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Team Deceuninck-Quickstep : Das gefräßige Wolfsrudel der Tour de France

  • -Aktualisiert am

Unter Wölfe: Die Fahrer des Teams Deceuninck-Quickstep um den Gesamtführenden Julian Alaphilippe während der neunten Etappe der Tour der France Bild: Reuters

Schon zwei Etappensieger hat Deceuninck-Quickstep bei dieser Tour vorzuweisen, „Loulou“ Alaphilippe, Träger des Maillot Jaune und Fan-Liebling, fährt ebenfalls für die Belgier. Was macht das Team so stark?

          Der Liebling der Nation verhält sich auch wie einer. Er schenkt jedem ein Lächeln, winkt eifrig auch am Ruhetag den Fans am Hotel und Teambus zu, schreibt Autogramme. Und wenn nach einer Solo-Pressekonferenz vor vollem Haus oben am Aufzug noch ein als riesiges, rotes Bonbon verkleideter Mann ein Selfie haben möchte, kommt er auch dieser Bitte freundlich nach. Julian Alaphilippe, das ist dieser Tage offensichtlich, saugt alles auf im Sommer seines Lebens. Der Radler „Loulou“, wie er liebevoll gerufen wird, hat eine „Loulou“-Mania ausgelöst während seiner Triumphfahrten durchs Land. Das Gelbe Trikot scheint dem pedalierenden Musketier mit dem akkurat getrimmten Spitzbärtchen Bärenkräfte und Flügel zugleich zu verleihen.

          Nun dreht sich alles um Fragen wie diese: Wie lange kann dieses Leichtgewicht von kaum 60 Kilogramm das Maillot Jaune auf den schmalen Schultern halten? Kann er es bis Paris tragen und Frankreich komplett mit Gelbfieber infizieren? Die Aufgeregtheiten prallen an ihm und seinem starken Team Deceuninck-Quickstep ab. Er werde das Gelbe Trikot so lange wie möglich verteidigen, aber auf den anstehenden Hochgebirgsetappen werde die Stunde der Favoriten schlagen. So sagt es Alaphilippe immer wieder, mit nur leichten Variationen.

          Oder ist es nur ein großer Bluff – und der 27-Jährige hat längst größere Ziele? Es bleibt schwer vorstellbar, dass er im Nu vom Puncheur zum Bergfex umschulen könnte. Dass ein explosiver Fahrer wie er, mit erwiesener Extraklasse auf Klassiker-Terrain, also im Mittelgebirge, auf den Passstraßen in der Höhe vorne bei den Berufskletterern dabei bleiben könnte. Zehn Minuten bergauf jagen oder vierzig Minuten Kraxelei am Stück im Hochgebirge unterscheiden sich halt von der Belastung sehr.

          Diese Tour de France ist aber jetzt schon wie ein Hauptgewinn für den Rennstall Deceuninck-Quickstep, dessen Fokus eigentlich auf den heimatlichen Klassikern und nicht auf den großen Rundfahrten liegt. Aber mit zwei Etappensiegen – einem von Alaphilippe und einem von Sprinter Elia Viviani – und dem Maillot Jaune hat sich die Erfolgsserie der belgischen Mannschaft vom Frühjahr nun in den Sommer verlängert. Mit dem jungen Spanier Enric Mas hat die Sieg-Manufaktur sogar noch einen Profi auf Rang sechs im Gesamtklassement aussichtsreich plaziert.

          Tour de France

          Waren es im Vorjahr schier unglaubliche 73 Saisonsiege, haben die Männer in Blau auch in der aktuellen Saison schon wieder 48 Tageserfolge angehäuft. Kein anderes Team hat mehr. Worauf beruht der dauerhafte Erfolg der Formation? Zunächst auf einer im Radsport ungewohnt langen Kontinuität auf Geldgeberseite. Der Fußbodenhersteller Quickstep sponsert das Team schon seit 2003 – seitdem übrigens hat sich die Equipe zur dominanten Kraft des Frühjahrs aufgeschwungen. Mit einer für die Konkurrenz kaum zu parierenden Ausrichtung. Die Belgier treten bei den großen Eintagesrennen, der Kader macht es möglich, stets mit mehreren potentiellen Siegkandidaten an. Was ihnen im Rennen in die Karten spielt, weil sie pokern und reizen können sowie das Blatt erst spät aufdecken müssen. Wer radelnde Alphatiere wie Alaphilippe, Gilbert, Jungels, Lampaert, Mas, Stybar oder Viviani beschäftigt, hat zig Optionen im Rennfinale. Und das Wolfsrudel, wie sie sich selbst nennen, ist extrem gefräßig und kann jederzeit zuschnappen.

          „Er würde vermutlich verrückt werden“

          Was bei so vielen Topkräften unter einem Dach von der Teamführung ein besonderes Händchen bei der Mitarbeiterführung voraussetzt. „Es geht nur über einen besonderen Teamgeist. Die Jungs mögen sich und neiden sich die Erfolge nicht. Sie haben exakt verteilte Aufgaben und wissen, was sie aneinander haben“, sagte der Sportliche Leiter Tom Steels im Gespräch mit der F.A.Z.. Zumal es schon intern eine harte Auslese gibt, wer überhaupt für die großen Rennen ins Aufgebot berufen wird.

          Für die Tour leistet sich Deceuninck-Quickstep beispielsweise den Luxus, auf Philippe Gilbert, den diesjährigen Paris-Roubaix-Sieger, zu verzichten. Zusammengehalten wird der Laden vom belgischen Chef Patrick Lefevere, einer grauen Autorität mit jahrzehntelanger Erfahrung im Gewerbe. Lefevere gab zu, als Aktiver im Peloton einige Male Amphetamine gespritzt zu haben. Zur Doping-Problematik im heutigen Radsport hört man von ihm meist nur, dass man aufhören solle, so viel darüber zu reden. Lefeveres Lehrmeister war Landsmann Walter Godefroot, mit dem das Team T-Mobile einst in den Doping-Sumpf stürzte.

          Deceuninck-Quickstep hat sogar immer wieder namhafte Abgänge zu verkraften. Vor dieser Saison waren es unter anderem die Könner Fernando Gaviria, Niki Terpstra und der Berliner Maximilian Schachmann. Doch das kann dem Erfolgsteam traditionell nichts haben. Alaphilippe beispielsweise ist bei den Belgiern einst Profi und nun groß geworden.

          Der Tour hat der Franzose bislang mit Angriffslust, als er das Gelbe Trikot holte, sowie Stärke und Cleverness, als er es verteidigte, seinen Stempel aufgedrückt. „Julian fliegt derzeit. Aber der Kurs war auch wie für ihn gemacht, und er hat schon viel investiert“, sagt Steels. Und nun in den Bergen? „Er soll so bleiben wie er ist, ein spektakulärer Fahrer, der Vollgas fährt und nicht den ganzen Tag im Feld bleibt. Er würde vermutlich verrückt werden, wenn er nicht attackieren dürfte“, so der Sportliche Leiter. Mit offensiver Fahrweise hat das kleine Energiebündel in diesem Jahr auch bei Mailand-Sanremo und dem Fleche Wallone triumphiert. Nun sollen die Alaphilippe-Festspiele in Gelb inmitten der Männer in Blau noch eine Weile weitergehen.

          Tour de France

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