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Auftakt der Tour de France : Cavendish besiegt die deutschen Tempomacher

  • -Aktualisiert am

Erster Sieger: Mark Cavendish gewinnt die erste Etappe der Tour de France Bild: Reuters

Zweiter und Vierter: Bei der ersten Etappe der Tour de France müssen sich Marcel Kittel und André Greipel im Schlusssprint dem Briten Mark Cavendish geschlagen geben. Dafür hat ein anderer Deutscher etwas zu feiern.

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          Er hatte sich schon mal als Rapper präsentiert, und auch in diesem Jahr hat André Greipel einen Tour-Song kreiert, allerdings lässt der gebürtige Rostocker es dabei musikalisch ein bisschen ruhiger angehen. Sein Song, der als Hommage an das größte Spektakel des Radsports zu verstehen ist, heißt „Bonjour le Tour“. Ein Beleg dafür, wie sehr Greipel dieses Rennen schätzt, und es hat ihm auch schon einiges gegeben. Zwar noch kein Gelbes Trikot, dafür aber zehn Etappensiege, und natürlich hofft Greipel darauf, dass bei der 103. Auflage der Tour de France seine Ausbeute noch ein wenig gesteigert werden kann.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Er ist wieder sehr zuversichtlich nach Frankreich gereist, noch dazu als deutscher Meister, was ihm einen zusätzlichen Schub verleiht. Am Samstag aber, beim Tour-Auftakt an der Atlantikküste, war Greipel erst einmal unter den Geschlagenen – der Brite Mark Cavendish bezwang am Utah Beach im Sprint seine deutschen Widersacher, Marcel Kittel wurde Zweiter, Greipel Vierter. Cavendish schnappte ihnen damit auch Gelb weg. Mit Kittel hat Greipel in diesem Juli, im Gegensatz zum vergangenen Jahr, ernsthafte Konkurrenz auch aus dem eigenen Land.

          Mann mit neuem Lebensgefühl

          Kittel war 2015 von seinem damaligen Team Giant-Alpecin nach einer Krankheit nicht für die Tour nominiert worden. Nun ist er wieder dabei, als Frontfigur der belgischen Equipe Etixx-Quick Step, als Mann mit neuem Lebensgefühl nach einer verkorksten Saison. Kittel kehrte mit neuer Stärke zur Tour zurück. Und der deutsche Radsport tritt dort somit mit zwei speziellen Tempomachern an – auch wenn am Samstag der große Coup verpasst wurde.

          In gewisser Weise zählt sich auch John Degenkolb zur Spezies der schnellen Männer, er sagte dieser Tage: „Ich bin ein Klassikerfahrer, der auch ziemlich gut sprinten kann.“ Degenkolb, der die Tour nach einem schweren Trainingsunfall zu Jahresbeginn und einer längeren Zwangspause als einen Neustart betrachtet, kann jedoch auf flachem Terrain mit Greipel und Kittel, die wie Degenkolb maßgeblich zur frischen Blüte des deutschen Radsports beigetragen haben, nicht mithalten; der Antritt dieser beiden ist wesentlich explosiver. Degenkolb ist jedoch froh, überhaupt bei der Tour starten zu können nach seinem fürchterlichen Crash: „Der erste Etappensieg ist für mich schon geschafft“, sagte er vor der 188 Kilometer langen Ouvertüre der „Großen Schleife“ zwischen Mont-Saint-Michel und dem Utah Beach.

          Ein Rennen auf geschichtsträchtigem Boden, mit dem Finale auf der Straße der Alliierten, wo die Deutschen am Samstag wenigstens das erste Bergtrikot überreicht bekamen: Paul Voß vom Team Bora hatte es mit einem beherzten Auftritt bei zwei Wertungen der vierten Kategorie in Meeresnähe erobert. Es war ein bisweilen tückisches Pflaster gleich am ersten Tag, der hoch gehandelte Spanier Alberto Contador bekam das als prominentes Sturzopfer schmerzhaft zu spüren. Zudem ereignete sich kurz vor dem Etappenende eine größere Karambolage.

          Männer wie Greipel und Kittel, die schon beim Giro 2016 Erfolge errungen hatten, müssen furchtlos sein bei einer rasenden Hatz in hoher Geschwindigkeit, müssen sich mit ihren Ellenbogen behaupten können im dichten Pulk der Rivalen, müssen austeilen und einstecken. Einzelkämpfer auf dem Rad, zumindest auf den letzten Metern vor dem Ziel. Und doch benötigen sie auch ein funktionierendes Team, Mitstreiter, die sie in eine günstige Position bringen vor dem Endspurt.

          André Greipel und Marcel Kittel haben auf der ersten Etappe das Nachsehen. Bilderstrecke
          André Greipel und Marcel Kittel haben auf der ersten Etappe das Nachsehen. :

          Das wird Zug genannt in der Sprache des Radsports, und Greipel, die Zuverlässigkeit in Person, kann bei seinem belgischen Team Lotto Soudal seit Jahren auf ein solches Team zurückgreifen – eine eingespielte Einheit. Sie wird den Bedürfnissen des Radprofis, der als „Gorilla“ bezeichnet wird wegen seiner ausgeprägten Oberschenkelmuskulatur, vollauf gerecht. Unter anderem mit dem treuen Helfer Marcel Sieberg, der sich auf der Zielgeraden in der Regel vor seinen Freund Greipel spannt und ihm als Anfahrer den Weg zum Showdown zu bereiten versucht. Manchmal muss Greipel aber auch improvisieren, sofern er doch auf sich allein gestellt ist; er beherrscht als einer der erfahrensten und konstantesten Vertreter seiner Zunft auch diese Rolle.

          So dominant waren die deutschen Sprinter in den vergangenen Jahren, dass sich die Tour de France vorübergehend in Tour d‘Allemagne umbenennen konnte. Der Thüringer Kittel entschied immerhin bereits acht Etappen für sich, und er glaubt nun, die Basis für weitere Großtaten gelegt zu haben. Kittel kann sich durch seinen Wechsel nach Belgien, wo der Zeitfahrspezialist Tony Martin zu seinen Gefährten gehört, wieder der Unterstützung seines Rennstalls sicher sein. Das war bei Giant-Alpecin anders, die Zusammenarbeit endete mit manchem Misston. Die Deutschen wollen sich jetzt am Gesamtklassement orientieren, da bliebe kaum Gelegenheit, sich auch noch für einen Rennfahrer vom Typ Kittels ins Zeug zu legen.

          Der Thüringer hat manches verändert, um wieder in Schwung zu kommen, er sagte dazu dem Magazin „Tour“: „Auch aufgrund der negativen Erlebnisse 2015 gehe ich meinen Job mittlerweile erheblich bewusster an und nehme deutlich mehr Einfluss auf die Trainingsgestaltung. Jetzt gestalte ich viel mehr selbst und übernehme mehr Verantwortung.“ Kittel achtet überdies mehr auf seine Gesundheit. „Um Krankheiten vorzubeugen, habe ich einen Großteil des Winters im milden spanischen Girona verbracht.“ In der windigen Normandie fand er nun zunächst seinen Meister. Aber mit Kittel und Greipel wird weiter zu rechnen sein.

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