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Frankreich-Rundfahrt : Greipel siegt zum Abschluss der Tour de Froome

Gelb ist seine Farbe: Auf der letzten Etappe gönnt sich der Brite auch ein Glas Champagner. Bild: dpa

Christopher Froome gewinnt souverän die Tour de France – deren letzte Etappe abermals ein Deutscher gewinnt. Der Brite nimmt sich diesmal sogar die Freiheit, das Unerwartete zu tun.

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          Hätte nicht verwundert, wenn er auch noch einen Steuerrohrsteiger vorgeführt hätte. Einen Handstand auf dem Lenker oder eine Pirouette. Wenn er sich ganz und gar als Kunstradfahrer auf der Straße geriert hätte. Das wäre Christopher Froome ohne weiteres zuzutrauen gewesen. Er war ja zeitweise ein Künstler auf dem Rad, ein Entertainer, einer, der für Überraschungen gut war auf seiner Rennmaschine. Das war plötzlich ein anderer Froome. Kein Mann, der wieder sein Programm abspulte, das er seit Jahren kennt und verinnerlicht hat. Sondern jemand, der intuitiv handelte, der sich in diesem Sommer die Freiheit nahm, das Unerwartete zu tun.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Und auch ein Radprofi, der manchmal unbeholfen wirkte, verletzlich, der aber dennoch nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen war. Froome, der Vielseitige, animierte sogar seine Entourage zu Späßen. Es gibt ein Video, auf dem sein Teammanager ihn nachahmt, auf dem Dave Brailsford in Radfahrermontur lachend über den Parkplatz eines Hotels rennt, in komischer Haltung. Rücklage, Knie hüfthoch, weit ausholende Armbewegungen. Ein bisschen Slapstick, in Erinnerung an den Froome, der am Mont Ventoux notgedrungen etliche Meter zu Fuß lief.

          Nicht einmal in unmittelbarer Nähe

          All das gehört zur Tour de France, die eine Tour de Froome war, wieder einmal. Wie schon 2013 und 2015. Sie war sehr früh bereits die Tour des 31 Jahre alten Briten. Froome, geboren in Kenia, aufgewachsen in Südafrika, hatte von Anfang an keinen Zweifel an seiner Dominanz gelassen. Er versetzte seiner Konkurrenz einen Stich nach dem anderen, vor allem dem Kolumbianer Nairo Quintana, der – zunächst hoch gehandelt – bisweilen wie ein Lehrling erschien im Schatten von Froome, unfähig zur großen Attacke, nicht imstande, Stürze des Briten in einen eigenen Vorteil umzumünzen. Und letztlich landete Quintana noch nicht einmal in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks Froome, sondern hinter Romain Bardet, der als Zweiter der 103. Tour eine Art Erlösung für Frankreichs Radsport darstellte.

          Am Ende fuhrt der Brite mit einem Vorsprung von 4:21 Minuten auf Quintana über die Ziellinie auf der Pariser Champs-Élysées. Ebenjene letzte Etappe gewann der Deutsche André Greipel. Der 34-Jährige setzte damit eine deutsche Erfolgsserie fort: 2013 und 2014 hatte schon Marcel Kittel das Tour-Finale gewonnen. Auch vor einem Jahr siegte Greipel.

          Wieder geschafft: Wie schon im vergangenen Jahr gewinnt André Greipel die letzte Tour-Etappe. Bilderstrecke

          Der Beste, der Stärkste. Froome ist kein besonders eleganter Radrennfahrer, aber er ist ein ungemein effektiver Pedaleur. Und bestens aufgehoben in dem Kokon, den das Team Sky für ihn bildet. Eine Millionentruppe des Radsports, exzellent besetzt, total fixiert auf ihren hageren Anführer. Es sei ein unglaubliches Privileg, eine solche Mannschaft hinter sich zu haben, sagte Froome anerkennend. Mancher aus dieser Equipe könnte selbst ein Leader bei der Tour sein, der Niederländer Wouter Poels zum Beispiel oder der Kolumbianer Sergio Henao.

          Doch sie haben sich verpflichtet, treu zu Froome zu stehen, sich dessen Zielen unterzuordnen, ohne Wenn und Aber. Sie setzen sich an die Spitze des Feldes, machtvoll, sie diktieren die Geschwindigkeit, sie bieten ihrem Kapitän Windschatten, sie richten sich bedingungslos nach Froomes Erfordernissen. Und wenn doch einer der Rivalen anzugreifen versucht, jagen ihm die Helfer Froomes hinterher, einer nach dem anderen. Bis Froome dann selbst, sofern es überhaupt nötig ist, nach vorne stößt. Eine Taktik des Zermürbens, eine Strategie, die das Peloton erdrückt. Wie es einst der Doping-Sünder Lance Armstrong mit seinen Gefährten exerziert hatte.

          Die Franzosen waren dem Texaner Armstrong nicht sonderlich zugetan, und auch Froome ist kein Liebling der Grande Nation, die eher Rennfahrern huldigt, die vom Pech verfolgt sind, die sich immer wieder gegen Widrigkeiten stemmen müssen, wie ihr Landsmann Raymond Poulidor, der ewige Zweite. Und trotzdem einer der populärsten französischen Fahrer, eine Legende. Froome tritt immerhin nicht so unnahbar auf wie früher Armstrong, nicht so herrschsüchtig, er hat eine deutlich sympathischere Attitüde als der Texaner, ein höflicher Mann gar ungeachtet seiner unnachgiebigen Hatz nach Erfolgen.

          Froome definiert sich als Profi genauso wie Armstrong ausschließlich über das Gelbe Trikot, nichts anderes zählt für ihn als dieses Hemd, das er nun zum dritten Mal in seiner Karriere erobert hat. Mit einer bemerkenswerten Darbietung in den vergangenen drei Wochen, mit ungeahnten Qualitäten und frischem Tatendrang, mit einem erstaunlichen Tempo bisweilen auch, etwa beim Bergzeitfahren. Froome war, anders als in der Vergangenheit, dennoch kaum mit Fragen nach Doping konfrontiert worden, es ging allenfalls um mögliche mechanische Manipulationen im Radsport, auf die bei dieser Tour offenbar der Fokus gelegt worden war. Man müsse verrückt sein, sagte Froome am Samstag, wenn man es bei der Tour mit einem Motor als Beschleuniger versuche.

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          Das Team Sky hatte sich im vergangenen Jahr bemüht, Verdächtigungen gegen Froome mit der Veröffentlichung von Leistungsdaten wegzuwischen. Alles im grünen Bereich, sollte diese vermeintliche Offenheit bedeuten. Der Rennstall hat zudem eine Studie in Auftrag gegeben, die beweisen soll, dass Doping-Vorwürfe gegen Froomes kolumbianischen Adjutanten Henao haltlos sind. Dieses Team hatte aber auch mal einen belgischen Arzt namens Geert Leinders beschäftigt, der Radprofis mit Doping-Mitteln versorgt haben soll; Leinders ist inzwischen lebenslang gesperrt.

          Die Tour 2016 hat einen überlegenen, einen unantastbaren und einen menschlichen Froome erlebt. Einen wahren Champion, vielleicht auf Jahre hinaus. Ohne dass sich auch jetzt sagen ließe, diesen Radprofi und die ganze Wahrheit über ihn wirklich zu kennen.

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