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Tour de France : Armstrongs perfektes Schauspiel

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Perfekter Fahrer, guter Schauspieler: Lance Armstrong Bild:

Egal wie die Frankreich-Rundfahrt 2001 ausgeht - Lance Armstrong hat auf der Königsetappe nach L'Alpe d'Huez eine Stück Tour-Geschichte geschrieben.

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          Ein Gütesiegel hat Lance Armstrong sicher, egal wer am 29. Juli in Paris das Gelbe Trikot trägt. Er ist der schnellste Schauspieler der Tour de France. Erst mimte der Texaner am Dienstag den Leidenden. Zwei Stunden später war der zweifache Toursieger in L'Alpe d'Huez der strahlende Held, der Jan Ullrich mit einem Rückstand von 1:59 Minuten fast zum Statisten degradiert hatte.

          Bis zum ersten Gipfelsturm der Tour hatte sich der Amerikaner außerhalb der Rennen versteckt, keine öffentlichen Termine wahrgenommen und sich schon gar nicht zu seinen Ambitionen geäußert. Seine Etappenerfolg kommentierte der Tour-Sieger der vergangenen beiden Jahre allerdings lapidar: „Es ist ein Spiel, ich habe es mitgespielt.“ Er hatte es noch dazu gut gespielt.

          Auch Ullrich beeindruckt

          Überlegener als erwartet hatte der Texaner die Konkurrenz in den Alpen geschlagen und vor dem Bergzeitfahren am Mittwoch einen komfortablen Vorsprung auf seine schärfsten Gegner - allen voran Jan Ullrich - herausgefahren. Der geschlagene Kapitän des Team Telekom zeigte sich beeindruckt: „Ich habe schon vor diesem Rennen gesagt, dass die Karten auf den Tisch gelegt werden, jetzt muss ich zugeben, dass Lance ein gutes Blatt gespielt hat.“

          „Ich habe mit Telekom gespielt und gewonnen“, freute sich Armstrong über seinen gelungenen Auftritt. Altmeister Eddy Merckx, der jetzt fast die Ausmaße eines Sumo-Ringers hat, äußerte sich anerkennend: „Er hat schönes Cinema gespielt. Es sieht jetzt schlecht für Ullrich aus.“

          Schnippischer Blick zurück

          Vielleicht hatte sich Armstrong von dem Tour-Besuch des US- Schauspielers Robin Williams inspirieren lassen. Auf dem Madeleine und Glandon simulierte der Texaner auf dem Weg ins Ziel der Königsetappe einen schweren Tritt und verzog das Gesicht. Nie war er an der Spitze des Feldes zu sehen, an dem das Telekom-Team mächtig Dampf machte. Zu Beginn des Schlussanstiegs nach L'Alpe d'Huez ließ sich Armstrong von seinem Teamkollegen Roberto Heras (Spanien) in enormen Tempo an die Spitze pilotieren - dann begann sein großer Auftritt 13 km vor dem Ziel in 1850 Meter Höhe.

          Ein schnippischer Blick zu Ullrich, dann schlug Armstrong mit wesentlich kleinerer Übersetzung einen Rhythmus an, dem keiner gewachsen war. Im Vorjahr hatte Armstrong, wie ein Filmstar mit eigenem Koch und zwei Bodyguards unterwegs, ebenfalls die erste Bergetappe genutzt, um das Terrain für seinen späteren Erfolg abzustecken. Bei der Tour 2000 verlor Ullrich, der auf dem Weg nach L'Alpe d'Huez gut, aber nicht gut genug war, in Hautacam in den Pyrenäen 3:19 Minuten auf Armstrong.

          Keine Alternative zur Taktik?

          Der geringere Verlust im Vergleich zum Vorjahr ließ den geknickten Ullrich noch hoffen: „Ich wollte heute gewinnen. Uns blieb gar keine andere Taktik übrig, als das Tempo vorne schnell zu machen. Lance war einfach der Stärkste. Aber auch er kann einen schwarzen Tag haben, wie im vergangenen Jahr in den Alpen“, klammerte sich Ullrich an einen Strohhalm. Telekom-Chef Rudy Pevenage war auf Armstrongs Pokerface nicht hereingefallen: „Im Fernsehen haben sie gesagt: 'Armstrongs Batterien sind leer'. Andere sportliche Leiter kamen zu mir und haben gesagt: Armstrong habe Schwierigkeiten, aber ich wusste, er spielt Theater“.

          Trotzdem waren dem Belgier im ersten Teamleiter-Wagen die Hände gebunden: „Es gab keine Alternative zu unserer Taktik.“ Armstrong nutzte sie zu seinen Zwecken und griff an der selben Stelle wie einst sein Intimfeind Marco Pantani an. Ohne allerdings den L'Alpe d'Huez- Rekord des diesmal ausgeladenen Italieners von 1997 (37:35 Minuten für den 13,8 km langen Anstieg) zu brechen. Armstrong war 26 Sekunden langsamer, womit er sicher leicht leben kann. „Ich wusste, ich musste bluffen, damit die anderen noch schneller fahren.

          Diese Entscheidung haben wir auf der Straße getroffen. Alle sehen fern, interpretieren die Gesichter der Fahrer. Auch die sportlichen Leiter der Teams in den Begleitwagen. Telekom hat Tempo gemacht, ich habe 'gelitten'. Im Prinzip haben wir mit ihnen gespielt“, erklärte Armstrong am Abend noch ein Mal seine Darbietung. Er hat seinen Herausforderer Ullrich längst analysiert: „Er liebt es, am Berg einen gleichmäßig hohen Rhythmus zu fahren, dem die meisten auf Dauer nicht gewachsen sind. Plötzliche Tempo-Wechsel hasst er.“

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