines vermeintlich rüden Einsatzes von der Tour ausgeschlossen, setzte sich im Spurt mit einem „Tigersprung“ vor dem Italiener Sonny Colbrelli und dem Franzosen Arnaud Demare durch, allerdings musste Sagan dabei nicht auf Gaviria achten und auch nicht auf Marcel Kittel. Gaviria war in eine Karambolage weniger Kilometer vor dem Ziel verwickelt worden und konnte in die Entscheidung des Tages nicht mehr eingreifen. Kittel war vorher schon durch einen Defekt gebremst worden – ebenfalls keine Chance mehr, etwas auszurichten. Sagans Equipe zeigte sich sehr froh darüber, dem Crash aus dem Wege gegangen zu sein. Man hatte auf dem teilweise engen Kurs mit einem solchen Zwischenfall gerechnet, behauptete Teameigner Ralph Denk. „Es wird vermutlich krachen.“

          Deswegen hatte die Order für Sagan und dessen Gefährten gelautet, „komplett vorne zu fahren“. Das sollte größtmögliche Sicherheit gewährleisten. „Das Team hat es super umgesetzt“, sagte Denk. Allerdings hatte sich Sprint-Rivale John Degenkolb über Sagans angeblich gefährlichen Fahrstil beschwert; er wähnte sich von dem Slowaken im Finale abgedrängt. Denk sprach in jedem Fall von einem „großen Moment“ für ihn und seinen Rennstall. Und davon, dass man mit Sagans Coup – sein neunter insgesamt bei der Tour – bereits ein Ziel bei dieser Frankreich-Rundfahrt abgehakt habe. Es lautete: ein Etappensieg, mindestens. Denk genoss den Augenblick, wohl wissend, dass diese Angelegenheit eine flüchtige Erscheinung sein kann. „Es kann morgen schnell vorbei sein“, sagte Denk. An diesem Montag findet in Cholet (ab 15.10 Uhr) ein Teamzeitfahren statt.

          Gaviria ist eine Ausnahmeerscheinung

          Gaviria, 23 Jahre alt, weiß inzwischen, dass das Hochgefühl im Handumdrehen verschwunden sein kann. Er zählt trotzdem zu einer jungen Garde von Sprintern, die vehement aufrückt. Er hatte das am Samstag bei der Tour-Ouvertüre eindrucksvoll belegt: erster Etappensieger der Tour 2018, erster Mann in Gelb. Ein Emporkömmling aus La Ceja in Kolumbien, einem Land, das für gewöhnlich Kletterspezialisten auf dem Rad hervorbringt, wie Nairo Quintana. Gaviria aber ist anders. Eine Ausnahmeerscheinung unter den kolumbianischen Pedaleuren. Einer, für den, wie der Tour-Debütant sagt, die Berge nie eine Inspiration gewesen sind. Sondern ausschließlich die Pisten, über die er mit Hochgeschwindigkeit rasen kann. Dass Gaviria eine solche Leidenschaft entwickelte, hat mit seinen Eltern zu tun, die seine Karriere förderten – auf der Bahn.

          Ein Terrain, auf dem Gaviria sich flugs zu einer Größe mauserte – er wurde zweimal, 2015 und 2016, Omnium-Weltmeister. Und es war die Basis, auch auf der Straße schnell Fuß zu fassen, mit all den Qualitäten, die der Kolumbianer sich auf den ovalen Rennstrecken angeeignet hat. Gaviria ist zwar bei der Tour ein Neuling, allerdings war er bereits im vergangenen Jahr ins Rampenlicht gerückt, als er vier Etappen beim Giro d’Italia gewann. Die Tour war damals noch kein Thema für ihn: Seine belgische Equipe Quickstep-Floors setzte ganz auf den 30 Jahre alten deutschen Tempomacher Kittel. Erst jetzt, da Kittel beim Team Katjuscha-Alpecin unter Vertrag steht, kann Gaviria – befreit vom Schatten des Deutschen – sich voll entfalten, auch beim prestigeträchtigsten Spektakel des Radsports, sofern ihm nicht ein Malheur passiert.

          Kittel will noch nicht von einem Generationenwechsel sprechen, und doch bahnt sich eine Wachablösung in der Highspeed-Sparte des Radsports an. Auch André Greipel, 35 Jahre alt, spürt das, ohne jedoch an Rückzug zu denken. Er wird womöglich sogar noch einmal das Team wechseln. Frischer Schwung in neuer Umgebung? Das ist manchmal so eine Sache, zu sehen nicht zuletzt bei Kittel. „Wir mussten ein bisschen zueinanderfinden“, sagt er über den Prozess, dem er und seine neuen Kollegen wie Tony Martin oder Rick Zabel ausgesetzt waren, „wir sind auf der Suche gewesen.“ Diese Findungsphase ist offenbar noch nicht ganz abgeschlossen.

          Da hat es der Aufsteiger Gaviria – wie Sagan – vermutlich ein wenig einfacher in einem vertrauten Umfeld. Und noch dazu durch den beflügelnden raketenhaften Einstieg in die Tour, selbst wenn die Geschichte am Sonntag nicht fortgesetzt werden konnte. Die kolumbianische Phalanx bei der Tour umfasst sechs Profis – unter ihnen Egan Bernal, zwei Jahre jünger noch als Gaviria und natürlich ein Mann für das alpine Gelände. Da muss er beim Team Sky Christopher Froome zu Diensten sein, ein harter Job für Bernal, erst recht nachdem sein Kapitän gleich beim Tour-Auftakt gestürzt und im Straßengraben gelandet war.

          Zeitverlust, leicht ramponiert, dazu die Widerstände wegen seiner umstrittenen Teilnahme: Froome erlebt die wahrscheinlich schwierigste Zeit bei der Tour. Kolumbien gehört nun schon gewissermaßen ein Stück der Ausgabe von 2018, dank Gaviria. Allerdings wird Gaviria dann, wenn seine Landsleute Quintana oder Bernal wirklich gefordert sind, in den Alpen oder Pyrenäen, ziemlich leiden. Seine Spezies muss sich in diesen Regionen, wie Kittel es ausdrückt, „aufs Überleben konzentrieren“. Wer aber schon etwas erreicht hat, wie nun Gaviria und auch Sagan, der bei der Tour eigentlich auf die Farbe Grün fixiert ist, wird sich dabei vielleicht nicht ganz so schwertun.

          Hüter des Zahnrades

          In den Sattel schwingen und losfahren? So einfach geht das nicht. Wer Radsportler sein will, muss Regeln beachten. Und zwar 95, wie eine Gruppe selbsternannter Gralshüter behauptet. Die „Velominati“ haben einen „Kodex für Radsportjünger“ aufgeschrieben. Wir zitieren im Etappenrhythmus kluge, lustige und sinnfreie Vorschriften. Regel #11: „Nicht die Familie kommt an erster Stelle. Es ist das Rad.“ Erläuterung: Der Ire Sean Kelly unterbrach nach dem Amstel Gold Race 1984 ein Interview, weil er sah, dass sich seine Frau an sein Auto lehnte. Sie solle sich gefälligst vom Lack fernhalten, rief er ihr zu. „In deinem Leben kommt das Auto an erster Stelle, dann das Rad und erst danach ich“, antwortete die Gattin. Kelly widersprach: „Da verwechselst du was. An erster Stelle kommt das Rad.“ Empfehlung: Weder heiraten noch Kinder zeugen. (Entnommen aus: „Die Regeln“, Kodex für Radsportjünger, Covadonga Verlag 2018)

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