https://www.faz.net/-gtl-7ab7w

Jan Ullrich : Ein Traumleben

Dauerrivalen: Lance Armstrong (im gelben Trikot) verfolgt seinen ständigen Konkurrenten Jan Ullrich Bild: dpa

Im „Focus“ gibt Jan Ullrich erstmals Blutdoping beim spanischen Arzt Fuentes zu. In der F.A.Z. beschreibt er sein neues Leben. Es gibt neue Fixpunkte für Ullrich, er wirkt gelöst und selbstsicher.

          Er ist ein bisschen rundlich, wie früher, wenn er die Winter als Radprofi mit Müßiggang verbrachte. Jetzt, in seinem neuen Leben, muss Jan Ullrich nicht mehr auf jedes Pfund achten, auch im Sommer nicht. „Ich bin ein Lebemensch“, sagt er. Allerdings ist er immer noch auch Radfahrer. Ullrich hat sich deswegen ein neues Ziel gesetzt, „für meine Fitness, für die Gesundheit“. Er möchte bis zu 10.000 Kilometer im Jahr auf dem Rad zurücklegen, fast ein Drittel dessen, was er als Profi absolvierte.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Er spricht von der erfrischenden Wirkung des Radfahrens, von einer Befreiung für den Kopf. „In den ersten vier Jahren bin ich fast gar nicht gefahren. Das tat mir absolut nicht gut.“ Damals, als er erst von der Tour de France ausgeschlossen wurde und danach seine Laufbahn beendete. 2006, der Anfang des tiefen Falls, für Ullrich und für den deutschen Radsport. Jetzt, sieben Jahre später, gibt es neue Fixpunkte für Ullrich, er wirkt gelöst und selbstsicher. Er sagt, dass er ein Traumleben führe. „Ich bin ein Sonntagskind. Ich hatte immer irgendwo Glück in meinem ganzen Leben.“

          „Das ist mein Geschäft“

          Er hat sich mit ehemaligen Gefährten zusammengetan, mit Olaf Ludwig oder Udo Bölts oder „Eule“ Ruthenberg, dem Masseur. Steht im Zentrum von Events mit dem Titel „Ulle&Friends“. Kann gebucht werden von Hobbyradfahrern, die einige Tage mit ihm verbringen können, mit Ausfahrten auf dem Rad, mit Talkrunden. Das war neulich so in Vaals in den Niederlanden, im September geht es in die Vogesen. Die Gäste zahlen dafür - inklusive Halbpension - fast 1000 Euro.

          Radeln mit Ullrich, offensichtlich ein Renner: „Das ist mein Geschäft, ich habe nichts anderes gelernt. Das kann ich, das kann ich auch weiter vermitteln. Alte Kollegen treffen, ein paar Leute glücklich machen. Ich kann sicherlich gute Tipps geben oder ein paar alte Geschichten erzählen. Da fühle ich mich wahnsinnig wohl, da macht Radsport wieder Spaß. Und da ist Doping überhaupt kein Gesprächsthema.“

          Die Schattenseiten des Erfolgs: Trubel und Termine abseits des Radsports haben Ullrich erschöpft

          Ullrich, Sieger der Tour de France 1997, ist als Doping-Sünder verurteilt worden, ohne ein wirkliches Geständnis abgelegt zu haben. Der Internationale Sportgerichtshof (Cas) sperrte ihn, beginnend vom 22. August 2011 an, für zwei Jahre. Er sah Ullrichs Verwicklung in die Machenschaften des spanischen Arztes Eufemiano Fuentes als erwiesen an. Details des Bluthandels will der einstige deutsche Tour-Held weiterhin nicht preisgeben, im „Focus“ gab er nun immerhin erstmals zu, die Fuentes-Behandlungen „in Anspruch genommen“ zu haben. Er habe aber keine anderen Dopingmittel verwendet als sein eigenes Blut.

          „Ich glaube, ich habe für meinen Fehler gebüßt. Jeder macht Fehler. Jetzt ist es ein ganz anderes Leben. Ich habe meine Strafe längst verbüßt. Ich habe mich entschieden, so viel zu sagen, wie ich kann. Alles andere war nicht möglich.“ Das Unangenehme ausblenden, sich davon abschotten, verdrängen. Ullrich, 39 Jahre alt, nennt das Eigenschutz. Möglichst immer nur nach vorn schauen, nur selten den Blick in die Vergangenheit richten. Zu Lance Armstrong zum Beispiel, seinem großen texanischen Konkurrenten, dem wegen Dopings alle sieben Tour-Triumphe aberkannt wurden. „In meinen Augen ist es abgehakt“, sagt Ullrich.

          Und klagt dann dennoch an: „Ich ärgere mich am meisten, dass Armstrong von Verbänden beschützt wurde.“ Er behauptet, dass der Internationale Radsportverband schwach sei. Auch der in Stuttgart laufende Prozess gegen den schwäbischen Radrennfahrer Stefan Schumacher ist Ullrich nur eine Randbemerkung wert. Ob Hans-Michael Holczer, einst Chef des Teams Gerolsteiner, von Doping in seiner Mannschaft gewusst hat? „Ich habe meine Meinung dazu“, sagt Ullrich, „aber die werde ich jetzt nicht äußern.“ Nur so viel: „Natürlich sind nicht nur die Radrennfahrer schuld. Das größere Problem war das System.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.