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Nairo Quintana : Das Juwel aus den Anden

  • -Aktualisiert am

Schneller als sein Kapitän: Nairo Quintana erweist sich bei der Tour als trittfest und gewieft Bild: dpa

Der 23 Jahre alte Kolumbianer Nairo Quintana verblüfft Freund und Feind. Obwohl er den Führenden Christopher Froome wohl nicht mehr gefährden kann, ist er eine der auffälligsten Erscheinungen bei der Tour de France.

          3 Min.

          Er spricht sehr leise, man muss genau hinhören, um ihn wirklich verstehen zu können. Nairo Quintana ist ohnehin ein introvertierter Mann, vielleicht hat das auch mit seiner Herkunft zu tun, mit den Kindheitsjahren in den kolumbianischen Anden, fernab allen Trubels. Quintana entstammt einer Bauernfamilie, er weiß, was es bedeutet, den Alltag unter schwierigen Bedingungen zu meistern.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Er führt jetzt ein anderes Leben als aufstrebender Sportler, ein angenehmeres, auch wenn es ebenfalls entbehrungsreich ist und voller Härten. Aber Quintana dürfte immerhin nicht schlecht verdienen als Radprofi, er hat sich schließlich, obwohl erst 23 Jahre alt, bereits einen Namen gemacht in der Branche. Er steht sogar, verblüffende Entwicklung, als junger Rennfahrer in der ersten Reihe einer frisch aufgeblühten kolumbianischen Streitmacht im Profiradsport.

          Und zählt nun auch zu den auffälligsten Erscheinungen bei der 100. Tour de France. Quintana war bis Mittwoch Fünfter der Gesamtwertung, er trägt das Weiße Trikot des besten Jungprofis. Auch er wird zwar dem Briten Christopher Froome nicht mehr gefährlich werden können, die Jubiläums-Tour wird sich trotzdem als markanter Punkt erweisen in der Karriere des Kolumbianers.

          Quintana, dessen Landsmann Rigoberto Urán in London Olympia-Zweiter im Straßenrennen geworden war, steht beim spanischen Team Movistar unter Vertrag, Alejandro Valverde ist dort sein Kapitän. Aber das schmächtige Bürschchen aus den Anden mit der Trikotnummer 128 entpuppt sich in diesen Tagen als stabiler als Valverde. Quintana, 1,67 Meter groß und 59 Kilogramm schwer, hatte das auch mit einem Angriff am Mont Ventoux bewiesen, der lediglich von Froome gekontert wurde.

          Schon jetzt ist der Kolumbianer eines der Gesichter der 100. Tour
          Schon jetzt ist der Kolumbianer eines der Gesichter der 100. Tour : Bild: dpa

          Und der Kolumbianer ist nicht nur trittfest, sondern offenbar auch schon mit allerlei Finessen des Metiers vertraut. Am Dienstag hatte Quintana sich jedenfalls den Zorn von Alberto Contador zugezogen, weil der Spanier, der ebenso wie Froome ins Straucheln geraten war, glaubte, dass der Kolumbianer das Malheur der Stars hatte ausnutzen wollen.

          Er machte Quintana dafür verantwortlich, dass nach dem Zwischenfall nicht auf ihn und Froome gewartet wurde. „Wir sind gestürzt“, sagte Contador, „und Nairo wollte daraus Kapital schlagen und hat das Tempo erhöht.“ Später hielt er Quintana den nach oben gestreckten Daumen entgegen - eine ironische Geste, die ausdrücken sollte: gut gemacht. Quintana war sich, versteht sich, keiner Schuld bewusst.

          Kaum aufzuhalten: Ouintana beim Zeitfahren am Mittwoch
          Kaum aufzuhalten: Ouintana beim Zeitfahren am Mittwoch : Bild: dpa

          Der Kolumbianer wird, das war auch am Dienstag deutlich geworden, von den Größen des Metiers längst ernst genommen. „Er ist so dynamisch. Wir dürfen ihm nicht den geringsten Platz lassen“, sagte zum Beispiel Nicolas Portal, Sportlicher Leiter beim Team Sky. Er hat schließlich auch nicht vergessen, wie Quintana im vergangenen Jahr beim Criterium du Dauphiné den Sky-Profis entwischt war und die Königsetappe gewonnen hatte.

          Damals war der Kolumbianer noch nicht für die Tour de France nominiert worden. In dieser Saison machte er zunächst durch den Sieg bei der Baskenland-Rundfahrt auf sich aufmerksam - ehe er sich jetzt bei der Frankreich-Rundfahrt ins Rampenlicht schob als exzellenter Kletterer.

          Nah beim Mann in Gelb: Quintana (rechts) und Christopher Froome
          Nah beim Mann in Gelb: Quintana (rechts) und Christopher Froome : Bild: dpa

          Es ranken sich inzwischen viele erstaunliche Geschichten um Quintana und um seinen rasanten Aufstieg im Radsport. So heißt es, dass er nur durch die Hilfe einer kolumbianischen Heilerin überhaupt noch lebe. Sie soll ihn, der angeblich früh an einer Krebsart litt, mit einem Elixier behandelt haben, das aus Pflanzen aus den Bergen seiner Heimat Boyaca hergestellt wurde. Es soll eigentlich keine Hoffnung für Quintana gegeben haben, doch die Behandlung wirkte offensichtlich Wunder.

          Später, als Heranwachsender, erlebte er das Fahrradfahren in einer ganz speziellen Form. Quintana bewältigte den etwa 18 Kilometer langen Weg zur Schule mit einem 20 Kilogramm schweren Velo, dabei war eine Anhöhe zu erklimmen mit einer Steigung von acht Prozent. Als er den Radsport zu seinem Beruf gemacht hatte, gerierte der Kolumbianer sich umgehend als dankbarer Sohn: Quintana, der zwei Schwestern und zwei Brüder hat, kaufte seinen Eltern von seinen ersten Prämien als Profi eine Bäckerei - und seiner Mutter außerdem eine Waschmaschine.

          Sonderbare Begebenheiten in der Vita eines jungen Mannes, der aus einer 3000 Meter hoch gelegenen Region kommt. Und der damit einen natürlichen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu haben scheint. Dennoch mutet die Geschwindigkeit, mit der Quintana sich in seiner Zunft etablierte, außergewöhnlich an. Seine spanische Equipe animierte dies nun flugs zum Handeln: Sie verlängerte den Kontrakt mit Quintana bis 2015. Das Juwel aus den Anden verspricht schließlich eine hohe Rendite.

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