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Tour de France : Degenkolb ist der König des Kopfsteinpflasters

  • -Aktualisiert am

Im Ziel in Roubaix: John Degenkolb gewinnt den Sprint der Ausreißergruppe Bild: AFP

Erster deutscher Etappensieg der laufenden Tour de France: John Degenkolb siegt nach über 20 Kilometern auf Kopfsteinpflaster im Etappenziel Roubaix. Der Erfolg überstrahlt die sonst von Stürzen und Enttäuschungen geprägte Tour der Deutschen.

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          Was soll man nur von den deutschen Radprofis halten? Bis zum Samstag waren sie bei der Tour de France noch vom Pech verfolgt wie der durch einen Wirbelbruch ausgeschiedene Tony Martin oder nicht in der passenden Verfassung, um etwas ganz Großes bewirken zu können. Am Sonntag aber traten sie aus dem Schatten, in Gestalt von John Degenkolb. Und wie! Nach insgesamt 156,5 Kilometern und nach fast 22 Kilometern, die über das gefürchtete Kopfsteinpflaster führten, war Degenkolb in Roubaix der Mann der Stunde: Gewinner eines wahren Kraftaktes, sein allererster Coup überhaupt bei der Tour nach langem Anlauf.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Ein traumhafter Augenblick für den Hessen, der nun just in der Stadt triumphierte, in der er 2015 schon einmal höchste Radsport-Weihen errungen hatte, als Sieger des Frühjahrs-Klassikers Paris–Roubaix. Eine berüchtigte Region im Radsport zwar, für Degenkolb aber hat sie offensichtlich einen goldenen Boden.

          Der Profi vom Team Trek-Segafredo hatte etwa 16 Kilometer vor dem Ziel angegriffen, zusammen mit den beiden Belgiern Greg Van Avermaet, der das Gelbe Trikot behielt, und Yves Lampaert. Ein Fall für drei, aus dem Degenkolb schließlich das Beste machte. Er spurtete von der Spitze aus los und war von den beiden Verfolgern nicht mehr einzuholen. Eine Erlösung für den unwiderstehlichen Degenkolb, der am Sonntag zum Glück zurückfand. Er hatte harte Zeiten als Radrennfahrer überstehen müssen, vor allem nach seinem schweren Trainingsunglück Anfang 2016 in Spanien, als ein Auto mit einer Fahrergruppe um Degenkolb kollidierte.

          Tag der extremen Strapazen

          Es spricht für Degenkolbs ausgeprägten Willen, sich trotz aller Handicaps wieder aufgerafft zu haben – und am Sonntag wurde er für sein Durchhaltevermögen reich belohnt. Es sei nicht einfach für ihn, seine Gefühle in Worte zu fassen, sagte Degenkolb gerührt. „Ich habe eine unfassbar schwere Zeit hinter mir. Jeder hat doch gesagt, ich bin am Ende.“ Sein Dank galt der Familie, die ihn immer unterstützt habe. Degenkolb sagte, dass es das Schönste sei, ihr jetzt etwas zurückgegeben zu haben.

          Es war ein Tag der extremen Strapazen für das Peloton, ein Tag, an dem etliche Fahrer im Staub landeten, vorwiegend auf unebener Strecke, oder Defekte an ihren Rennmaschinen hinnehmen mussten. Schaurige Szenarien teilweise. Auch Christopher Froome geriet auf dieser neunten Etappe zwischenzeitlich mächtig aus der Balance. Der Franzose Romain Bardet büßte Zeit durch mechanische Probleme ein. Der hoch gehandelte Australier Richie Porte musste die Tour wie tags zuvor Martin verlassen, als Opfer einer Karambolage bereits nach zehn Kilometern.

