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Tour de France : Mit dem Mut der Verzweiflung

  • -Aktualisiert am

Auf die schwierige Tour: Nils Politt (vorne recht) hat es nicht leicht. Bild: Picture-Alliance

Nils Politt versucht, bei der Tour gehörig Tempo zu machen. Es geht um die Zukunftssicherung. Denn der Rennstall Katusha-Alpecin steht nach einigen Wirren vor dem Aus.

          Nils Politt ist ein abgebrühter Typ. Um ihn herum gerät alles ins Wanken, und der 25-jährige Rheinländer tritt immer noch voll in die Pedale, mögen seine Unterfangen bei der Tour de France bislang auch noch so aussichtslos gewesen sein. In Colmar am Mittwoch spurtete er – obwohl der Massensprint seine Sache nicht ist – auf den achten Platz. Bei der schweren Vogesen-Etappe am Donnerstag begab er sich tapfer – obwohl er gewiss kein Bergfahrer ist – in die Ausreißergruppe.

          Man könnte auch sagen: Politt ist mit der Kraft der Verzweiflung unterwegs. Als Einziger in seiner gebeutelten Mannschaft Katusha-Alpecin. Während seine Teamkollegen überwiegend schicksalsergeben durch Frankreich pedalieren, wie es scheint. Denn das russisch geprägte, deutsch alimentierte und schweizerisch lizenzierte Team steht vor dem Aus. Noch während der laufenden Frankreich-Rundfahrt werde es Neuigkeiten zur Zukunft der Radsport-Unternehmung des russischen Milliardärs Igor Makarow geben, so ein Teamsprecher.

          Dass die deutschen Sponsoren Alpecin und Canyon unzufrieden mit Leistung und Auftritt der Equipe sind, ist schon länger bekannt. Die Verträge, wie die von 16 von 24 Fahrern, laufen am Jahresende aus. Und die deutschen Partner sind auf dem Sprung. Ausgerechnet am Vorabend des Tour-Starts in Brüssel wurden die Profis informiert, dass es schlecht steht um die Perspektiven des Rennstalls. Im Detail werden die Fahrer und Mitarbeiter aber weiter im Unklaren gelassen. Teamgeist, Motivation und Zusammengehörigkeitsgefühl? Dürften unter diesen Umständen geschreddert worden sein. Denn spätestens jetzt dürfte für die Profis gelten, nur noch auf eigene Rechnung und für einen neuen Vertrag anderswo zu fahren. Wie Politt mit der Situation umgehe?

          „Da gehe ich mit der Kölschen Mentalität ran: Et hätt noch immer jot jejange“, sagt Politt, dessen Frau während der Tour das erste gemeinsame Kind erwartet. „Man muss Ergebnisse liefern, sonst ist man arbeitslos.“ Das gilt indes nur für die anderen in der chronisch erfolglosen Equipe. Politt – und das stellt der Teamführung ein verheerendes Zeugnis aus – ist der einzige Fahrer, der in dieser und der vergangenen Saison einen Leistungssprung machen konnte. Mit seinen exzellenten Ergebnissen im Frühjahr als Zweiter bei Paris–Roubaix und Fünfter der Flandern-Rundfahrt braucht Politt sich keine Zukunftssorgen zu machen. Selbst einen erfahrenen wie tatkräftigen Profi wie Tony Martin hat Katusha-Alpecin buchstäblich geschafft. Dort werde kein Umfeld geboten, das erfolgreiche Rennfahrer benötigten, sagte der viermalige Zeitfahrweltmeister nach zwei enttäuschenden Jahren dort. Wie Martin aktuell in seiner neuen Mannschaft Jumbo-Visma bei der Tour aufblüht, spricht Bände.

          Kenner der Verhältnisse sagen, dass bei Katusha-Alpecin Radsport noch so gedacht und geplant wird, wie es früher einmal war. Von Verantwortlichen wie José Azevedo (General Manager), Dirk Demol (Sportlicher Leiter) und dem im Frühjahr hinzugeholten Erik Zabel (Performance Manager). Männer, die auch für die Zeiten stehen, die der Radsport hinter sich lassen will. Zumal die Radsportmarke Katusha in den ersten Jahren ihres zehnjährigen Bestehens einige Doping-Fälle zu verkraften hatte. Es werde intern von den Chefs sehr viel mit dem Mittel gearbeitet, Druck auf die Fahrer auszuüben und den Misserfolg an Einzelnen festzumachen, heißt es. In diesem von Fehlkalkulationen und -einschätzungen bei der Fahrerzusammenstellung geprägten Klima war der Ausstieg von Marcel Kittel im Mai ein GAU für das Team.

          Der Thüringer Topsprinter galt den Verantwortlichen als Garant für eine erkleckliche Anzahl an Saisonsiegen. Doch in Kultur und Arbeitsweise der Mannschaft rutschte Kittel (fünfmaliger Etappensieger bei der Tour de France 2017) im ersten Vertragsjahr 2018 in eine Formkrise, aus der er nicht mehr herausfand – bis zum freiwilligen Rückzug auf unbestimmte Zeit aus dem Peloton. Doch so richtig harmoniert hatte es auch nicht, als Kittel noch bei Kräften war. Die reine Hoffnung, dass Kittel es schon richten werde, ist Katusha-Alpecin längst auf die Füße gefallen. Im Ranking der aktuellen Tour de France nimmt die ohne Sprinter und Klassementfahrer angetretene Mannschaft den letzten Platz ein. Der Vorjahresneunte bei der Tour, Ilnur Zakarin, kam gleich bei der ersten Bergprüfung am Donnerstag mit knapp 19 Minuten Verspätung ins Ziel. Der Russe soll schon einen neuen Arbeitgeber für 2020 gefunden haben.

          Katusha ist übrigens kein Firmenname, sondern ein Konstrukt, hinter dem russische Energiekonzerne stehen. 2009 ist es angetreten, um russischen Rennfahrern Aufstiegsmöglichkeiten in die erste Radsportliga zu bieten. Doch zu wenige einheimische Talente vermochten sich zu empfehlen, so dass das Team zunehmend internationalisiert worden ist. Gerüchteweise zieht es die deutschen Geldgeber Canyon und Alpecin zum Zweitdivisionär Corendon-Circus, das den niederländischen Shootingstar Mathieu van der Poel unter Vertrag hat. Für Katusha könnte sich eine Kooperation anbahnen mit dem ebenfalls zweitklassigen Rennstall Israel Cycling Academy, dem Ambitionen für einen Aufstieg in die World-Tour nachgesagt werden. Bis dahin bleibt Katusha-Alpecin die Hoffnung, dass zumindest Politt weiter gehörig Tempo macht.

          Tour de France

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