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Edelhelfer im Radsport : Die Tour und die Malocher auf zwei Rädern

  • -Aktualisiert am

Edelhelfer bei der Tour de France: Tony Martin – vor seinem Ausschluss. Bild: dpa

Das Domestiken-System hat eine lange Tradition im Radsport. Sind die unauffälligen Fahrer nur ein kleines Rad im Getriebe, ein kleines Helferlein? Ganz und gar nicht. Sie sind viel mehr als das.

          Teamplayer, Edelhelfer, Lokomotive: Tony Martin, den der Internationale Radsportveraband nach einer Rangelei auf der 17. Etappe von der Tour de France ausgeschlossen hat, war bis zu seinem unfreiwilligen Abschied einer der prägenden Fahrer der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt, auch wenn er keine einzige Etappe gewann und kein einziges Trikot eroberte. Im niederländischen Team Jumbo-Visma war der viermalige Zeitfahrweltmeister als Helfer für Sprintstar Dylan Groenewegen und Kapitän Steven Kruijswijk unterwegs.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Ein kleines Rad im Getriebe, ein kleines Helferlein? Ganz und gar nicht. Ausnahmefahrer wie Tony Martin oder der frühere polnische Weltmeister Michal Kwiatkowski, der beim Team Ineos als Arbeitstier unterwegs ist, sind für die Teams von enormer, von entscheidender Bedeutung. Deshalb leisten sich die besten und finanzstärksten Mannschaften nicht nur sündhaft teure Rundfahrer und Sprinter als Kapitäne, sondern auch Edelhelfer, sogenannte Superdomestiken. Fahrer wie Martin oder Kwiatkowski.

          Neu ist das nicht. Das Domestiken-System hat eine lange Tradition. Schon 1891, als das 1200 Kilometer lange Monsterrennen Paris-Brest-Paris Frankreich elektrisierte, hatten die Favoriten mehrere Helfer an ihrer Seite, selbstverständlich auch der Franzose Charles Terront, der die Fernfahrt in 71:22 Stunden gewann. Die Tour de France unternahm in ihrer frühen Geschichte immer wieder Versuche, Helferdienste auf der Strecke zu unterbinden. Ihr Erfinder Henri Desgrange hatte ein anderes Ideal: das von Einzelstartern.

          Tour de France

          Der Stärkste solle gewinnen, fand er, nicht der mit dem stärksten Team. Schon die erste Ausgabe der Tour de France im Jahr 1903 war ausdrücklich für Einzelstarter ausgeschrieben. Die teilnehmenden Radfirmen fanden dennoch eine Möglichkeit, den jeweils stärksten ihrer Fahrer von Helfern unterstützen zu lassen. Die Tour-Leitung hatte Startern, die aufgegeben hatten, erlaubt, weiterzufahren. Sie tauchten in der Gesamtwertung nicht mehr auf, durften aber weiter um Etappensiege kämpfen. Solche Fahrer heuerten die Radfirmen unter Umgehung des Reglements als Helfer ihrer Stars an.

          Während es viele Jahre der Ehrgeiz von Desgrange blieb, ein Individualrennen zu veranstalten, hatte die Radindustrie beim finanziell schwächer ausgestatteten Giro d’Italia von Beginn an einen größeren Einfluss, der soweit ging, dass es beim Giro 1912 keine Einzel-, sondern nur eine Mannschaftswertung gab. Die Radfirmen hatten mit Macht darauf gedrängt, da sie ihre Teams in Gänze präsentieren und ihre Kapitäne bestmöglich unterstützt sehen wollten. Das organisierte Domestikentum im Radsport hat sich deshalb vorwiegend in Italien weiter entwickelt und professionalisiert.

          Aber auch die Tour de France musste gegenüber den Interessen der Industrie klein beigeben. Die Einzelwertung wurde zum Maß der Dinge, und die Kapitäne der Teams bekamen, wie gewünscht, ihre Helfer. Schon bei der Tour 1930 spielte sich eine Szene ab, die bis heute einen Platz in der Tour-Historie hat. André Leducq, der Träger des Gelben Trikots, war in den Alpen schwer gestürzt und hatte mehrere Minuten verloren, woraufhin ihn seine Mannschaft in den Schlepptau nahm und nach einer spektakulären Aufholjagd wieder an die Spitze und schließlich sogar zum Etappensieg fuhr. Eine gefeierte Aktion, die dem Ansehen der Domestiken, ihrem aufopferungsvollen Kampf, neuen Schub gab.

          In den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wurde das Domestikensystem weiter perfektioniert. Die Superstars und Rundfahrkönige umgaben sich mit möglichst vielen starken Helfern. So konnte sich Jacques Anquetil, der beste Rennfahrer seiner Zeit, in entscheidenden Situationen auf die Hilfe von prominenten, hoch bezahlten Hilfskräften wie den Deutschen Rudi Altig und den Franzosen Jean Stablinski verlassen, beide Weltmeister auf der Straße. Das Vorbild hatte Fausto Coppi geliefert. Auch der italienische Champion hatte sich gezielt mit Domestiken umgeben, anfangs nicht mit selbstbewussten, etablierten Profis wie später Anquetil, sondern mit Fahrern aus der Landarbeiterszene, die keine großen Ansprüche stellten, weder sportlich noch finanziell - und die es gewohnt waren, hart und unterwürfig zu arbeiten.

          Sie kamen der Bezeichnung domestique sehr nahe, die im Französischen einen Hausangestellten, einen Diener bezeichnet. Im modernen Radsport hat sie für jene Helfer Einzug gehalten, die ihre Arbeit in den Dienst des Kapitäns, ihres Teams stellen. Die besten Helfer - Fahrer wie Martin oder Kwiatkowski - sind hoch angesehene Angestellte in den Teams – selbst dann, wenn sie in ihrer Karriere kein einziges großes Rennen gewonnen haben und auch keines gewinnen werden.

          Wie wird man Domestik? Der irische Autor und ehemalige Tour-de-France-Fahrer Paul Kimmage hat das in seinem Buch „Tour de Farce“ so beschrieben: „In den nächsten vier Jahren meines Lebens als Radprofi ging es nur darum, irgendwie zu überleben. Ich war nicht bereit, zu dopen, um eine größere Karriere zu machen. Und ich hatte nicht das Talent, mit den Kollegen mitzuhalten, die diese Frage für sich anders entschieden hatten. Also warf die Wünsche und Träume meiner Kindheit über Bord und akzeptierte ein Dasein als Domestike, als Malocher ohne eigene Ambitionen, der sich voll und ganz in den Dienst seiner Teamkapitäne stellt.“ So ist es: Nicht jeder Rennfahrer kann sprinten, nicht jeder kann klettern, nicht jeder kann Häuptling sein, es braucht auch Indianer.

          Tour de France

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