          Aus der Lauerstellung an die Spitze: John Degenkolb (links, hinter Avermaert) gewinnt nach der Kopfsteinpflaster-Tortur
          Aus der Lauerstellung an die Spitze: John Degenkolb (links, hinter Avermaert) gewinnt nach der Kopfsteinpflaster-Tortur : Bild: AFP

          Martins Hoffnungen waren am Samstag jäh zerstört worden, mit einem Schlag: zu Fall gekommen, arg lädiert, Aufgabe. Ein bitterer Abschied für Martin, der – samt dem im Tief steckenden und hadernden Marcel Kittel – vor Degenkolbs Bravourleistung das deutlichste Symbol für das Dilemma der Deutschen bei der 105. Tour war. Der Sturz von Martin hatte sich auf flachem Gelände ereignet. Er beendete die Fahrt nach Amiens noch mit großer Mühe, kam als Letzter an: Platz 170.

          Am frühen Abend wurde bei Martin dann in einem Krankenhaus die gravierende Verletzung diagnostiziert. Damit wird er längere Zeit nicht mehr auf das Rennrad steigen können. „Ich bin untröstlich“, sagte der Zeitfahrspezialist, „vier Wochen ist das Rad jetzt tabu, weil ich Erschütterungen vermeiden muss, damit sich alles wieder regenerieren kann.“ Martin war bei dem folgenschweren Unfall, wie er selbst sagte, auf dem Kopf gelandet. Dabei platzte die Lippe auf, die unmittelbar nach seiner Ankunft in Amiens in einem mobilen Röntgenwagen genäht wurde.

          Das hätte Martin, der ein Bild des Jammers abgab, noch verkraften können, aber er hatte prompt gespürt, dass noch eine weitaus ernsthaftere Blessur vorliegen musste. „Ich bin hart auf dem Rücken aufgeschlagen und merkte sofort: Irgendwas ist hier nicht in Ordnung. Ich hatte schnell starke Schmerzen.“ In der Klinik wurde er in seinem Gefühl bestätigt. Obwohl niedergeschlagen, versuchte Martin umgehend, Zuversicht auszustrahlen. Der deutsche Radstar betonte: „Ich komme wieder.“ Das steht auch für seinen Manager Jörg Werner außer Frage. „Tony kann wieder aufstehen.“ Allerdings ist fraglich, ob Martin bei der nächsten großen Herausforderung im Herbst, bei den Weltmeisterschaften Ende September in Innsbruck dabei sein wird.

          Eine Leidenstour, für Martin, aber auch für andere Deutsche, für die Sprinter Andre Greipel und Kittel etwa, denen die Tour 2018 bisher die kalte Schulter gezeigt hat, im Gegensatz zu Degenkolb. Der enttäuschende Kittel steht inzwischen sogar beim Team Katjuscha-Alpecin, dessen Trikot auch Martin trägt, in der Kritik. Kittel, der von der belgischen Equipe Quickstep-Floors gekommen war, für die er im Vorjahr bei der Tour fünf Tageserfolge geholt hatte, ist nach Auffassung seines neuen Sportdirektors Dimitri Konyschew ein Egoist. Kittel verdiene eine Menge Geld und denke nur an sich selbst, behauptete der Russe gegenüber der Zeitung „L’Equipe“.

          Tatsache ist, dass es dem Team bislang an Zug mangelt. Und Kittel verfügt offenbar nicht über die Form von 2017. „Wenn er nicht vorne ist, wird es sicher auch daran liegen“, sagte Torsten Schmidt, Sportlicher Leiter beim Team Katjuscha-Alpecin. Kittel betonte am Sonntag, dass ihn die Attacke aus dem eigenen Lager überrascht hat. „Das sitzt in den Knochen“, sagte er, „das ist auch nicht die feine Art, um Dinge zu klären.“ Werner, der ebenfalls die Interessen von Kittel vertritt, wies den Vorwurf zurück, dass Kittel gewissermaßen eine Ich-AG verkörpert. „Das ist komplett an den Haaren herbeigezogen“, sagte er. Dicke Luft in jedem Fall in einem Rennstall mit starker deutscher Note – die aber nun von anderer Seite bei der Tour vehement ins Licht gerückt wurde.

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