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Dieses Jahr – oder nie mehr! : Frankreichs verzweifelter Traum vom Tour-Sieg

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Momentaufnahme oder Fingerzeig in Frankreichs Radsport-Zukunft? Der Franzose Julian Alaphilippe jubelt im gelben Trikot des Gesamtführenden. Bild: dpa

Als erster Franzose seit 1821 Tagen trägt Julian Alaphilippe seit Montag das Gelbe Trikot. Der Jubel der französischen Radsport-Fans dürfte jedoch nicht bis zum Finale in Paris halten – und sich eine Frage bald abermals stellen.

          Julian Alaphilippe ist auf dem Rad beides: Jäger und Fluchttier. Wie der Franzose unwiderstehlich antrat und solo durch die Weinberge der Champagne preschte, wie er Instinkt, Timing, Explosivität und Stehvermögen in einem feurigen Finale paarte zu einem Tagessieg mit Knalleffekt – das sei „permanenter Karneval“ gewesen. Schrieb das Tour-Organ „L’Equipe“, das dem 27 Jahre alten Siegertypen gleich sieben Seiten widmete. Alaphilippes Coup bei der dritten Etappe in der Champagne am Montag wird, so viel ist sicher, in den Highlight-Zusammenschnitten der Tour de France 2019 in epischer Breite vorkommen.

          Wenn denn die Grand Tour im Juli für die Franzosen so ausgeht wie gewohnt: ohne einen der ihren als großen Sieger im Gelben Trikot auf den Champs-Élysées. Also gilt es, jeden Etappensieg eines Franzosen eindringlich zu würdigen. Zumal wenn er mit der Eroberung des Maillot Jaune einhergeht. Alaphilippe, der sowohl bei Rennen mit Klassikerprofil als auch am Berg meisterlich unterwegs sein kann, sprach von einem „Moment fürs Leben“.

          Die gelbe Herrlichkeit wird vorübergehen

          1821 Tage oder 99 Etappen nachdem zum letzten Mal ein Franzose ins Gelbe Trikot geschlüpft ist. Eine schmerzliche sportliche Ewigkeit. Nie war die Durststrecke für die Franzosen länger in 106 Jahren Tour de France. Nun ist der mit elf Saisonsiegen im Peloton herausragende Alaphilippe zwar ein Mann für spektakuläre Siege, aber kein Rennfahrer, der es drei Wochen lang im Poker um jede Sekunde mit den Favoriten aufnehmen kann. Auch wenn er das begehrte Trikot am Dienstag auf den 213,5 Kilometern von Reims nach Nancy erfolgreich verteidigte und sich sogar über den Tagessieg seines italienischen Teamkollegen Elia Viviani freuen konnte – die gelbe Herrlichkeit wird irgendwann vorübergehen.

          Mit der Frage „Wann gewinnt mal wieder ein Einheimischer die Tour?“ ist mittlerweile eine ganze Generation aufgewachsen. 34 Jahre ist es her, dass Bernard Hinault das Maillot Jaune nach Paris trug, gar 36 Jahre ist es her, dass Yannick Noah bei den French Open triumphierte. Die Tour der Radprofis und das Grand-Slam-Turnier der Tennisprofis wecken bei den Franzosen Nationalgefühle und die Sehnsucht nach siegreichen Helden. Die Erinnerungen an vergangene Blütezeiten werden stetig aufgefrischt.

          Die Großtaten der Tour-Mehrfachsieger Bobet, Anquetil und Hinault sind längst zu einer Belastung geworden für deren Nach-Fahrer. Gerne halten die Franzosen der aktuellen Generation Radler deren angebliches „Versagen“ vor und neigen dazu, den Druck auf diejenigen, die für einen Triumph auf den Champs-Élysées in Frage kommen, bis zur Unerträglichkeit zu erhöhen. Das empfinden auch Romain Bardet und Thibault Pinot so, die beiden Kandidaten, die in diesem Jahr zum engeren Favoritenkreis für den Gesamtsieg gehören. Nicht erst seit diesem Jahr, denn Bardet hat die Tour 2016 und 2017 auf dem Podium beendet. Doch gegen die klinische Präzision, mit der Seriensieger Christopher Froome damals seine Tour-Siege herausfuhr, war Bardet machtlos. Er brachte starke Leistungen, aber zu seinem Rennen vermochte Bardet trotz dreier Etappensiege die Tour nicht zu machen. Es braucht mehr, um uneingeschränkter französischer Radliebling zu werden. Pinot wurde 2015 bester Jungprofi und Gesamtdritter und weckte Erwartungen, denen er in Frankreich nie mehr gerecht worden ist. 2016 und 2017 schaffte er es nicht mal ins Ziel in Paris, entwickelte eine Art Abwehrhaltung gegen das Rennen und den enormen Druck. Pinot kokettierte sogar damit, dass er den Giro mehr liebe als die Tour.

          Alaphilippes Erfolg als Neuanfang?

          Vor dieser Ausgabe der Frankreich-Rundfahrt schleuderte die „L’Equipe“ den beiden leichtgewichtigen Bergfahrern im besten Rennfahreralter die Schlagzeile entgegen: Dieses Jahr oder nie mehr. Die Abwesenheit von Froome und das besonders kletterlastige Streckenprofil mit brutalem Finale in den Alpen an den drei Tagen vor der Schlussetappe nach Paris sollen Bardet oder Pinot den Sprung auf den Tour-Thron ermöglichen. Erste Hinweise auf die Erfolgschancen werden die beiden Teilstücke in den Vogesen an diesem Mittwoch (13.25 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Tour de France und bei Eurosport) und vor allem am Donnerstag geben. Dann wartet die erste ausgewachsene Bergprüfung auf das Peloton – in der Heimat und mitten im Trainingsrevier von Pinot.

          Was Bardet auszeichnet, ist die Verbundenheit mit der Auvergne und seiner Heimatstadt Brioude, welche das Peloton auf der neunten Etappe empfängt. Zwischen den Rennen kehrt er häufig zurück in die Region, in die Berge, wo er trainiert und die Natur genießt. Pilzesuchen und Fischen zählt der 28-Jährige zu seinen Hobbys. Seit Anfang seiner Karriere gilt Bardet als einer der Intellektuellen im Peloton – wegen seines abgeschlossenen Management-Studiums und seiner Vorliebe für die Zeitung „Le Monde Diplomatique“. Bardet nennt das „ein Klischee, denn ich bin bei weitem nicht der einzige Fahrer, der ein Studium absolviert hat“.

          Im Vorjahr zerbröselten seine Hoffnungen auf einen Tour-Sieg vorzeitig, als sein stärkster Helfer im Team AG2R in den Bergen aufgeben musste. Frustriert erzählte Bardet der F.A.Z. im August, er habe weniger Spaß bei den Rennen. „Die starken Mannschaften versuchen, den Platz für Unwägbarkeiten immer kleiner zu machen“, sagte er. „Es gibt keine Gelegenheit mehr für Improvisation.“ Sein Ziel in diesem Jahr formuliert Bardet nun so: „Ich will ein wichtiger Akteur sein, mit Szenarien, die mir gefallen.“ Ist und bleibt er ein Mann, der das französische Leitmotiv des edlen Verlierers verkörpert? Wie einst Raimond Poulidor, der ewige Zweite. Trotz seiner Konstanz und seines Talents in den Bergen hat der spindeldürre Profi bis heute kein großes Rennen gewonnen, kein Gelbes Trikot getragen. Bardet teilt also das Los von so vielen französischen Rennfahrern. Der Erfolg von Alaphilippe könnte nun einen Neuanfang markieren.

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