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Tour de France : Die Amerikaner schalten auch ohne Sagan ein

  • -Aktualisiert am

Peter Sagan: Ausgeschlossen und doch gefeiert. Bild: AP

Der schrille Sagan ist ein Superstar in den Vereinigten Staaten, weit mehr als jeder einheimische Fahrer. Trotz seines Ausschluss von der Tour schalten die Zuschauer ein. Warum ist das so?

          3 Min.

          Taylor Phinney und Nate Brown gaben sich alle Mühe während der ersten Woche der Tour de France die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die beiden Radrennfahrer, die zwei Drittel des nordamerikanischen Kontingents bei der Frankreich-Rundfahrt darstellen, warteten keine zwei Tage ab, um sich vor das Fahrerfeld zu spannen und unmittelbar nacheinander das Trikot des besten Bergfahrers zu erkämpfen.

          In ihrer Heimat half das den beiden allerdings nicht sonderlich. Jenseits der eingeschworenen Gemeinde von Radsport-Enthusiasten nahm kaum jemand von den Hasardeuren Notiz. Für die Tageszeitungen und Sportplattformen war das beherzte Auftreten der beiden kaum mehr als eine Randnotiz.

          Ganz anders erging es da dem Slowaken Peter Sagan. Als der amtierende Weltmeister wegen einer Rangelei im Zielsprint von der Tour ausgeschlossen wurde, machte die Sportseite der „New York Times“ mit einer halbseitigen „Fotostrecke“ des Vorfalls auf. Zwei Tage später gab die gleiche Zeitung dem New Yorker Amateurrennfahrer Dan Schmalz Platz auf der Meinungsseite, um zu lamentieren, dass die Tour mit dem Ausschluss des Radsport-Rockstars des Sports sein Herz gebrochen habe. Wieder einmal, nachdem der tiefe Fall des Lance Armstrong ihm schon einmal beinahe die Liebe zu seinem Sport genommen hatte.

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          Der schrille Sagan ist ein Superstar in den Vereinigten Staaten, weit mehr als jeder einheimische Fahrer. „Die Leute lieben ihn“, sagt Charles Pelkey, der die Tour mehr als zehn Jahre lang als Reporter begleitete und heute mit seinem Blog noch immer Zehntausende von Fans erreicht. Durch seinen spektakulär herausgefahrenen Sieg bei den Weltmeisterschaften in Virginia vor zwei Jahren hat Sagan hierzulande mehr Menschen für den Radsport mobilisiert als irgendein anderer seit Armstrong. Bei der Tour of California, bei der Sagan seit Jahren zu Gast ist und Etappen gewinnt, ist er Publikumsmagnet Nummer eins.

          Die Vorliebe der Amerikaner für Sagan zeugt von einer gewissen Reife des Radsport-Publikums in den Vereinigten Staaten. Diejenigen Fans, die dem Radsport nach der Ära Armstrong treu geblieben sind, lieben den Sport ungeachtet nationaler Identifikationsfiguren. „Die meisten, die jetzt noch die Tour schauen, sind nicht unbedingt Fahnenschwenker“, sagt Charles Pelkey. Dennoch ist bei vielen von ihnen die Liebe zum Radsport erst durch die Armstrong-Jahre erblüht. „Man kann den Radsport in den Vereinigten Staaten heute und vor zwanzig Jahren nicht annähernd vergleichen“, sagt Neal Rogers, ehemaliger Redakteur beim Branchen-Portal „Cycling Tips“ und langjähriger Radsport-Journalist. „Selbst wenn 80 Prozent derer, die sich wegen Armstrong für den Sport interessiert haben, wieder weg sind, stehen wir immer noch gut da.“

          Fernsehnetzwerk NBC zeigt 280 Stunden Tour de France

          Das lässt sich allein schon an den Medien ablesen. Vor Armstrongs Tour-Sieg gab es bis auf die Fachpresse praktisch kein amerikanisches Medium, das von der Tour berichtete. Fernsehbilder gab es nicht; wenn die Tageszeitungen am Ende der Tour einen Artikel über den Sieger brachten, war das viel. In diesem Jahr zeigt hingegen das Fernsehnetzwerk NBC 280 Stunden Tour de France. Jede Etappe wird für Abonnenten live gestreamt, der Kabelsender NBC Sports bringt jeden Abend eine Zusammenfassung sowie Liveübertragungen von den Schlüsseletappen.

          Die Einschaltquote liegt laut Angaben des Senders zwischen 265.000 und 365.000. Im Vergleich zu den Armstrong-Jahren ist das freilich vergleichsweise wenig. Bei Armstrongs letztem Tour-Sieg schalteten durchschnittlich 1,6 Millionen Menschen ein. Aber es reicht aus, um die Berichterstattung zu rechtfertigen.

          Natürlich würden die Produzenten bei NBC sich wieder einen charismatischen amerikanischen Top-Fahrer wünschen oder – besser noch – ein rein amerikanisches Team, das die Quote pusht. In der Welt der eingefleischten Radsport-Fans ist man da jedoch zurückhaltender. „Ich brauche die Leute nicht, die nur Armstrong zugejubelt haben“, sagt Charles Pelkey. „Mir sind diejenigen lieber, die den Sport um seiner selbst willen lieben.“

          Doch Armstrong mag einfach nicht aus dem amerikanischen Radsport verschwinden. Zu dieser Tour de France bietet Armstrong, der von sich selbst sagt, er habe jüngst seine Liebe zum Radsport wieder entdeckt, einen täglichen Podcast an. Und das nicht ohne Erfolg: Die Sendung hat es bis auf den Rang 16 der iTunes-Charts geschafft. Radsport-Veteranen wie Pelkey nehmen das gelassen: „Ich kann nicht den Rest meines Lebens auf Armstrong wütend sein. Soll er doch machen, was er will.“

          Tour de France

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