https://www.faz.net/-gtl-85me8

Tour de France : Radsport als Luxushobby

  • -Aktualisiert am

Da steckt Geld dahinter: Alberto Contador (links) mit seinen Kollegen vom Team Tinkoff-Saxo Bild: AP

Der Osten hat die Frankreich-Rundfahrt für sich entdeckt – und gönnt sich bei der Tour de France teure Teams. Dem Kampf um sauberen Sport tut das nicht gut.

          Oleg Tinkow ist gut betucht, sehr gut sogar, und er zeigt das auch gerne. Der Russe gilt als Lebemann, und wenn er in prächtiger Laune ist, kommt es schon mal vor, dass er auch bei der Tour de France den teuersten Champagner servieren lässt. Der schwerreiche russische Unternehmer ist seit längerem eng verbunden mit dem Radsport, inzwischen führt er als Besitzer das Team Tinkoff-Saxo, das von dem Dänen Bjarne Riis aufgebaut wurde. Riis ist aber nun nicht mehr im Spiel, er wurde entlassen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Igor Makarow verfügt ebenfalls über reichlich Geld, und wie Tinkow alimentiert der russische Oligarch großzügig den Radsport. Der Etat des Teams Katjuscha wird auf mindestens 20 Millionen Euro geschätzt; eine ähnliche Summe muss für die Formation Tinkoff-Saxo aufgebracht werden. Insgesamt soll Makarow pro Jahr sogar zwischen 40 und 50 Millionen Euro in den russischen Radsport stecken.

          Zweifelhafte Machenschaften

          Der Osten Europas dreht schwungvoll am großen Rad, bisweilen im staatlichen Interesse, zu sehen auch an den Kasachen, für die das Team Astana ein Prestigeobjekt ist. Und es war im vergangenen Jahr, als der Italiener Vincenzo Nibali für die Equipe des schlecht beleumundeten Teamchefs Alexander Winokurow die Tour gewann, natürlich der große Stolz des Landes. Momentan ist der Sizilianer allerdings nicht besonders gut in Tritt. Nach acht Etappen der 102. Tour hatte Nibali schon 1:48 Minuten Rückstand auf den Briten Christopher Froome. Da konnte Tinkow schon ein bisschen zufriedener sein. Seine Galionsfigur, der einstige Doping-Sünder Alberto Contador, lag nur 36 Sekunden hinter dem souverän wirkenden Froome.

          So sehr der Osten mit der Unterstützung seiner finanzstarken Mäzene auf das Tempo drückt, so verrufen ist er derzeit auch - ohne dass sich behaupten ließe, dass diese Region grundsätzlich anfälliger wäre für unlauteren Wettbewerb als Nationen aus anderen Teilen Europas. Tatsache aber ist, dass just das Team Astana und Makarows Rennstall zuletzt für eine Menge Debatten sorgten wegen allerlei Verfehlungen. Die Kasachen hatten gerade noch einen Lizenzentzug wegen mehrerer Doping-Fälle in jüngerer Vergangenheit abwenden können. Sie wurden allerdings, weil sie den Niederländer Lars Boom trotz eines auffällig niedrigen Cortisol-Wertes an der Tour teilnehmen ließen, vorläufig aus der Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport ausgeschlossen.

          Das Team Katjuscha musste nun hinnehmen, dass Luca Paolini von der Tour verbannt wurde, nachdem er während der Rundfahrt positiv auf Kokain getestet wurde. Dies wird während eines Wettkampfes als Doping gewertet. Der 38 Jahre alte Italiener, dem eine längere Sperre drohen könnte, beteuerte umgehend seine Unschuld, er könne sich die Sache nicht erklären. Und Teammanager Wjatscheslaw Jekimow, der als Radprofi früher treu an der Seite von Lance Armstrong gestanden hatte, verwies flugs auf die „strikte Anti-Doping-Politik“ seiner Equipe. Die Russen wollen sich im Fall Paolini weitere Schritte vorbehalten, sie sorgen sich angeblich um ihren Ruf. „Das schädigt unser Image“, sagte Jekimow.

