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Bernal gewinnt Tour de France : „Wenn man gewonnen hat, will man immer mehr – das ist wie eine Droge“

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Pure Emotionen beim diesjährigen Tour de France Sieger: Der Kolumbianer Egan Bernal küsst seine Freundin Xiomy Guerrero, nachdem er in Paris zum Gesamtsieg gefahren ist. Bild: Reuters

Vor Freude flossen im Ziel Tränen: Egan Bernal kann nicht fassen, dass er als erster Kolumbianer den Sieg nach Hause geholt hat. Und auch der Deutsche Emanuel Buchmann ist mit seinem „absolut geilen“ vierten Platz mehr als zufrieden – und hat schon Appetit auf mehr.

          Direkt hinter dem Zielstrich auf den prachtvollen Champs Élysées fiel Egan Bernal seiner Verlobten Xiomy in die Arme, dann vergoss der Tour-de-France-Sieger Tränen der Freude. „Für Kolumbien ist das ein großer Tag. Wir haben so viel Tradition. Viele haben versucht, die Tour zu gewinnen. Jetzt bin ich der Erste. Das ist ein unbeschreibliches Glücksgefühl“, sagte Bernal, als die kolumbianische Radsport-Party im Schatten des Arc de Triomphe ihren Höhepunkt erreicht hatte. Als erster Südamerikaner und noch dazu als jüngster Radprofi der Nachkriegsgeschichte gewann das Jahrhunderttalent am Sonntag die Frankreich-Rundfahrt.

          Schon auf seiner Tour d’Honneur hatte sich Bernal vor lauter Glück gleich mal zwei Gläschen Champagner genehmigt. „Ich werde ein paar Tage brauchen, um das zu realisieren“, ergänzte Bernal. Größen wie Bernard Hinault sprechen bereits von einer neuen Zeitrechnung, die in Zukunft auch Emanuel Buchmann entscheidend mitprägen könnte. Noch war für den tapferen Ravensburger auf den Hochglanzfotos von den Champs Élysées kein Platz, ganze 25 Sekunden fehlten dem Gesamtvierten im warmen Licht der Pariser Abendsonne nach fast 3400 Kilometern von Brüssel bis Paris zum Podium. Er freute sich dennoch über seinen „absoluten geilen“ vierten Platz.

          „Auf jeden Fall hat es Appetit auf mehr gemacht. Ich habe gesehen, dass ich bei den Allerbesten mitfahren kann. Ich denke, dass ich mit meiner Entwicklung noch nicht am Ende bin. Ich muss noch ein kleines Stück stärker werden, dann ist einiges möglich“, bilanzierte Buchmann, der für die beste deutsche Plazierung seit Andreas Klöden vor 13 Jahren sorgte. Aber auch der Kletterspezialist konnte nicht verhindern, dass Deutschland erstmals seit 2010 keinen Etappensieg landete. Daran änderte auch die Schlussetappe über 128 Kilometer von Rambouillet nach Paris nichts, die am Sonntag der Australier Caleb Ewan gewann. Andre Greipel sprintete am Schauplatz seiner größten Karriereerfolge am Happy End vorbei, kam aber immerhin als Sechster ins Ziel.

          Hat Grund zu Feiern: der jüngste Gesamtsieger der Nachkriegsgeschichte Egan Bernal mit seinem zweitplatzierten Teamkollegen Geraint Thomas

          Das Gesamtklassement war da schon längst zementiert. Auf dem 2365 Meter hohen Gipfel in Val Thorens vollendete Bernal am Samstag sein Meisterstück. Mit 22 Jahren und 196 Tagen ist der Mann aus Zipaquira der jüngste Tour-Champion seit 1935 – und nicht wenige Experten glauben, dass noch einige Siege folgen werden. „Wenn man einmal die Tour gewonnen hat, will man immer mehr. Das ist wie eine Droge“, sagte Bernal, der seinen zweitplatzierten Teamkollegen Geraint Thomas entthronte und damit die Ineos-Dominanz mit dem siebten Sieg der britischen Mannschaft in acht Jahren bei der Tour fortsetzte. „Ich glaube, in Kolumbien sind die Menschen jetzt ziemlich happy“, sagte Bernal.

          Emanuel Buchmann hat mit Platz vier für die beste deutsche Plazierung seit 2006 gesorgt.

          So ertönte auf dem Prachtboulevard erstmals die kolumbianische Nationalhymne bei der 106. Auflage der Frankreich-Rundfahrt. „Ich bin sehr stolz darauf, das geschafft zu haben. Ich kann es kaum erwarten, das Trikot nach Kolumbien zu bringen“, sagte Bernal, der die Tradition der exzellenten kolumbianischen Bergspezialisten fortsetzte. Bei fünf Bergankünften war die Tour wie gemacht für das 60-Kilogramm-Leichtgewicht, das in 2650 Metern Höhe aufgewachsen ist.

          Passenderweise hatte Bernal am Freitag auf dem fast gleich hohen Col de l’Iseran das Gelbe Trikot erobert. Gerade noch rechtzeitig, ehe an einem denkwürdigen Tag heftige Wetterkapriolen und eine riesige Schlammlawine zum Abbruch der Etappe führten. An diesem Tag wurde die Grande Nation aus allen Tour-Träumen gerissen. Nicht nur dass Julian Alaphilippes Triumphfahrt in Gelb nach 14 Tagen endete, auch Bergspezialist Thibaut Pinot musste mit einer Muskelverletzung aufgeben.

          So muss Frankreich auch 34 Jahre nach dem letzten Hinault-Sieg weiter auf einen Triumph beim Nationalheiligtum warten. Und der letzte französische Champion macht seinen Landsleuten wenig Hoffnung auf Besserung. Bernal könnte es weiter bringen als alle Fünffach-Sieger, meinte Hinault. Ähnlich sieht es Thomas: „Er ist dazu geboren, um schnell zu fahren.“

          Ob der Generationenwechsel tatsächlich eingeleitet ist, wird sicher auch davon abhängen, ob Vierfach-Champion Chris Froome nach seinem schlimmen Sturz im Vorfeld der Tour noch einmal zurückkommen kann. Aus deutscher Sicht hat die Zukunft bereits begonnen. Oldie André Greipel war in den Sprints nicht mehr konkurrenzfähig, sein langjähriger Rivale Marcel Kittel versuchte sich bereits als TV-Experte. Dafür wussten neben Buchmann auch Maximilian Schachmann und vor allem Lennard Kämna zu gefallen. Der Youngster aus Fischerhude war bei drei Bergetappen vorne dabei – und das mit gerade einmal 22 Jahren. Ein offensichtlich guter Jahrgang.

          Dazu könnte in den Sprints bald Pascal Ackermann mitmischen. Der Gewinner der Giro-Punktewertung müsste sich dann aber mit Superstar Peter Sagan im Bora-Team einigen. Der Slowake war wieder eine Bank für die deutsche Mannschaft und ließ mit dem siebten Grünen Trikot Erik Zabel in den Rekordlisten endgültig hinter sich.

          Tour de France

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