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Tour de France : Buchmann und die Fragezeichen vor dem Showdown

Der Deutsche Emanuel Buchmann (rechts) vom Team Bora-Hansgrohe fährt vor dem Kolumbianer Egan Bernal vom Team Ineos über die Ziellinie. Bild: dpa

Die neue deutsche Hoffnung Emanuel Buchmann fährt bei der Tour de France in der Champions League. Ob es vielleicht sogar zu mehr reicht, darüber entscheidet das Finale furioso in den Alpen.

          Kann Emanuel Buchmann die Tour de France gewinnen? Nicht irgendwann, sondern in diesem Jahr? Das ist eine große Frage. Die Antwort ist schwierig. Natürlich will niemand beim Team Bora-hansgrohe den neuen deutschen Kletterstar mit dem Druck in die letzte Tour-Woche schicken, mehr zu erwarten als den vor Wochen avisierten Platz unter den Top Ten. Man will die Kirche im Dorf lassen – und dort nicht den Eiffelturm errichten.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Und doch klingen immer wieder leise Töne durch, die durchschimmern lassen, dass man das schier Unmögliche vielleicht doch für möglich hält. Fragt man Enrico Poitschke, den Sportlichen Leiter von Bora-hansgrohe, so konstruiert er eine Formulierung, die manches offenlässt: „Ich will nicht sagen, das ist unmöglich“, sagt er, „aber es wäre eine riesige Überraschung.“ Eine Überraschung, keine Sensation.

          Montag. Ein Hotel im Gewerbegebiet von Nimes, zwei Kreisel bis zur Autobahn. Hier logieren Buchmann und sein Team am zweiten Ruhetag der Tour. Null Luxus, aber eine ordentliche Bleibe für den derzeit besten deutschen Radrennfahrer, der sich nach 15 Etappen der Tour auf dem sechsten Platz der Gesamtwertung eingerichtet hat. Bei den Gesprächsrunden, die Buchmanns Team an Ruhetagen wie diesen für die Medien veranstaltet, war der 26 Jahre alte Oberschwabe in den vergangenen Jahren ein nur selten gefragter Interviewpartner.

          Wer ist fit genug fürs Hochgebirge?

          Das hat sich geändert nach seinen beiden vierten Plätzen bei den schweren Pyrenäenetappen hinauf zum Tourmalet und nach Foix d’Albis. Buchmann hat sich auf diesen Etappen in die Champions League des Radsports katapultiert, und seither ist nicht mehr der tempofeste Sprinter Peter Sagan, der Superstar des Teams, der gefragteste Mann, sondern Buchmann, nicht mehr der exaltierte Slowake mit Wohnsitz in Monaco, sondern der bescheidene Mann aus Ravensburg.

          Es gibt nur wenige Fahrer im Tour-Feld, von denen man sagen kann, sie seien im Hochgebirge, dort wo die Entscheidung über den Gesamtsieg fallen wird, schneller als der junge Deutsche. Buchmann selbst hält den Franzosen Thibaut Pinot für den derzeit formstärksten Profi im Kreis der Bergfahrer. „Im Moment ist er der Favorit“, sagt er. Den Toursieger des vergangenen Jahres, den Briten Geraint Thomas, hat Buchmann in den Pyrenäen zweimal abgehängt, abgeschrieben hat er ihn noch nicht. „Ihm liegen die längeren, regelmäßigen Anstiege in den Alpen besser als die in den Pyrenäen.“ Auch Teamchef Ralph Denk, der Buchmann 2015 zum Profi machte, sieht Pinot vorn und warnt vor Thomas. „Er hat beim Giro 2018 anfangs auch Probleme gehabt und dann in der dritten Woche ein Feuerwerk abgebrannt.“

          Tour de France

          Pinot, Thomas, dessen Ineos-Teamkollege Egan Bernal, der Niederländer Steven Kruijswijk, der die starke Mannschaft von Jumbo-Visma um sich weiß – das dürften die Gegner sein, mit denen sich Buchmann in den Alpen herumschlagen muss, in der Gesamtwertung liegt er mit ihnen in einem Zeitrahmen von nur 39 Sekunden, keiner von ihnen scheint im Moment übermächtig, Pinot vielleicht ausgenommen, aber auch er kann nicht sicher sein, ohne Krise über die Alpen zu kommen. „Es sieht so aus, als sei noch alles möglich für einige Fahrer“, sagt Buchmann. Julian Alaphilippe, den Mann in Gelb, hat er nicht mehr auf der Rechnung, der Franzose konnte im Schlussanstieg hinauf nach Foix d’Albis dem Tempo der Spitzengruppe nicht standhalten, die Alpen dürften für ihn eine Nummer zu groß sein, so der allgemeine Eindruck.

          Noch keinen Schlachtplan ausgearbeitet

          Eine Woche also noch. Die Woche der Entscheidung mit einem Programm, das in der Abteilung für Sadismus und Streckenplanung des Tour-Veranstalters ausgearbeitet wurde. An diesem Dienstag eine harmlose Sprintetappe, am Mittwoch ein welliges Teilstück, und dann das Finale furioso mit drei Alpenetappen am Stück, jeweils mit Gipfeln von mehr als 2000 Metern Höhe. Am Ende des Schreckens dann am Samstag der Schlussanstieg nach Val Thorens von 33 Kilometer Länge. Ein Höllenritt. „Das sind drei richtig schwere Etappen“, sagt Buchmann, der das aus eigener Erfahrung weiß.

          Mit seinem Trainer Dan Lorang hat er die drei Teilstücke kurz vor der Dauphiné-Rundfahrt abgefahren. „Die erste der drei Etappen ist sehr lang, die anderen beiden kürzer, aber sehr hart. Jeder Fahrer wird dort am Limit sein. Die Höhe, weniger Sauerstoff, die Hitze, wenn man da einen Einbruch hat, wird man sehr viel Zeit verlieren.“ Die 33 Kilometer Anstieg hinauf nach Val Thorens, erzählt Buchmann, hätten „sich ewig lang angefühlt, extrem schwer, das sind 1900 Höhenmeter am Ende der 20. Etappe, da wird jeder noch fahren, was geht, da wird die Entscheidung fallen, das wird der Showdown“.

          Einen Schlachtplan für die Entscheidung in den Alpen gebe es noch nicht, sagt Buchmann. Wichtig sei, bis dahin Kräfte zu sparen für den Supersamstag. Und gesund zu bleiben, die Form zu halten, die Müdigkeit aus den Knochen zu bekommen, so gut es geht. „Jeder ist jetzt ein bisschen müde nach den harten Etappen, aber es ist noch alles im Rahmen“, sagt er. Dan Lorang, sein Trainer, sieht keinen Grund zur Sorge. Buchmann sei nach wie vor in einer sehr guten Verfassung. Auch von den Leistungswerten her spreche nichts dagegen, „dass er auf einem guten Level weiterfahren kann“.

          Zum Schluss noch eine naive und eine große Frage. Die naive: Ob er denn auch Abfahren trainiert habe? „Wenn man viel bergauf fährt, muss man auch viel bergab fahren“, lautete die einleuchtende Antwort. Und die große Frage: Wann er denn das Gelbe Trikot angreifen wolle? Da musste Buchmann nicht lange überlegen: „Wenn, dann am Samstag.“

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