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Rolf Aldag im Interview : „Es gibt eine Art Anarchie im Radsport“

Dunkle Wolken über der Tour? Chris Froome (gelbes Trikot) wird von seinen Teamkollegen jedenfalls gut behütet. Bild: AFP

Auch in diesem Jahr hat die Tour de France wohl wieder einen souveränen Sieger. Team-Manager Rolf Aldag spricht im Interview über die Macht von Chris Froome, den hierzulande ausbleibenden Boom – und die Gefahr, der Sportart blind zu vertrauen.

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          Christopher Froome ist zweimal bei der Tour de France gestürzt und wird das Rennen dennoch ungefährdet zum dritten Mal gewinnen. Fehlte es Gegnern wie dem Kolumbianer Nairo Quintana an Mut zum Angriff oder schlichtweg an Klasse?

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Das ist natürlich Kritik auf superhohem Niveau. Quintana ist eigentlich ein exzellenter Rennfahrer, der kann viel gewinnen, aber im Moment fehlen ihm drei Prozent an Form und 20 Prozent an Teamunterstützung. Dann wird’s halt schwer gegen ein optimal organisiertes Team wie Sky. Aber er ist noch jung, man kann nicht sagen, er hat nicht die Qualitäten, um die Tour zu gewinnen.

          Warum war der Kreis an Tour-Favoriten grundsätzlich sehr klein?

          Weil Fahrer, die Froome hätten gefährlich werden können, zusammengekauft und in ein Team gesteckt worden sind. Dadurch wird es ganz dünne mit den Herausforderern. Jetzt hat Sky alles unter Kontrolle, das ist ja kein Zufall. Die Jungs, die Froome attackieren könnten, machen das nicht, weil sie Teamkollegen von ihm sind und loyal zu ihm stehen, Wouter Poels oder Sergio Henao vor allem. Das hat die Sache für Froome extrem einfacher gemacht.

          Ist das Modell Sky kopierbar?

          Kopien sind natürlich immer schlechter als das Original. Man kann sicherlich ganz viel erreichen, aber primär braucht man halt die Kohle dafür. Das Geld ist das A und O. Wenn ich mir einen Poels oder Henao nicht leisten kann, dann kann ich Sky nicht nacheifern. Schon vor zwei Jahren hatte es geheißen, dass Sky nur für die Rennfahrer ein Budget von 16 Millionen Euro hat. Das ist ein gutes Schmerzensgeld für die Jungs.

          Rolf Aldag war früher selbst Radprofi und ist nun Manager des südafrikanischen Teams Dimension Data.

          Was macht die Größe von Froome aus?

          Er kommt superschnell den Berg hoch, aber jetzt ist noch der Unterhaltungsfaktor dazugekommen: Hey, was macht Froome jetzt wieder für verrückte Sachen? Er attackiert bei Seitenwind, bei der Abfahrt, das macht ihn stark und unangreifbar. Worauf sollten die anderen denn noch hoffen? Viel bleibt da nicht.

          Ist er ein wirklicher Patron?

          Er achtet auf sich. Die Zeiten eines Patrons im Radsport sind auch vorbei. Jeder ist mit seinen Sachen so beschäftigt, dass man sich um das große Ganze, um die Befindlichkeiten im Peloton, nicht schert. Einer wie Froome versucht, die Tour zu gewinnen, alles andere ist ihm egal. Da geht es nicht um Image oder darum, Charaktere zu entwickeln, sondern darum, als Erster über die Ziellinie zu fahren.

          Weltmeister Peter Sagan hat diese Entwicklung kürzlich scharf kritisiert und geklagt, dass es im Feld sozusagen drunter und drüber gehe.

          Ja, jeder macht, was er will. Und jeder kann das auch machen. Jeder, der eine Nummer auf dem Rücken hat, hat das Recht, anzugreifen, wann er will. Er kann im Feld fahren, wo er immer will. Jeder hat freie Fahrt. Warum soll man auch einen jungen Fahrer irgendwie aufhalten? Die sogenannten ungeschriebenen Gesetze im Radsport sind immer weniger geworden. Für den Sport ist das gut.

          Aber dennoch auch riskant?

          Für das Feld wird es in erster Linie gefährlich durch die Streckenführungen, durch Verkehrsberuhigungen, die im Alltag sinnvoll sind, die für die Fahrer bei der Tour aber extrem hinderlich sind. Wenn 170 Meter vor dem Ziel eine Kurve ist, muss ich halt als Erster um die Kurve fahren, wenn ich gewinnen will: Ich habe hier eine Aufgabe, die muss ich erfüllen. Da kann man auch nicht sagen, da ist einer mit 35, der hat schon mal die Flandern-Rundfahrt gewonnen, den muss ich jetzt respektieren. Das ist sekundär. Ich sehe das relativ entspannt. Aber Sagan hat natürlich recht: Es gibt so eine Art Anarchie im Radsport.

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