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Tour de France : Kittel auf einem anderen Planeten

  • -Aktualisiert am

Marcel Kittel gewinnt die 10. Etappe der Tour de France und stellt einen neuen deutschen Rekord auf. Bild: AFP

Marcel Kittel und die „goldene 13“: Der deutsche Sprinter braust unwiderstehlich zum vierten Etappensieg und übertrifft im Gesamtwerk jetzt sogar Erik Zabel.

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          Seinen Konkurrenten kommt er inzwischen wie eine Naturgewalt vor. Keine Chance, diesen Mann zu stoppen, zumindest auf seinem Spezialgebiet, dem Sprint auf dem Rad. Marcel Kittel gab am Dienstag das nächste Beispiel seiner Extraklasse, und er ist damit nun auch ein deutscher Rekordhalter bei der Tour de France. Die „goldene 13“ gewissermaßen: Das steht jetzt für Kittels bemerkenswerte Karriere. Er siegte in Bergerac zum vierten Mal bei dieser Tour de France, damit stehen nun 13 Etappensiege für ihn zu Buche bei der Frankreich-Rundfahrt. Damit überflügelte er am zehnten Tag der Tour, Erik Zabel, der ein Dutzend solcher Glücksmomente bei der Tour erlebt hatte. Zabel nahm es gelassen hin, entthront worden zu sein, er zollte seinem Nachfolger hohe Anerkennung: „Glückwunsch“, sagte er.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Für die Tour-Favoriten war diese Sprintetappe dagegen fast wie ein verlängerter Ruhetag. Der Brite Christopher Froome, der das Gesamtklassement weiter mit 18 Sekunden vor dem Italiener Fabio Aru anführt, sprach jedenfalls von der bisher „vielleicht angenehmsten Etappe, kein Stress, alles perfekt.“

          Kittel aber, der Mann im Grünen Trikot, schob sich am Dienstag auf den letzten Metern unwiderstehlich nach vorne, er gewann mit deutlichem Vorsprung. Und er bewies dabei wieder, dass er ein exzellentes Gespür dafür hat, wann er mit aller Wucht antreten muss, um seinen Gegnern zu enteilen. Es schien fast so, als spielte Kittel mit seinen Rivalen. Eine Art TGV, der sich, sobald er ins Rollen gekommen ist, durch nichts aufhalten lässt. Kittel verfügt, wie es im Radsport heißt, über einen großen Motor, der in diesen Tagen auf Hochtouren läuft.

          Damit verwies er in Bergerac wieder einmal auch André Greipel in die Schranken, dessen belgische Equipe zwar eine Menge Arbeit geleistet hatte, letztlich aber die nächste Niederlage hinnehmen musste. Bittere Tage für Greipel, der in Bergerac Zwölfter wurde und dessen Hoffnungen, auch diesmal einen Spurt bei der Tour für sich zu entscheiden, mehr und mehr schwinden.

          Dafür war ein anderer Landsmann Kittels am Dienstag hochzufrieden: John Degenkolb, nach einem Sturz an der Schulter lädiert, katapultierte sich auf den zweiten Platz. Er sprach danach von einem „klassischen Abstauber“. Degenkolb, beim Team Trek-Segafredo eigentlich Helfer des Spaniers Alberto Contador, sagte in Bergerec: „Ich habe mich bei Marcel hintendran gehängt.“ Ein kluger Entschluss von Degenkolb, sich von dem Thüringer sozusagen ziehen zu lassen. Degenkolb verspürte danach große Erleichterung – und frische Motivation, bei der Tour trotz seines Malheurs und seiner Schmerzen noch mehr erreichen zu können. „Das war das richtige Zeichen.“

          Tour de France

          Es gibt nur eines, was Degenkolb zum vorzeitigen Ausstieg bei der Tour bewegen könnte. Seine Ehefrau Laura ist hochschwanger und am 1. August, also gut eine Woche nach dem Ende der Tour, soll die gemeinsame Tochter zur Welt kommen. Sollte es aber früher passieren, würde sich Degenkolb direkt auf den Weg nach Oberursel machen. „Im Moment sieht aber alles gut und entspannt aus“, sagt Degenkolb, der sich deswegen gleich wieder sportlichen Dingen zuwendet. Kittel ist im Flachen wegen seiner Explosivität auch für ihn unantastbar. „Ich kann ihn nicht im Duell Mann gegen Mann schlagen“, sagte Degenkolb und beschrieb den Erfurter sogar so, als wäre er ein Außerirdischer: „Marcel ist im Moment auf einem anderen Planeten.“

          Dafür gibt sich der Souverän unter den Sprintern aber erstaunlich bodenständig. Kittel mochte nicht groß auf seine Bestmarke eingehen, sondern sagte nur, dass er die Tour genieße und dass er es liebe, auf dem Rad zu sitzen. Es gehe ihm nicht um Legenden oder Rekorde, behauptete der Thüringer. Sondern jetzt vor allem um die Freude auf die nächsten Tage, um das weitere Miteinander mit seinen Teamkollegen „in unserer kleinen Tour-Glocke“. Und für Kittel bietet die Tour noch manche Gelegenheit, seine Ausnahmestellung zu demonstrieren – zum Leidwesen der offensichtlich machtlosen Konkurrenz.

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