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Ein Epos für jedermann : Was die Tour de France zum Mythos macht

Aus dem Weg: Christopher Froome, der Mann in Gelb, muss sich freie Fahrt verschaffen Bild: WITTERS

Die Frankreich-Rundfahrt ist die drittgrößte Sportveranstaltung der Welt – und noch immer ein proletarisches Spektakel. Nicht einmal Stürme und Doping-Skandale können ihr etwas anhaben.

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          Der Mann im Gelben Trikot steuert sein Rad mit der rechten Hand, sein linker Arm ist zur Seite gestreckt. Christopher Froome braucht ihn zur Verteidigung. Er muss sich schützen gegen Zugriffe vom Wegesrand, gegen eine enthusiastische Menge, die sich so dicht an ihn heranschiebt, dass sie ihn fast zu verschlucken scheint. Froome, der Unwiderstehliche, der Regent der Tour de France, muss kämpfen, um voranzukommen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Seine Konkurrenten scheinen keine allzu große Gefahr für ihn zu sein, aber weil der Radsport ein offener Sport ist, im wahrsten Wortsinn, ein Sport des Volkes, steckt Froome während seiner Fahrt mittendrin in einem unvergleichlichen, einem tückischen Trubel. Auch er, sonst von Bodyguards abgeschirmt, ist auf dem Rad ein Star zum Anfassen, und er ist verletzlich. Dann vor allem, wenn die Tour ihre Flamme hochdreht, wenn sie das Peloton in die Höhe schickt, wie in den vergangenen Tagen in den Pyrenäen oder in der kommenden Woche in den Alpen. Wenn die Tour zu einem rauschenden Bergfest wird.

          Zwei Weltkriege überlebt

          Die Tour, wieder einmal fest in britischer Hand, findet in diesem Sommer zum 102. Mal statt. Und trotz ihres biblischen Alters ist sie immer noch ein Faszinosum. Eine ewig junge Liebe vor allem für die Franzosen, die in ihr ein Nationalheiligtum sehen, und der auch Staatspräsidenten zu Füßen liegen. Die Tour hat zwei Weltkriege überlebt, sie überstand andere heftige Stürme, aber kein Orkan und noch nicht einmal schwere Doping-Skandale haben sie in den Abgrund treiben können. Frankreich zelebriert das Leben immer im Juli als große Schleife, drei Wochen lang. Ein Mythos auf Reisen, und jedes Jahr scheint er den Franzosen ihr eigenes Land von neuem zu erschließen.

          Es kostet keinen Eintritt, den Helden nahe zu sein. Die Tour, die drittgrößte Sportveranstaltung der Welt nach der Fußball-Weltmeisterschaft und den Olympischen Spielen, ist ein proletarisches Spektakel, ein Epos für jedermann. Millionen Zuschauer stehen an der Straße, wenn die Tour durch die Lande tingelt; manchmal, besonders im Flachen, lässt sich nur ein Sekundenblick auf die rasende Meute werfen. Aber die Tour bietet noch andere Vergnügungen, eine Werbekarawane zum Beispiel, die als Lindwurm der guten Laune dem Feld voranfährt, lärmend und mit Motivwagen wie im Fasching. Sie bombardiert die Fans mit Süßigkeiten und Spielzeug, schleudert ihnen Mützen entgegen und Taschen eines Fast-food-Unternehmens. C’est le Tour, ganz profan.

          Der Lindwurm der guten Laune: Auch die Werbekarawane schlängelt sich durch die Berge

          Auf den Klamauk folgt der bunte Tross der Rennfahrer, manchmal im dichten Pulk, manchmal auseinandergezogen. Die Tour, mit der insgesamt 4500 Personen direkt zu tun haben, lässt 198 Profis starten; aber inzwischen sind es schon ein paar weniger, das Rennen fordert seinen Tribut. Aber so groß die Strapazen sind auf dem mehr als 3600 Kilometer langen Kurs, so sehr die Fahrer leiden müssen bei der fast täglichen Hatz und Hitze, so anziehend, beinahe betörend finden doch auch sie diese Rundfahrt.

          Die Tour beansprucht Körper und Kopf stärker als jedes andere Radrennen, aber sie strahlt auch am hellsten. Sie überlagert eine Rad-WM und selbst den Olympia-Sieg. Sie verheißt das größte Ansehen. Auch für jene Fahrer, die nicht für Gelb in Paris in Frage kommen, sondern allenfalls ein Stückchen Ruhm ergattern können, einen Etappensieg. Oder ein Hemd in Gelb oder Grün wenigstens für eine kurze Zeit. Der Deutsche Tony Martin, der sich eine Etappe sicherte und sich dadurch mit der Farbe Gelb schmücken durfte, hat damit, wie er sagt, in diesem Jahr endlich eine große Sehnsucht gestillt, und er konnte es nach seinem Erfolg leichter verschmerzen, dass er von der Tour abgeworfen, auf den Asphalt geschmettert wurde: linkes Schlüsselbein gesplittert. Verwundete, blutende Profis gehören zum Alltag der Tour, und Martin sagt, dass auch sie die Faszination dieses Wettbewerbs ausmachten. Mit den kleineren und größeren Dramen, die mit Stürzen und Karambolagen verbunden sind.

          Eine schaurig-schöne Show. Und eine Sucht. Wie extrem sie ist, hat Erik Zabel, frühere deutsche Sprint-Größe und ein Doping-Sünder, mit diesen Worten beschrieben: „Ich kenne so viele Rennfahrer, die sagen: Mein Traum ist es, eine Tour-Etappe zu gewinnen. Wenn das dann passiert, haben die so einen Ausstoß von Glückshormonen, das ist das Hundertfache eines Geburtstages. Mich hat die Tour so geprägt, dass ich mit Geburtstag, Weihnachten oder Silvester gar nicht mehr so viel anfangen kann. Ich hatte durch die Tour einen solchen Glücksschock bekommen, dass es schwer ist, die anderen Sachen noch vernünftig einzuordnen.“ Zabel hat sich dafür, wie sich herausstellte, unlauterer Mittel bedient. Ein Beispiel, wie schnell Grenzen überschritten werden, um bei der Tortur Tour ein bisschen Licht zu erhaschen.

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