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Tour de France : Keine Bilderbuch-Tour für Deutschland

Sprinterschicksal: Marcel Kittel fühlt sich von Mark Cavendish (links) ausgebremst. Bild: AFP

Die Deutschen drehen bei der Frankreich-Rundfahrt nicht mehr am ganz großen Rad. Selbst die Spezialeinheiten der Sprinter zeigen ungewohnte Schwächen – einer hofft noch auf seinen großen Auftritt.

          3 Min.

          Idyllische Landschaften, immer wieder, wie am Samstag in Villars-les-Dombes. Ein Ort mit einem ausgedehnten Vogelpark, der nun der Tour de France als schillernde Kulisse diente. Sie schmückt sich gerne mit solchen Gebieten, mit Szenarien, die Frankreichs Reize illustrieren. Und inmitten solcher Schönheit inszeniert sich das Peloton als bunte Karawane, als ein auf Hochglanz poliertes Produkt.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Mit Protagonisten, die immer auf der Jagd sind, ebenfalls strahlend zu erscheinen. Wie die Regionen, in die sie auf ihrer langen Reise im Sommer geschickt werden. Die deutschen Pedaleure haben bei diesem Schauspiel in den vergangenen Jahren reichlich Licht auf sich gezogen, sie lieferten sozusagen Postkartenmotive, mit Fotos von erfolgreichen, von glücklichen Männern.

          Sprinter André Greipel (links) im Duell mit Mark Cavendish.
          Sprinter André Greipel (links) im Duell mit Mark Cavendish. : Bild: dpa

          Das war noch 2015 so, als Radprofis aus Deutschland gleich sechsmal ganz oben auf dem Podest standen, als sie Etappensiege in Serie errangen und zwischendurch sogar das Gelbe Trikot. Aber die Zeiten sind nicht mehr so, im heißen Juli 2016 stehen die Deutschen ein bisschen im Schatten. Sie müssen in der Regel zusehen, wie andere sich in Szene setzen, wie sie gefeiert und geehrt werden. Keine Bilderbuch-Tour für Deutschland, das sich wie ausgebremst vorkommen muss. Deutschland hat den Blues.

          Natürlich haben die Deutschen nicht innerhalb eines Jahres das Radfahren verlernt, sie sind immer noch ernstzunehmende Wettbewerber. Die Sprinter vor allem, die traditionell zur Weltklasse gehören. Wie einst Olaf Ludwig oder Erik Zabel, eine Galionsfigur der Szene, aber auch ein Doping-Sünder. Inzwischen zählen André Greipel und Marcel Kittel zu den Stars der Branche, und Kittel wenigstens ist nun auch bei der 103. Tour in den Blickpunkt gerückt, er erlebte zumindest einen großen Tag. Am Samstag jedoch auch wieder einen bitteren Moment.

          Der Kletterer Emanuel Buchmann.
          Der Kletterer Emanuel Buchmann. : Bild: Imago

          Ein hoher Aufwand, trotzdem das Ziel verpasst, geschlagen von dem rasenden Briten Mark Cavendish. Ein Ärgernis für Kittel umso mehr, weil Cavendish im hitzigen Finale eine Welle gemacht hatte, weil er sich von ihm behindert gefühlt hatte. Cavendish sagte lapidar: „Das ist die Tour. Das war ein harter Sprint, und ich war schneller.“

          Kittel und Greipel fahren für belgische Rennställe, für Etixx-Quick Step und Lotto Soudal. Sie fühlen sich dort gut aufgehoben, obwohl Kittel neu in seinem Team ist nach dem Abschied von der deutschen Equipe Giant-Alpecin und ein Eingewöhnungsprozess nötig war. Aber sein Team ist erfahren im Umgang mit Profis, die im Spurt ihre speziellen Qualitäten haben; immerhin hatte zuletzt Cavendish in seinen Reihen gestanden. Auch Lotto Soudal kennt die Bedürfnisse von Greipel genau; das Team ist darauf eingestellt, einen passenden „Zug“ für den Rostocker aufzubauen. Das hatte in der jüngeren Vergangenheit häufig exzellent funktioniert.

          Aber Tour ist nicht gleich Tour, die Bedingungen sind von Jahr zu Jahr verschieden. So haben selbst Experten wie Greipel oder Kittel keine Garantie, Juli für Juli höchste Meriten zu erlangen. Schon kleinere Störfälle genügen, um sie und ihre Gefährten im Sprint nachhaltig zu beeinträchtigen. Große Nervosität im Feld zum Beispiel, die Sprintergemeinschaften auseinanderreißen, die Fehler bei den Mitstreitern von Greipel und Kittel provozieren kann. Oder eine komplizierte Streckenführung, die bei der Vorbereitung auf das Finale entscheidend bremsen kann. Schließlich ist auch Gegenwind ein Feind dieser Spezialeinheiten auf dem Rad.

          Dem Hünen Kittel mag nach einer verkorksten Saison zudem noch die Explosivität fehlen, die ihn zuvor ausgezeichnet hatte - und die nun sein Rivale Cavendish in erstaunlicher Manier offenbarte. Eine Menge Erklärungen somit, warum die Deutschen, deren Bilanz selbst der sonst so zuverlässige, aber diesmal blass gebliebene Zeitfahrspezialist Tony Martin nicht verbessern konnte, bislang nicht in größerem Stil zum Zuge gekommen sind.

          John Degenkolb hofft noch auf einen großen Auftritt.
          John Degenkolb hofft noch auf einen großen Auftritt. : Bild: dpa

          Für Deutschlands Radsport, der im kommenden Jahr über zwei Teams der höchsten Kategorie verfügen wird, der 2017 den Grand Depart der Tour in Düsseldorf ausrichtet, der mit französischer Unterstützung vor einer Wiederbelebung der Deutschland-Tour im Jahr 2018 steht, gab es in diesen Tagen aber auch positive Nachrichten.

          Die Rückkehr von John Degenkolb etwa, der in Villars-les-Dombes vorne mitmischte. „Das war extrem wichtig für mich“, sagte Degenkolb, der nach einem schweren Trainingsunfall zu Jahresbeginn eine längere Zwangspause hatte einlegen müssen. „So kann ich mit einem guten Gefühl in die letzte Woche der Tour gehen.“ Und womöglich bietet sich ihm noch eine Möglichkeit, seine Fähigkeiten als Klassikerfahrer zu demonstrieren; der Montag mit der Ankunft in Bern könnte ein solcher Tag sein.

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          Nicht zu vergessen Emanuel Buchmann, aufstrebender Profi beim Team Bora, der im Vorjahr bereits bei der Tour auf sich aufmerksam gemacht hatte als Etappendritter in den Pyrenäen. Ein Mann für die Berge, ein Kletterer, eine Ausnahme damit unter den deutschen Rennfahrern. Zwar ist der stille, zurückhaltende Buchmann offensichtlich noch nicht imstande, im Klassement in die führenden Kreise vorzustoßen. Nach 14 Etappen aber lag er immerhin auf Platz 20; bester Deutscher, mit knapp 20 Minuten Rückstand auf Spitzenreiter Christopher Froome. Eine Position, die ihn in die Lage versetzen könnte, in den Alpen zu attackieren, mit dem Segen von Froome und des Teams Sky.

          Und schließlich bliebe noch der kommende Sonntag, der letzte Tour-Tag, mit dem Einzug auf den Champs-Elysées. Eine Verlockung noch einmal für Greipel und Kittel. Und eine Gelegenheit für die Deutschen, doch ein wenig ihren Frieden mit der Tour zu machen. Mit der Pariser Pracht als Beigabe.

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