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Radprofi Geraint Thomas : Der lange Anlauf zum Toursieg

Geraint Thomas während der letzten Etappe vor dem Triumphbogen in Paris. Bild: dpa

Ein Genießer, der möglichst so bleiben will, wie er ist: Tour-Sieger Geraint Thomas ist ein linientreuer Gefolgsmann von Sky-Chef Dave Brailsford. Sein Dank galt dem vielgeschmähten Kollegen „Froomey“.

          Als das Werk vollbracht war am späten Samstagnachmittag, als er die letzte größere Hürde genommen hatte, wurde Geraint Thomas, der bis dahin immer gelassen gewirkt hatte, von seinen Emotionen überwältigt. Seine Stimme geriet ins Stocken, und er ließ den Tränen freien Lauf. „Oh Mann“, sagte Thomas, „das letzte Mal, dass ich geweint habe, war bei meiner Hochzeit.“ Er wisse gar nicht, sagte er noch, „was gerade mit mir passiert“. Thomas sprach von einem surrealen Erlebnis.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Er dürfte inzwischen aber realisiert haben, was mit ihm in den vergangenen drei Wochen geschehen ist, wird die Dimension seines Schaffens erkannt haben. Auch das ist eine Art Vermählung gewesen, eine zwischen ihm und der Tour de France, die Thomas nun erstmals erobert hat, im Alter von 32 Jahren. Nach einem langen Anlauf, nach einer harten Plackerei in diesem Juli, in dem Thomas mehr als 80 Stunden im Sattel verbracht hat. Am Sonntag hatte er noch einmal 116 Kilometer auf seinem Rad zurücklegen müssen, zwischen Houilles und Paris, dort, wo Thomas von seiner Rennmaschine stieg, sich auf die oberste Stufe eines Podiums auf den Champs-Élysées stellte und sich endgültig in Gelb präsentierte. Sehnsucht erfüllt, obwohl das gar nicht vorgesehen war, obwohl Thomas in der Rolle eines Helfers zur Tour gekommen war. Aber das hatte sich schnell geändert bei der 105. Frankreich-Rundfahrt, im Handumdrehen sozusagen. Thomas avancierte zum Hauptdarsteller. Er nahm die Aufgabe ohne Zögern an, ohne Reibungsverluste. Eine souveräne Fahrt ins Licht, ein letztlich ungefährdeter Erfolg vor dem Niederländer Tom Dumoulin und vor Christopher Froome, den Thomas während des Rennens als Kapitän des Teams Sky abgelöst hatte. In Paris rollten Froome und Thomas am Sonntag nebeneinander über die Ziellinie. Die letzte Etappe dieser Tour hatte zuvor der Norweger Alexander Kristoff vor dem Wahl-Hessen John Degenkolb gewonnen.

          Wales hat Gareth Bale, den Fußballstar. Wales ergötzt sich an Rugby. Und Wales stellt nun erstmals den Sieger des prestigeträchtigsten Spektakels des Radsports. Am Samstag wurde Thomas gefragt, wie es denn so sei als Nationalheld, wie das womöglich sein Leben verändern werde, und der Mann aus Cardiff antwortete: „Ich versuche, der zu bleiben, der ich bin.“ Thomas erscheint nicht abgehoben, sondern bodenständig. Einer, der den Eindruck erweckt, als würde man sich in einem Pub kurzerhand neben ihn stellen und ein Bier mit ihm trinken können. Thomas schätzt ohnehin den Genuss. „Er liebt es, einen Drink zu nehmen, wenn es Zeit dafür ist“, sagte sein langjähriger Trainer Rod Ellingworth, inzwischen in der sportlichen Leitung von Sky tätig.

          Schnellster in den Alpen

          Thomas, in den Jahren 2008 und 2012 Olympiasieger in der Mannschaftsverfolgung auf der Bahn, hat die Tour nicht unbedingt im Hurrastil gewonnen. Aber er ist bei passender Gelegenheit aus sich herausgegangen, in den Alpen vor allem, wo er zwei Etappen für sich entschieden hat, unter anderem in Alpe d’Huez, schon als Träger des gelben Hemdes. Der Waliser, der häufig Sturzpech hatte in seiner Karriere, sprach von einem äußerst bewegenden Moment. Es sei, betonte er, der pure Wahnsinn gewesen.

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