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5. Kittel-Sieg bei der Tour : Der neue Sommer-Held des deutschen Sports

Fast schon ein gewohntes Bild: Marcel Kittel auf dem Siegerpodest bei der Tour de France. Bild: EPA

Muskelspiele und Mammon: Marcel Kittel sichert sich seinen fünften Etappensieg bei der diesjährigen Tour de France und treibt den deutschen Rekord damit weiter in die Höhe. Das weckt Begehrlichkeiten.

          3 Min.

          Es ist ein Leben wie auf einer Wolke. Oder wie Marcel Kittel es ausdrückt: in einer „kleinen Blase“. Eine, die Kittel sanft umschließen zu scheint, die Geborgenheit bietet und Schutz. Und aus der er Kraft schöpft für Meisterstücke, die ihresgleichen suchen. Kittel ist zu einem Patron der Tour de France aufgestiegen. Anders natürlich als der Brite Christopher Froome, der sich anschickt, dieses Rennen zum vierten Mal zu gewinnen. Aber auch Kittel bedient sich reichlich bei der Tour, er avancierte zum uneingeschränkten Herrscher der Sprinter, er schuf die „Galaxie Kittel“, wie die französische Zeitung „L’Equipe“ beeindruckt über das deutsche Phänomen schrieb. Und Kittel wird die Tour, bei der er am Mittwoch in Pau schon zum fünften Mal triumphierte, nicht nur als deutscher Rekordhalter verlassen, was die Zahl der Etappensiege betrifft, sondern vielleicht auch mit dem Grünen Trikot, das derjenige mitnehmen darf, der sich bei der Tour auf flachem Terrain am besten geschlagen hat.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Kittel zum Vierzehnten insgesamt in Pau, Kittel im Spurt auf neue Höhen: vorbeigezogen schon vor dem Mittwoch an Erik Zabel, der zwölf Tour-Etappen für sich entschieden hatte und nach seiner Karriere ein Doping-Geständnis ablegte. Jetzt geriert Zabel sich als ein Fan von Kittel. Es sei eine Freude, ihm zuzusehen, sagt er und preist Leichtigkeit und Eleganz seines Landsmannes. Er hält den Thüringer für den neuen Mario Cipollini des Radsports – der Italiener war einst, ähnlich wuchtig wie Kittel, die dominierende Figur in der Zunft der Highspeed-Spezialisten. Nur, sagt Zabel, sei Kittel schneller und schöner.

          Die reine Lehre des Radsports

          Für Jörg Werner, den Manager des Thüringers, ist Kittel einerseits eine Art Sommer-Held des Sports – und außerdem ein „sehr guter Botschafter“ des Radsports. Das hat damit zu tun, dass Kittel, neben anderen deutschen Radrennfahrern, wie John Degenkolb oder Tony Martin, die reine Lehre des Radsports propagiert und betont, die Generation der Sauberen zu vertreten. Das liegt natürlich auch an den außergewöhnlichen Muskelspielen des 29 Jahre alten Erfurters, die Werner jedoch nichts als überraschend empfindet. Er verweist auf die Jahre 2013 und 2014, in denen sein Mandant bei der Tour ebenfalls sehr erfolgreich gewesen ist mit jeweils vier Etappensiegen. „Da war er ähnlich stark“, sagt Werner.

          Tour de France

          Dann musste Kittel aber einen Bruch in seiner Laufbahn hinnehmen, wegen einer Erkrankung und wegen der Nichtnominierung für die Tour 2015 durch sein damaliges Team Giant-Alpecin. „Ein verlorenes Jahr“, sagt Werner über 2015, zumindest sportlich. Das Tief von Kittel hatte seiner Auffassung nach aber doch auch eine gute Seite. Weil Kittel dadurch gelernt habe, mit Rückschlägen umzugehen und somit als Mensch sehr gewachsen sei. „Das hat einiges bewirkt“, betont Werner, und eigentlich müsse man dem Team Giant-Alpecin dafür fast dankbar sein. Einer also, der obenauf war, danach manche Schattenseiten seines Berufs kennenlernte und sich in erstaunlicher Manier wieder freistrampelte. Und jetzt, wie Werner findet, mit großer Gelassenheit zu Werke geht, Vertrauen in seine Stärke hat und – wie auf der elften Tour-Etappe von Eymet nach Pau – eine bemerkenswerte Übersicht im Rennen beweist, die ihm den Weg zu ersten Plätzen in Serie ebnete. Wobei zuletzt Konkurrenten wie Mark Cavendish, Peter Sagan oder Arnaud Demare nicht mehr dabei waren.

          Kittel, der in Pau sagte, dass er wunschlos glücklich sei, ist zu einem der begehrtesten Profis des Pelotons geworden. Seine Reputation ist rasant gestiegen. Werner sagt jedoch auch: „Man muss die Kirche ein Stück weit im Dorf lassen. Er hatte seinen Marktwert auch vorher schon.“ Und doch hat der Thüringer, dessen Vertrag beim belgischen Team Quickstep-Floors ausläuft, Begehrlichkeiten in der Branche geweckt. Es gibt angeblich mehrere Interessenten, darunter wohl auch das Team Katjuscha-Alpecin. Der Norweger Alexander Kristoff, heißt es, werde diese Equipe verlassen, und so könnte Kittel dort für frischen Schwung sorgen. „Das kommentiere ich nicht“, sagt Werner und merkt an, dass Transferverhandlungen offiziell erst vom 1. August an geführt werden dürften.

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          Er befindet sich in jedem Fall in einer vielversprechenden Position, schließlich sei Kittel als Sprinter „eine Bank“. Allerdings gehe es bei einem Wechsel nicht nur um das Geld, sagt Werner, sondern auch um ein passendes Umfeld. Das heißt, dass Kittel, sollte er sich tatsächlich verändern, auch darauf achtet, seinen Bedürfnissen entsprechend unterstützt zu werden. Daran mangelt es in seiner derzeitigen Umgebung keineswegs, das Team Quickstep-Floors ist bei den Sprints ganz auf Kittel ausgerichtet, mit Helfern wie dem Italiener Fabio Sabatini, der für den deutschen Star so etwas wie einen Bodyguard darstellt.

          Kittel dürfte in der kommenden Saison so oder so bestens ausgestattet sein, auch finanziell. Genauso wie er nach der Tour Reibach machen kann bei kleineren Rennen, so genannten Kriterien. Für die Gage, sagt Werner, werde Kittels Hoch bei der Tour sicherlich nicht schädlich sein. Die lukrative Tingeltour soll aber ihre Grenzen haben. Um zu gewährleisten, sagt Werner, dass Kittel nach der Tour auch „Luft holen und den Kopf frei kriegen kann“. Für das Leben jenseits des Ausnahmezustandes.

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