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Tour de France : Ein Fall für vier

  • -Aktualisiert am

Die Skandale fahren mit: Vicenzo Nibali Bild: Reuters

Die 102. Tour de France verspricht so viel Spektakel wie selten zuvor. Die größten Favoriten auf den Gesamtsieg sind schillernde Figuren – verfügen aber nicht über den besten Leumund.

          3 Min.

          Spannung und Spektakel wie lange nicht mehr? Das könnte gut sein bei der Tour de France, deren 102. Auflage am Samstag mit einem niederländischen Intermezzo beginnt. Immerhin ist in Utrecht gleich ein Quartett am Start, dem große Aussichten zugeschrieben werden, bei der Tour eine dominante Rolle zu spielen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Ein Fall für vier – so viele Favoriten auf Gelb hatte es bei der Tour tatsächlich selten gegeben. So wird also erwartet, dass sich der Italiener Vincenzo Nibali, der Spanier Alberto Contador, der Brite Christopher Froome und Nairo Quintana aus Kolumbien einen harten Schlagabtausch liefern werden in den kommenden drei Wochen. Vier Radprofis, die zu den schillerndsten Figuren ihres Metiers gehören, die – teilweise zumindest – aber nicht über den besten Leumund verfügen. Und auch schon vor der Tour in gewissen Turbulenzen steckten.

          Unumstrittener Kapitän bei Sky: Christopher Froome

          Der Sizilianer Nibali zum Beispiel, der im Vorjahr, nach dem verletzungsbedingten Ausscheiden von Contador und Froome, die Frankreich-Rundfahrt gewonnen hatte, kann von Glück sagen, überhaupt wieder dabei zu sein. Sein kasachischer Arbeitgeber, das Team Astana, stand wegen Doping-Verstrickungen vor dem Lizenzentzug – der Internationale Radsportverband (UCI) scheiterte aber mit dem Antrag, die Zeichen für die Kasachen und ihren umtriebigen Teamchef Alexander Winokurow auf Stopp zu stellen.

          Trotz der Ungewissheit, die das Team in jüngster Vergangenheit begleitet hatte, behauptet Nibalis italienischer Trainer Paolo Slongo: „Wir sind bereit.“ Er verweist auf ein anspruchsvolles Übungsprogramm in den Dolomiten und glaubt, dass sein Star ähnlich gute Werte wie 2014 aufweise; Nibali hatte die Tour damals erstaunlich leicht beherrscht. Er und seine skandalumwitterte Equipe werden nun in jeden Fall wieder unter besonderer Beobachtung stehen.

          Auch wegen der Aufarbeitung der Doping-Praktiken im dänischen Radsport durch die dänische Anti-Doping-Agentur. Sie hatte kürzlich in einem Dossier dargelegt, dass der Däne Bjarne Riis in seinen Teams auf alle Fälle von Betrügereien gewusst und sie zum Teil auch angeordnet habe. Die Machenschaften seien auch Teamärzten wie Joost de Maeseneer bekannt gewesen – de Maeseneer ist jetzt als Mediziner beim Team Astana tätig.

          Einer von vieren: Der Spanier Contador

          Contador kommt mit der „Empfehlung“ des Giro-Sieges zur Tour. Der kleine Spanier, einst als Doping-Sünder entlarvt, strebt in diesem Jahr das Double an. Ein schwieriges Unterfangen und eines, das die Frage aufwirft, wie ein Profi innerhalb kurzer Zeit zwei extreme Anforderungen bewältigen kann mit natürlicher Kraft. „Es motiviert mich“, sagt Contador, „wenn Leute sagen, dass das Double nicht zu schaffen sei.“ Riis, der beim Team Tinkoff-Saxo seinen Abschied hatte nehmen müssen, traut dem Spanier die doppelte Höchstleistung offenbar ohne weiteres zu. Der Däne, wie Contador mit allen Finessen der Zunft vertraut, sagt: „Alberto hat ein besonderes Talent. Er ist der spannendste Fahrer, mit dem ich jemals gearbeitet habe.“

          Froome, der im Vorjahr wegen eines Handgelenkbruches die Tour hatte verlassen müssen, geht als unumstrittener Kapitän des Teams Sky ins Rennen, da Bradley Wiggins sich inzwischen auf den Bahnradsport konzentriert. Der Brite, der die Tour 2013 für sich entschieden hatte, erregte unlängst wegen einer verpassten Doping-Kontrolle Aufsehen.

          Ein unbekannter Kletterspezialist

          Der Vorfall hatte sich während des Urlaubs mit seiner Frau in Italien ereignet. Die Fahnder seien um 7 Uhr morgens erschienen, das Hotelpersonal habe ihnen aber keinen Zugang gewährt. „Ich trage dafür die Verantwortung“, sagte Froome, der sonst den Eindruck erwecken möchte, sich gerne für den Kampf gegen Doping einzusetzen. So hatte er sich im vergangenen Jahr darüber beschwert, in der Tour-Vorbereitung auf Teneriffa nicht getestet worden zu sein.

          Als eine Art Unbekannte gilt Quintana, der sich zuletzt wochenlang in seine Heimat zurückgezogen hatte; der Kletterspezialist wollte sich in der Höhe für die Tour trimmen. Quintana wird als herausragender Vertreter einer neuen Generation von kolumbianischen Radrennfahrern betrachtet. Er hatte das in den vergangenen Jahren auch deutlich belegt, als Tour-Zweiter 2014 und mit dem Erfolg beim Giro d’Italia 2014. Damals hatte Quintana auf die Tour verzichtet.

          So viel Zeit muss sein: Quintana macht einen Schnappschuss bei der Team-Präsentation

          Vier im Fokus – das soll Aufregung garantieren bei der größten Show des Radsports. Einer, der wegen Dopings aus allen Listen der Tour gestrichen wurde, wird ebenfalls kommen. Und vermutlich auch für beträchtlichen Aufruhr sorgen. Das ist ja jetzt schon so, allein durch die Ankündigung von Lance Armstrong, sich Mitte Juli an einem Wohltätigkeitsrennen zugunsten Leukämiekranker auf Strecken der Tour beteiligen zu wollen. UCI-Präsident Brian Cookson nennt den geplanten Auftritt des Texaners „respektlos und völlig unangemessen“. Die Tour 2015 könnte es wirklich in sich haben.

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