https://www.faz.net/-gtl-t3n7

Tour de France : Klettermaxes Treibstoff

Herausforderung Bergetappe: Am ganz großen Rad drehen Bild: picture-alliance / dpa

Wie eine Doping-Hitparade: Die Liste der besten Bergfahrer. Keiner steht im begründeten Verdacht, seine Leistung allein mit sauberen Mitteln erbracht zu haben, auch wenn einige nie überführt wurden. Seit dem Tag, an dem Epo kam, war Talent allein nicht mehr entscheidend.

          Am Berg zu attackieren ist äußerst effektiv, aber auch das Schwerste, was es gibt. Bahamontes, Fuente konnten das zwanzigmal hintereinander, wie rammelnde Kaninchen. Alle Kletterer guten Durchschnitts warnen einander vor dieser Sorte von Männern. Nicht dranhängen? Doch dranhängen? Dann ziehen sie noch mal an, sie lassen dich am Gummiband krepieren. (Tim Krabbe)

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Bahamontes, Fuente, Gaul, Pantani - die größten Bergfahrer in der Geschichte des Radsports, das waren kleine, unscheinbare, winzige Männchen, geschrumpft und energiegeladen wie Rosinen. Was sich dort abspielt in den Bergen, dort, wo die Schlachten geschlagen werden bei der Tour de France, das haben viele zu beschreiben versucht. Gelungen ist es nur zwei Autoren: dem früheren holländischen Amateurfahrer Tim Krabbe in seinem brillanten Buch „Das Rennen“ (Verlag Reclam Leipzig) und seinem Landsmann, dem ehemaligen Weltklasseprofi Peter Winnen, der in „Post aus Alpe d'Huez“ (Covadonga Verlag) die Qual des Kletterers so beschreibt:

          „Erst bekam ich eine Gänsehaut. Dann machte sich wieder das Gefühl der Leere breit. Schließlich begannen die Muskeln sich wie verhedderte Schnüre anzufühlen. Von einem Zusammenhang zwischen meinen Gedanken konnte keine Rede mehr sein. Bis hierhin befand ich mich also auf bekanntem Terrain. Vier Kilometer vor dem Gipfel allerdings hätte ich unter Eid schwören können, daß ich nur noch aus einer leeren Hülle bestand. Darin befand sich ein Rauschen.“

          So ist das, Rennradfahren ist ein harter Sport. 3600 Kilometer lang ist die Tour de France in diesem Jahr. Die längste Etappe führt über 228,5 Kilometer, aber nicht die langen Abschnitte sind das Problem, im großen Feld können die beschützten Kapitäne auch im 45er-Schnitt dahinrollen, da leiden nur die Tempomacher an der Spitze und jene, denen es nicht gutgeht, die einen Virus in sich tragen, Fieber haben, die den Tag irgendwie überstehen müssen, um den nächsten zu erreichen. Auch die beiden Zeitfahren mit ihren insgesamt 109 Kilometern sind eine Quälerei, kein Windschatten, zweimal eine gute Stunde am großen Rad drehen, immer im roten Bereich. Die Entscheidungen aber fallen dort, wo die Luft dünner wird und die Straßen steiler. Zweiundzwanzig Berge der ersten, zweiten und höchsten (HC) Kategorie sind in diesem Jahr zu überqueren, diese Woche ist die Woche der Leiden mit den drei schwersten Bergetappen und hochalpinen Zielankünften: Alpe d'Huez am Dienstag, La Toussuire am Mittwoch, Morzine am Donnerstag. Mehr Quälerei geht nicht.

          Helden der Landstraße: „Muskeln wie verhedderte Schnüre”

          7,2 Watt pro Kilogramm Körpergewicht

          Ein kleiner Ausflug in die Physik. Die Formel in den Bergen lautet vereinfacht so: Leistung gleich Systemgewicht (Fahrer plus Rad) mal Erdbeschleunigung mal Höhendifferenz durch Zeit. Rechnet man zusätzlich den Luft- und Rollwiderstand hinzu, so läßt sich die Leistung (in Watt), die ein Fahrer bei einem Anstieg erbringt, ziemlich genau ermitteln. Teilt man diese Wattzahl durch das Körpergewicht des Fahrers, so ergibt sich ein Wert, mit dem sich die Leistungen vergleichen lassen. Bei Pantanis Ritt 1997 hinauf nach Alpe d'Huez, der schnellsten Bergfahrt aller Zeiten, beträgt dieser Wert für die Fahrzeit von 37:35 Minuten rund 7,2 Watt pro Kilogramm Körpergewicht.

          Den zweithöchsten jemals erreichten Wert errechnete der Schweizer Radstatistiker Manfred Nüscheler für den Schweizer Tony Rominger, der 1994 am Col de la Madone auf 6,9 W/kg kam. Jan Ullrich (6,8/Alpe d'Huez 1997), Miguel Indurain (6,79/La Plagne 1995), Richard Virenque (6,77/Alpe d'Huez 1997), Lance Armstrong (6,77/Sestriere 1997), Bjarne Riis (6,76/Hautacam/1996) und Alex Zülle (6,74/Alpe d'Huez 1995) folgen auf den Plätzen. Man könnte diese Liste auch als Doping-Hitparade lesen. Keiner der Fahrer steht im begründeten Verdacht, seine Leistung allein mit sauberen Mitteln erbracht zu haben, auch wenn einige ihre Karrieren zu Ende brachten, ohne überführt worden zu sein.

          Weitere Themen

          „Wir wollen Barcelona wehtun“

          Dortmunder Kampfansage : „Wir wollen Barcelona wehtun“

          Für das Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona hat sich der BVB einiges vorgenommen. Die Borussia hofft dabei auf ein Fußball-Fest mit Happy End. Doch etwas dürfte die Dortmunder Vorfreude gehörig trüben.

          Topmeldungen

          Supercomputer Summit von IBM

          KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

          Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.
          Das Faxgerät ist eine schnelle Alternative, wenn die E-Mail aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht genutzt werden kann

          In puncto Datensicherheit : Fax schlägt E-Mail

          Anwälte, Ärzte, Krankenversicherer weigern sich immer häufiger, E-Mails zu verschicken – aus Gründen des Datenschutzes. Das gute alte Faxgerät erlebt ein Comeback.

          Dortmunder Kampfansage : „Wir wollen Barcelona wehtun“

          Für das Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona hat sich der BVB einiges vorgenommen. Die Borussia hofft dabei auf ein Fußball-Fest mit Happy End. Doch etwas dürfte die Dortmunder Vorfreude gehörig trüben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.