          Hat Paolini womöglich nur eine Dummheit begangen? Oder steckt doch System hinter dieser Geschichte? Er wolle, ließ er wissen, mit dem Internationalen Radsportverband (UCI) zusammenarbeiten und bei der Klärung der Angelegenheit helfen. „Signore Paolini wird da schon einen ganz besonders guten Pharmakologen brauchen, um eine Story aus dem Befund zu machen“, sagte der Nürnberger Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel. Für Teamkollegen von Paolini wie Alexander Kristoff war die Nachricht „ein Schock“. „Hat er es getan, um Schmerzen zu unterdrücken, vertraue ich ihm nicht mehr. Hat er es aus privaten Gründen gemacht, braucht er Hilfe“, sagte der Norweger.

          „Mein Team ist mein Spielzeug“

          Auch das Team Katjuscha hatte einst mit der UCI im Clinch gelegen; 2012 sollte ihm, nachdem es etliche Doping-Vergehen gegeben hatte, die Startberechtigung entzogen werden. Die Russen erstritten sie sich aber schließlich vor dem Internationalen Sportgerichtshof. Vor einigen Jahren noch fast dem Untergang geweiht, steht das Team Katjuscha jetzt prächtig da, zumindest sportlich. Es hat in dieser Saison bereits Erfolge zuhauf errungen, vor allem durch den Sprinter Kristoff. Und mit dem Spanier Joaquim Rodriguez stellen die Russen bereits einen Etappensieger bei dieser Tour. Das Geschäft läuft im Prinzip wie geschmiert. Auch mit heimischen Rennfahrern wie Ilnur Sakarin, der in diesem Jahr überraschend die Tour de Romandie für sich entschieden hat. Mit Sakarin werden große Hoffnungen in Russland verknüpft; allerdings ist der aufstrebende Profi nicht unbelastet, er hat bereits eine Doping-Sperre hinter sich.

          Aber Russen oder Kasachen lassen sich durch solche Vorkommnisse nicht beirren, sie basteln weiter kräftig an der Zukunft ihres Radsports. Winokurow, der wie ein Mann ohne Skrupel erscheint, schert sich wenig um die öffentliche Kritik an seinem umstrittenen Team, Tinkow stört sich nicht an der dunklen Vergangenheit des kleinen Spaniers Contador. „Mein Team ist mein Spielzeug“, sagt er. Und wie überzeugt Tinkow von sich ist, wird durch diese Aussage deutlich: „Keiner kann mich am Reden hindern, nicht einmal Wladimir Putin.“ Vor einiger Zeit hatte der exzentrische Russe sogar einen Rad-Vierkampf angeregt: Contador, Froome, Nibali und der Kolumbianer Nairo Quintana sollten in einem Jahr bei allen drei großen Rundfahrten - Giro, Tour und Vuelta - gegeneinander antreten, für eine Antrittsprämie von jeweils 250 000 Euro. Vermutlich wird aus diesem Vorstoß aus dem Osten nie etwas. Das muss kein Schaden sein für den Radsport.

          Weitere Themen

          Blinde Surferin bezwingt die Wellen Video-Seite öffnen

          Inspirierende Geschichte : Blinde Surferin bezwingt die Wellen

          Carmen Lopez ist die erste weibliche blinde Surferin aus Spanien. Nicht nur, dass sie die Sportart erst vor einigen Monaten für sich entdeckt hat - nun sollen ihre Erfolge auch Früchte tragen: Bei der Parasurf-Weltmeisterschaft im kalifornischen La Jolla.

          Topmeldungen

          Die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer

          Umfrage : Union und SPD legen zu

          Die Wahl Annegret Kramp-Karrenbauers zur CDU-Vorsitzenden hilft der Union offenkundig in den Umfragen – sie kommt nun auf 31 Prozent. Die SPD liegt wieder zwei Punkte vor der AfD.
          Die Pubertät beginnt immer früher, heute oft schon im Alter von zehn Jahren.

          Konservierungsstoffe : Frühe Pubertät durch Pflegeprodukte?

          Die Pubertät beginnt heute im Durchschnitt sechs Jahre früher als vor 150 Jahren. Eine Langzeitstudie zeigt nun, dass die Nutzung von Pflegeprodukten durch Mütter und Töchter eine Erklärung sein könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.