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Radsport-Kommentar : Ein deutsches Desaster bei der Tour?

  • -Aktualisiert am

Der Deutsche John Degenkolb (rechts) setzt sich im Zielsprint der 9. Etappe gegen den Belgier Greg Van Avermaet durch. Bild: dpa

Kittel und Greipel enttäuschen bei der Rundfahrt und scheiden vorzeitig aus – welch ein Misserfolg. Für den schönsten Sieg der Tour de France sorgt dennoch ein Deutscher: Stimmt, da war ja noch was.

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          Die Deutschen bei der Tour? Viel war das nicht. Jahrelang haben die Freunde dieses harten, zweifelhaften, wunderbaren Sports hierzulande ihre Freude an den schnellen Männern im Peloton gehabt, den harten Jungs, die sich in Sprints um die Flachetappen prügeln, die auf den letzten Metern 2000 Watt treten, mit 65 Sachen Rad an Rad, Ellenbogen an Ellenbogen über die Ziellinie fliegen. Doch diesmal war von den Seriensiegern der vergangenen Jahre nicht viel zu sehen.

          Marcel Kittel? Ein Schatten seiner selbst. André Greipel, den sie „Gorilla“ nennen? Mal vorn dabei, aber nicht mit dem letzten Punch, ohne den es nicht funktioniert im Finale furioso eines Sprints, nicht bei der Tour, wo sie alle wie um ihr Leben fahren. Beide, Kittel und Greipel, früh ausgestiegen, ohne Chance, am Ende an diesem Sonntag (16.20 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Tour de France und bei Eurosport) auf den Champs-Elysées noch einmal die große Show abzuliefern und alles, was vorher war, vergessen zu machen. Beide deutschen Sprintstars schafften es nicht über die Berge, schon in den Alpen ging die Tour für sie zu Ende, Karenzzeit überschritten, ab nach Hause, welch eine Enttäuschung!

          Ein deutsches Desaster also im französischen Sommer? Aber nein. Da war noch was. Da war noch eine ganze Menge. Da war noch der Sieg von John Degenkolb auf der neunten Etappe. Für Liebhaber des Radsports, und nicht nur für die mit der nationalen Brille, war es der schönste bei dieser 105.Tour. Das führende Radmagazin, der britische „Rouleur“, beschrieb das, was der von seinen Gefühlen völlig überwältigte – und sich dafür nicht schämende – Degenkolb nach seinem Sieg der Tour gab, mit den Worten: „Er hat ihr ein menschliches Antlitz gegeben.“

          Die Sehnsucht, es noch einmal zu schaffen

          Degenkolb war ein Supermann auf dem Rad gewesen, Paris-Roubaix-Sieger, Mailand-Sanremo-Sieger, bis vor drei Jahren beim Training in Spanien ein Auto frontal in seine Trainingsgruppe fuhr und er und seine Kollegen nur knapp mit dem Leben davonkamen. Degenkolb wurde nicht wieder der Alte, natürlich nicht, nicht im ersten Jahr und nicht im zweiten. Im vergangenen Winter war dann noch ein väterlicher Freund von ihm gestorben, der ihn schon zu Schülerrennen begleitet hatte. Wie hart das eine war und wie hart das andere. Und wie ihn die Sehnsucht nicht ruhen ließ, wie sie ihn immer wieder aufs Rad hob, die Sehnsucht, es doch noch einmal zu schaffen.

          Zu seinen besten Zeiten war er bei der Tour sechsmal Zweiter gewesen, immer knapp am Sieg vorbeigefahren. Jedes Mal hatte eine Winzigkeit gefehlt. Und dann, jetzt, diese neunte Etappe, eine der schwersten dieser Tour, die Hölle des Nordens, Kopfsteinpflaster, Roubaix, ein mythischer Ort des Radsports. Noch 400 Meter. Drei Mann. Sprint. Degenkolb vorn, eine schlechte Position, die anderen im Windschatten, dann tritt er an, packt alles in diese letzten 300 Meter. Alles. Und gewinnt. Und dann steht er da. Kaputt, verdreckt. Erzählt, weint, dankt. Minuten, in denen der Sport seine ganze Kraft entfaltet. Degenkolb, so viel ist sicher, gehört zu den großen Siegern dieser Tour.

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