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Rainer Seele (rse.)

Kommentar zur Tour de France : Froomes Dilemma

  • -Aktualisiert am

Endgültig in Gelb: Chris Froome geht als Erster auf die Tour d’honneur Bild: dpa

Der Engländer Chris Froome hat die Tour de France trotz Schwächephasen am Wochenende weitgehend dominiert. Der Sieger des größten Radrennens der Welt muss wie stets mit den Zweifeln leben.

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          Eine letzte Inszenierung, die die Pracht Frankreichs und der Tour de France darstellen soll: Willkommen an diesem Sonntag auf den Champs-Élysées in Paris, zum großen Finale und zur Ehrung der Männer, die schier Übermenschliches vollbracht haben in den vergangenen drei Wochen. Das ist doch auf alle Fälle noch mal eine große Sause wert. Auch wenn die 102. Tour nur bedingt ein Spektakel gewesen ist, jedenfalls den Kampf um das Gelbe Trikot betreffend. Schon wieder war ein Brite zu überlegen, als dass bei der Tour wirkliche Spannung hätte aufkommen können. Selbst kleinere Schwächen wie Freitag und Samstag, als Nairo Quintana den späteren Sieger abermals mutig herausforderte, meisterte Christopher Froome unbeschadet. Christian Prudhomme, der Direktor der Tour, wird bedauert haben, dass es nicht zum Kampf der großen Vier gekommen ist.

          Mit einigem Wohlwollen wird Prudhomme dagegen registriert haben, dass es bis zum Samstag keine großen Auffälligkeiten bei der Tour gegeben hat. Das heißt: nur eine einzige positive Doping-Probe, lediglich ein Kokainbefund bei dem Italiener Luca Paolini, obwohl sich doch die französische Anti-Doping-Agentur und der Internationale Radsportverband dem Vernehmen nach bei ihren Kontrollen allergrößte Mühe gegeben und sehr intensiv nach potentiellen Tätern gefahndet haben.

          Kein Nachweis für Sauberkeit

          Kaum etwas gefunden – das ist jedoch keine Ausnahme bei der Tour, auch in der Vergangenheit war dies häufiger der Fall. Das muss demzufolge keineswegs bedeuten, dass die Tour 2015 sauber war oder sauberer geworden ist. Auch früher waren Wochen oder Monate oder Jahre später, durch Nachanalysen beispielsweise, immer wieder noch Doping-Sünder – und neue Substanzen – entdeckt worden. Selbst die Machtlosigkeit früherer Protagonisten wie Vincenzo Nibali und Alberto Contador oder des Kolumbianers Nairo Quintana im Duell mit Froome muss kein Indiz dafür sein, dass solche Fahrer ganz dem Reinheitsgebot gefolgt sein könnten, im Gegensatz möglicherweise zu dem Regenten Froome.

          Die Fragen zu Froome und zur Glaubwürdigkeit des Radsports sind durch den Glamour von Paris natürlich keinesfalls verdrängt worden. Sie werden weiter gestellt werden, ungeachtet der Beteuerungen vor allem des Tour-Siegers, die Große Schleife ohne Lug und Betrug bewältigt zu haben. Froome steckt im Dilemma, daran wird sich nichts ändern. Auch wenn sein Rennstall, unter Druck, gewisse Daten veröffentlichte, die belegen sollen, dass der Brite zwar Höchstleistungen vollbringt, er aber nicht außerhalb der Norm liege. Auch wenn zudem auf die beflügelnde Wirkung ovaler Kettenblätter hingewiesen wurde, die Froome verwendet. Die Equipe blieb aber genauere Informationen, zum Beispiel über den sogenannten VO2max-Wert, schuldig. Die Wahrheit über Froome? Im Prinzip immer noch unbekannt.

          Ihn anzufeinden, ihn in unappetitlicher Form zu traktieren, wozu ein Teil des Publikums sich in der äußerst hitzig geführten Debatte um den Mann in Gelb hat hinreißen lassen, ist aber ein Frevel an Froome und dem Radsport. Auch der Brite hat Respekt verdient.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

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