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Tour de France : Floyd Landis ist reif für den großen Wurf

Tritt Landis in die Fußstapfen seines Landsmanns Armstrong Bild: picture-alliance/ dpa

Der Mann, der der Tour wieder ein amerikanisches Gesicht geben könnte im Jahr eins nach Lance Armstrong, hat eine besondere Vita. Floyd Landis tut so, als würde sie normale Züge tragen: Im Kampf gegen seine chronische Krankheit nutzt er die Tour als Therapie.

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          Natürlich hat er eine besondere Vita, auch wenn Floyd Landis so tut, als würde sie normale Züge tragen. "Meine Geschichte?" Er finde, entgegnet Landis, daß sie nicht ungewöhnlich sei. Vielleicht denkt er wirklich so darüber. Andere dürften dies nicht tun, wenn sie sich mit diesem Mann befassen, der nun womöglich die Tour de France prägen wird, der dieser Tour wieder ein amerikanisches Gesicht geben könnte im Jahr eins nach Lance Armstrong.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Es genügt ja schon zu sehen, wie Landis auf das Rad steigt: Das bereitet ihm sichtlich Probleme, große Mühe sogar. Vor kurzem, am ersten Ruhetag in Bordeaux, hatte der Amerikaner öffentlich bekanntgegeben, was die Ursache dafür ist. Eine Hüftverletzung nach einem Sturz Anfang des Jahres 2003 hatte bleibende Schäden hinterlassen, sie führte zu einem Knochenschwund. Lange hatte Landis die Diagnose verschwiegen.

          „Rennen sind für mich die beste Therapie.“

          Es handelt sich um eine schleichende Krankheit, Landis hat ständig Schmerzen. Vor der Tour hatte er sich deswegen Cortison spritzen lassen, Landis erhielt dafür eine Ausnahmegenehmigung. Noch in diesem Jahr will er sich operieren lassen, der Eingriff soll sein Leiden endlich beenden. Landis wird danach seinen Beruf mit einer künstlichen Hüfte ausüben. Er betont, daß er sich auf dem Rad sehr wohl fühlt, trotz der Pein: "Rennen sind für mich die beste Therapie." Und er sagt auch, daß die Schmerzen gut für ihn seien, "sie machen mich härter".

          Das ist eine der außergewöhnlichen Seiten von Landis, und ein bißchen erinnert sie an Armstrong, an dessen Kampf gegen den Krebs vor allem. Nachdem er ihn erfolgreich bestanden hatte, gewann Armstrong siebenmal die Tour. Landis kennt Armstrong, auf den inzwischen ein großer Schatten fällt, der des Dopings mit Erythropoietin verdächtigt wird, gut.

          Landis befreite sich von der Dominanz Armstrongs

          Ehe er sich dem Schweizer Rennstall Phonak anschloß, war er einer der wichtigsten Mitstreiter des Texaners. Nach der Saison 2004 jedoch befreite sich Landis von der Dominanz Armstrongs, er suchte seine eigene Chance. Und inzwischen kann sich Landis manchen Seitenhieb auf den einstigen Patron nicht verkneifen. Als er beispielsweise damit konfrontiert wurde, daß Armstrong nicht ihn als seinen ersten Erben bei der Tour betrachte, sagte er: "Armstrong hat mir noch ganz anderes nicht zugetraut." Daß er Verantwortung übernehmen könne, beispielsweise.

          Immerhin war Landis, 30 Jahre alt, nun in den Pyrenäen stark genug, um das Gelbe Trikot zu erobern; er übernahm es als Dritter der elften Etappe von dem Franzosen Cyril Dessel. Und er wird nun, da etwa auch der Deutsche Andreas Klöden am Donnerstag nicht mit den Besten hatte mithalten können, da auch Discovery Channel, Armstrongs früheres Team, enttäuschte, als allererster Anwärter auf den Tour-Triumph eingestuft. Zwar überzeugte Phonak als Gemeinschaft kaum; Landis war im Finale der Fünf-Pässe-Fahrt auf sich alleine gestellt. Für Phonak-Manager John Lelangue ist dies gleichwohl kein Grund zur Sorge. Phonak habe Landis primär sicher durch die erste Woche chauffieren sollen - das zumindest ist gelungen. Nun muß Landis beweisen, daß er auch in den Alpen auf der Höhe sein kann, notfalls als Einzelkämpfer.

          Phonak von Dopingvorwürfen stark belastet

          Sein Coup vom Donnerstag dürfte Phonak um so gelegener gekommen sein, als die Mannschaft in der jüngeren Vergangenheit immer wieder durch Dopingaffären ins Gerede gekommen war. Zu den prominentesten Fällen zählen Oscar Camenzind und der Amerikaner Tyler Hamilton, auch unmittelbar vor der 93. Tour de France wurde das Schweizer Team durch schwere Vorwürfe belastet. Wie Jan Ullrich oder der Italiener Ivan Basso sollen Santiago Botero und Jose Enrique Gutierrez in das spanische Dopingnetzwerk verstrickt sein; beide Profis wurden von Phonak suspendiert. Es ist eine auffallende Häufung von Skandalen und Anschuldigungen; kein anderes Team wurde damit zuletzt so oft konfrontiert wie Phonak.

          Ob Landis, der sich jahrelang in der Nähe von Armstrong befand, tatsächlich helfen kann, das Image zu verbessern? Er scheint zumindest vorläufig für eine gewisse Ablenkung sorgen zu können von den dunklen Momenten, mit der Farbe Gelb und auch mit seinem ungewöhnlichen Lebenslauf. So hatte Landis manche Widerstände überwinden müssen, um überhaupt in das Peloton zu gelangen. Er wuchs in Farmersville in Pennsylvania auf, einer kleinen mennonitischen Gemeinde.

          Radfahren zunächst züchtig in Baumwollhosen

          Die Mennoniten von Pennsylvania stehen den Amish nahe - einer Sekte, die das moderne Leben und dessen Annehmlichkeiten strikt ablehnt. Es hatte keine Autos gegeben, auch kein Fernsehen, keine Filme. Als Landis anfing, Rad zu fahren, gestattete ihm sein Vater dies zunächst, solange er dabei züchtig Baumwollhosen trug. Als Floyd offenbarte, daß er Profi werden wolle, bekam er zu hören, daß ihn für solche Gedanken Gottes Zorn ereilen würde. Doch der junge Landis ließ nicht locker. Er zog nach Kalifornien und wurde Mountainbikeprofi. 2001 fiel er Armstrong auf und wurde für dessen Tour-Kader verpflichtet. Bei der Tour 2004 war Landis als Gefährte von Armstrong so stark, daß die Branche keineswegs überrascht auf die Neuorientierung von Landis, auf seinen Aufbruch zu neuen Ufern reagierte.

          In diesem Frühjahr, nach anderthalb Jahren in Diensten von Phonak, deutete sich an, daß Landis sich an sein Kapitänsamt gewöhnt haben könnte, daß er reif für den großen Wurf sei. Er gewann in dieser Zeit gleich drei Mehrtagesrennen: die Kalifornien-Rundfahrt, die Tour of Georgia und Paris-Nizza. Danach galt er schon als ein Tour-Favorit. Jetzt, in Abwesenheit der ausgeschlossenen Ullrich oder Basso und nach einem bemerkenswerten Auftritt von Landis in den Pyrenäen, erhielt diese Rolle noch mehr Konturen. Der Schmerzensmann aus den Vereinigten Staaten scheint dafür allerdings keinen geringen Preis bezahlen zu müssen.

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