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Tour de France : Seltene Spezies aus dem Allgäu

Momentan 3:40 Minuten hinter dem Führenden Froome: Dominik Nerz Bild: Imago

Dominik Nerz ist der einzige deutsche Klassementfahrer. Auch er war Opfer des Massensturzes. Er will weiterfahren, aber man muss die Röntgenaufnahmen abwarten.

          Kürzlich war Dominik Nerz in die Luft gegangen. Der Hauptsponsor seines Profi-Rennstalls Bora, der Dunstabzugssysteme herstellt, hatte einen Küchen-Container mit einem Kran in die Höhe gehievt. Das sollte, zum Einstieg der Tour de France, ein prächtiges Bild auf das deutsche Rad-Team werfen. Hoch über dem Erdboden wurde gekocht, mit Nerz als sportlichem Aushängeschild. Nerz? Kein Mann, der in der Öffentlichkeit bekannt wäre. Im Peloton allerdings hat sich der Allgäuer längst einen Namen gemacht. Er ist ein formidabler Rundfahrer, der beste seines Fachs in Deutschland. Er soll für seine Equipe aus Raubling in Oberbayern nun im Gesamtklassement eine gewisse Rolle spielen. Nerz gilt in dieser Hinsicht als aussichtsreichster deutscher Radprofi seit einiger Zeit.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Am Montag allerdings war auch er Opfer dieser üblen Karambolage etwa 55 Kilometer vor dem Ziel in Huy. Einer von rund 20 Profis, die bei einem Massensturz hart auf dem Asphalt landeten. Nerz zog sich Schürfwunden zu, biss aber die Zähne zusammen, stieg wieder aufs Rad und erreichte unter Schmerzen das Ziel - auf Rang 50. Im Gesamtklassement ist er jetzt 37., 3:40 Minuten hinter Spitzenreiter Christopher Froome. Nerz will auf jeden Fall weiter fahren, aber man muss abwarten, was die Röntgenaufnahmen ergeben.

          Harte Landung: Dominik Nerz nach seinem Sturz

          Sein Ausfall wäre ein herber Verlust, denn mit ihm ist der deutsche Radsport bei der Tour breiter aufgestellt als in jüngster Vergangenheit. An Rennfahrern „für einen Tag“ hatte es nicht gemangelt: Die Sprinter Marcel Kittel, der jetzt vom Team Giant-Alpecin nicht für die Tour nominiert wurde, und Andre Greipel, der am Sonntag seinen siebten Etappensieg bei der Tour errang. Oder Klassiker-Spezialist John Degenkolb, und natürlich Zeitfahr-Champion Tony Martin.

          Lehrmeister Vincenzo Nibali

          Die Spezies der Rundfahrer, die drei Wochen lang auf höherem Niveau in die Pedale treten können, ist hingegen unterbesetzt. Vielleicht wäre Nerz in diesem Genre schon ein Stückchen weiter, hätte er seinen Beruf zuletzt nicht vor allem als Helfer ausgeübt. Er stand an der Seite von arrivierten Männern wie Vincenzo Nibali oder Cadel Evans, er war der Wasserträger der Stars. Mit gelegentlichen Fluchtmöglichkeiten allerdings. Bei der Vuelta genoss Nerz in den vergangenen beiden Jahren die Freiheit, sich auf eigene Rechnung abzustrampeln, mit beachtlichen Ergebnissen. Er wurde 2013 Vierzehnter in Spanien und 2014 Achtzehnter. Der Allgäuer musste jedoch damit leben, dass er damit zumindest beim deutschen Publikum kein großes Aufsehen erregte.

          Nun versucht sich Nerz in einer exponierten Stellung, das Team Bora hat ihn als Kapitän engagiert. „Ich muss erst mal reinwachsen“, sagt der Allgäuer, „ich brauche Zeit.“ Er glaubt, dass sein Team tatsächlich auch Geduld mit ihm hat. „Das ist kein Einjahresprojekt, das muss jetzt nicht durchgepresst werden.“ Es ist sozusagen ein Experiment, für Nerz und die Raublinger. Immerhin hat der Radrennfahrer aus Wangen reichlich Erfahrung, nicht zuletzt dank des Lehrmeisters Nibali. Nerz schätzt den Tour-Sieger von 2014 sehr. Er sei der beste Rennfahrer, sagt Nerz, er preist zudem Nibalis Umgang mit den Kollegen. Er habe sich nie als Untertan gefühlt. Und er möchte auch im Rennen beherzigen, was ein Anführer wie Nibali ihm geraten hat: „Ruhig bleiben.“ Mit dem Italiener, inzwischen Galionsfigur des skandalumwehten Teams Astana, hatte Nerz bei der italienischen Formation Liquigas-Cannondale gemeinsame Sache gemacht.

          Scheitern wäre kein Desaster

          Männer wie Nibali mag der Allgäuer keinesfalls diskreditieren, schon gar nicht beim Thema Doping. Auf die Frage, ob man bei der Tour ohne unerlaubte Substanzen erfolgreich sein könne, entgegnet Nerz: „Ich stecke nicht drin in den Leuten, die eine Tour gewinnen.“ Und weicht auf ein anderes Terrain aus: „Kann man einen großen Konzern ohne Schmiergeldzahlungen führen?“ Auf sicherem Boden kann er sich wenigstens bewegen, wenn er sagt: „Wir müssen dafür kämpfen, dass unser Sport wieder mehr Anerkennung bekommt.“

          Für Nerz geht es nun um die eigene Reputation, er muss sich auf einer Führungsebene des Radsports zurechtfinden. Und er erweckt den Eindruck, als würde ein mögliches Scheitern keinesfalls ein Desaster sein. „Sollte es nicht reichen“, sagt er, „gehe ich zurück.“ In die zweite Reihe, als Domestik.

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