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Tour de France : Lance Armstrong: Die schwere Tour des Verstehens

  • -Aktualisiert am

Überschaubar: Fans von Lance Armstrong Bild: AP

In Amerika hat der designierte Sieger der Tour de France 2001 große Schwierigkeiten - denn weder die Medien noch die Menschen wissen seine Leistung zu würdigen.

          3 Min.

          Am Sonntag dürfte die radelnde Lichtgestalt die Tour de France zum dritten Mal in Folge gewinnen, "falls nicht der Eiffelturm auf ihn fällt" (US-Kolumnist Rick Reilly).

          Der Weg zur Champs-Elysees ist weit und qualvoll gewesen, wenngleich Armstrong scheinbar mit der Leichtigkeit des Seins über die Alpen-Bergpässe rauschte und die Konkurenz an der Nase herumführte.

          Abstinenz im Fernsehen

          Doch den meisten amerikanischen Radsportfans blieb dieses Schauspiel vergönnt, da nur ein Sender mit dem seltsamen Namen Outdoor Life Network (OLN) live von der Tour berichtete. Wer keine Satellitenschüssel besitzt, schaute da in die Röhre.

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          Das Desinteresse der großen TV-Networks überrascht in einem Land, das sportliche Helden über alles liebt. Doch der in Frankreich umjubelte Armstrong hat es schwer in der Heimat. Als der Champion etwa vor einer Woche kurz vor der Übernahme des Gelben Trikots stand, informierte ein TV-Sprecher in Los Angeles die Zuschauer vom Husarenstück mit den Worten: "Lance Armstrong mischt immer noch gut bei der Tour de France mit."

          „Seine Geschichte ist zu gut um wahr zu sein“

          Diese Nachricht kam wohlgemerkt nach den Baseball-Ergebnissen, einem Überblick von den British Open im Golf und der müden Schlagzeile, dass die Los Angeles Lakers einen Samaki Walker verpflichtet hätten. Und dann blieb es bei dem einen Satz über Armstrong. Den Krebsüberlebenden, der eines der größten und unglaublichsten Comebacks in der Geschichte des Sports gefeiert hat. Und genau darin liegt sein Problem. Die Los Angeles Times titelte unlängst "Er ist zu gut um wahr zu ein".

          Ein anderes Problem: Was sind die Bilder, die den Amerikanern beim Stichwort Radsport als erstes in den Sinn kommen? Nicht etwa ein triumphierender Armstrong sondern Drogen-Razzien, beschlagnahmte Präparate, verhaftete Fahrer und Betreuer. Und nun liefert dieser Texaner eine phantastische Story mit Happy-End. Zu gut um wahr zu sein?

          Charakteristisch für Amerika?

          „Ohne meine Krebserkrankung hätte ich die Tour de France niemals gewonnen", meint Armstrong, "da bin ich mir ganz sicher." Als der 29-Jährige im Juli 1999 zum ersten Mal auf dem Siegerpodest in Paris stand, jubelte ihm unter den Hunderttausenden von Fans auch Rebecca Robertson zu. "Er verkörpert den amerikanischen Geist", erklärte die Kalifornierin damals, "jemand der eine Krebskrankheit übersteht, sich zurück an die Spitze kämpft und Champion wird. Das ist doch charakteristisch für Amerika."

          Eine einmalige Erfolgsgeschichte wie aus der Feder eines Hollywood-Drehbuchautoren. Die Welle der Begeisterung schwappte nach dem ersten Tour de France-Triumph über den Atlantik bis nach New York, um dann in westlicher Richtung auf einen neu errichteten Soccer-Damm zu treffen. Es war Armstrongs Pech, dass zur gleichen Zeit die Fußball-Damen im eigenen Land Weltmeister geworden waren. Sie beherrschten die Schlagzeilen und waren die Love-Story des Sommers.

          Nur eine Nebenrolle in den Medien

          Der Triumph eines Krebskranken klang hingegen unwirklich. Im vergangenen Jahr, als Armstrong das härteste Radrennen der Welt erneut gewann, wurde er eben seiner Favoritenrolle gerecht. Und dann kamen die Flüsterer, die das US Postal Service Team des Dopings beschuldigten. Armstrong konterte, "doch täglich getestet" worden zu sein und ging notgedrungen in die Offensive, weil Kritiker seine Leistungsexplosion auf wundersame Heilmittel zurückführten. "Wie kann jemand nur für eine Sekunde denken, dass die Krebsbehandlung leistungsfördernd war?", ereiferte sich Armstrong, "schließlich bekam ich drei Monate lang einige der giftigsten Substanzen verabreicht, die dann in meinem Körper wüteten. Noch drei Jahre danach habe ich das Gift gespürt."

          Beteuerungen eines Helden, der sich als Opfer einer Rufmord-Kampagne sieht. Jetzt steht der Rad-König vor seinem dritten Streich, doch auch in den US-Printmedien spielte die Tour 2001 bislang nur eine Nebenrolle. Die Amerikaner können sich eben nur schwer für einen Sport erwärmen, bei dem man in Frankreich Berge hoch und runter fahren muss und der eine viel zu lange Aufmerksamkeitsspanne von drei Wochen in Anspruch nimmt.

          Triumph nicht logisch

          Auch als Champion hat es dieser Armstrong nicht leicht. Wie soll er auch seine außerirdischen Heldentaten Laien in den weit entfernten USA glaubhaft machen? Nachdem Armstrong die beiden klassischen Bergetappen nach L'Alpe d'Huez und Chamrousse gewonnen hatte, stand ihm sein Teamkamerad Tyler Hamilton verbal zur Seite: "Die Amerikaner kapieren es einfach nicht. Was Lance die vergangenen zwei Tage hier geleistet hat, ist mit John Elways zwei Super Bowl-Siegen zu vergleichen." Doch jener Elway spielte als Quarterback für die Denver Broncos American Football. Seine Pässe waren für jeden sichtbar und logische Konsequenz eines bärenstarken Wurfarms.

          Aber was ist bei einem Triumph eines krebskranken Radfahrers logisch? In der nächsten Woche wird Armstrong wieder seinen Medien-Marathon in den USA absolvieren und in den Talkshows durchgereicht werden. "Wenn ich dadurch auch nur ein Leben rette, ist es die Sache wert", meint der Radstar und fügt an: „Ich bin stolzer darauf ein Krebsüberlebender als ein Sieger der Tour de France zu sein. Glauben Sie mir." Es fällt den Amerikanern aber nicht immer leicht, diesen ganz anderen Helden zu verstehen.

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