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John Degenkolb : Die gestörte Liebe zur Tour de France

  • -Aktualisiert am

Kämpfer auf zwei Rädern: John Degenkolb Bild: EPA

John Degenkolb ist bei der Tour de France wieder nicht dabei. Der Radprofi muss kämpfen, um im großen Räderwerk dabeizubleiben. Jedes Rennen wird zur Qualifikationsbühne für einen neuen Vertrag.

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          Das Rendezvous mit der Tour? Fällt in diesem Jahr aus für John Degenkolb. Schon wieder. Seine Liebe zur Tour de France ist zeit seiner Profikarriere von dieser nur selten erwidert worden, seit drei Jahren weist sie ihn sogar brüsk zurück. In diesem und den vergangenen beiden Jahren hat sich der Oberurseler in der Vorbereitung geschunden, um für den Saisonhöhepunkt des Pelotons in Frankreich in Topform zu sein.

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          Doch statt, wie angestrebt, dreimal 21 Etappen zu bestreiten vor den Augen der (Radsport-)Welt, saß er nur einen einzigen, zumal überaus schmerzhaften Tag im Sattel. 2019 wurde Degenkolb von seinem damaligen Team Trek-Segafredo nicht nominiert, der am Saisonende auslaufende Vertrag nicht verlängert; 2020 stürzte er in den Farben seiner neuen Mannschaft Lotto-Soudal auf dem ersten Teilstück gleich schwer und erreichte das Ziel knapp außerhalb des Zeitlimits.

          „Wenn alle Zeichen darauf stehen, sich drei Tour-Wochen zu quälen, und dann ist der Spuk nach einem Tag vorbei, ist das echt krass“, sagt Degenkolb über einen der Tiefpunkte seiner Karriere. In diesem Jahr wurde er von Lotto-Soudal nicht für die an diesem Samstag startende Tour-Ausgabe berufen, sein Vertrag mit der belgischen Equipe läuft aus – die Zeichen stehen auf Trennung.

          „Unumstritten, dass ich nicht obenauf bin“

          Degenkolb ist an einem kritischen Punkt seiner Karriere angekommen. Nicht nur weil die Teilnahme an der Frankreich-Rundfahrt die Währung schlechthin ist im Peloton. Aber vor allem weil er zum einen mit 32 Jahren in die Endphase seiner Rennfahrerzeit einbiegt und zum anderen seit Jahren kaum noch Topresultate liefert. Ob ihm sein nach wie vor in der Szene klangvoller Name als einstiger Sieger der Radsport-Monumente Paris–Roubaix und Mailand–Sanremo und Etappensieger bei allen drei großen Landesrundfahrten den Verbleib in der ersten Liga seines Sports sichern kann, erscheint fraglich.

          „Dass ich nicht mehr obenauf im Konkurrenzkampf gegen die neue Generation im Radsport bin, ist unumstritten“, sagt Degenkolb im Gespräch mit der F.A.Z. „Auch wenn ich jetzt auf gleich aufhören müsste, würde ich auf eine wahnsinnig schöne und erfolgreiche Zeit zurückblicken. Ich würde nichts finden, was ich bereue, und vieles sehen, worauf ich stolz bin.“

          Doch mit Gedanken, als ehemaliger Champion, der die einstigen Höhen nicht mehr erreicht, den Radsport dranzugeben, trägt der gebürtige Thüringer sich nicht. Zwei bis vier Jahre wolle er noch auf hohem Niveau fahren. „Ich habe noch den Willen und den Biss und, davon bin ich fest überzeugt, auch noch die Fähigkeiten, Radrennen zu gewinnen“, so Degenkolb. „Alles, was noch kommt, ist Bonus.“

          Ein Vorbild könnte der Eschborner Tony Martin sein, der in der Spätphase seiner Karriere eigene Siegambitionen zurückstellte und in einer herausgehobenen Helferrolle und als eine Art Mentor beim Topteam Jumbo-Visma voll aufgeht. „Tony ist ein tolles Beispiel. Über solch eine Option habe ich mir auch schon Gedanken gemacht“, sagt Degenkolb. Jetzt gilt es für den Familienvater aber erst mal zu verkraften, dass seine aufgebaute Form nun regelrecht nutzlos verpuffen wird. Denn für die in diesem Jahr bleibenden wichtigsten Ziele, das in den Herbst verschobene Paris–Roubaix, Eschborn–Frankfurt und die Weltmeisterschaften in Flandern, gilt es, wieder neu aufzubauen.

          Der 24. Januar 2016 war prägend

          Über 40 Renntage hat Degenkolb in diesem Jahr schon in den Beinen, bei für ihn so wichtigen Klassikern im Frühjahr war er häufig in den Rennfinals dabei, aber am Ende nicht vorne dabei. Für eine Berufung ins achtköpfige Tour-Team von Lotto-Soudal war „es anscheinend nicht genug“, sagt Degenkolb. Zuletzt bei der enorm bergigen Ausgabe der Tour de Suisse und dem mit vielen Höhenmetern gespickten Rennen um die deutsche Meisterschaft am vergangenen Sonntag war für den sprintstarken Fahrertypen Degenkolb nichts zu holen.

          Und dennoch wirkt Degenkolb seit einer Weile angesichts der sportlichen Umstürze im Radsport mit einer enorm starken jungen Generation wie ein von der Zeit Überholter. Zumal auch (Ausnahme-)Athleten seiner Gewichtsklasse (über 75 Kilogramm) wie Wout van Aert ihm auf allen Terrains davonfahren.

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          In Degenkolbs Entwicklung als Rennfahrer und auch als Mensch spielt der 24. Januar 2016 eine prägende Rolle. Der Frontalzusammenstoß im Trainingslager in Spanien mit einem auf der falschen Spur entgegenkommenden Auto war eine Zäsur. Degenkolb nennt es einen „Moment im Leben, der die Dinge verändert hat. Ich habe es immer versucht auszublenden. Aber realistisch betrachtet, gibt es in meiner Karriere ein Davor und ein Danach.“

          Davor der strahlende Siegertyp, der viel positive Entwicklungsarbeit leistete für den hierzulande nach den Dopingverwicklungen daniederliegenden Radsport. Danach der Profi, der nach Überwindung der ernsten Verletzungen trotz allen Kampfgeistes nicht mehr anknüpfen konnte an die Glanzzeiten. „Ich musste lernen, damit umzugehen. Und das habe ich mit Bravour gemeistert, weil ich mich nicht habe zermürben lassen. Das ist zwar kein Erfolg, der sich in Trophäen messen lässt. Aber alle Rückschläge verkraftet zu haben, immer wieder aufgestanden zu sein und die Liebe zum Radsport nicht verloren zu haben – darauf bin ich stolz“, sagt Degenkolb.

          „Ich lasse mich nicht unterkriegen“

          Umso herausragender ist für ihn die Bedeutung des Tages, als die Tour de France ihn doch einmal mal mit Gloria bedachte. Der Etappenerfolg 2018 auf dem Teilstück nach Roubaix ist der einzige herausstechende Erfolg des Oberurselers in der Zeit nach dem Unfall. Ob er noch mal in Reichweite eines solch großen Wurfs kommt? In der zweiten Jahreshälfte 2021 wird der Profi sich abstrampeln müssen, um überhaupt im großen Räderwerk bleiben zu können. Jedes Rennen wird für Degenkolb zur Qualifikationsbühne für einen neuen Vertrag. „Ich lasse mich jedenfalls nicht unterkriegen.“

          Tour de France

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