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Vergewaltigungsvorwürfe : Wahrheit und Legende: Toni Sailer im Zwielicht

Was war mit Ski-Star Toni Sailer in Zakopane – und welche Rolle spielte die Politik? Bild: AFP

Ein alter Fall bewegt Österreich: Das einstige Ski-As Toni Sailer soll vor mehr als 40 Jahren eine Frau vergewaltigt haben. Nun wurde bekannt, wie sehr sich Politiker für seine Freisprechung einsetzten.

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          In Österreich schlagen Berichte über das einstige Ski-As Toni Sailer Wellen. Sailer, vielfacher Weltmeister und Olympiasieger in den 1950er Jahren, wurde vor mehr als 40 Jahren die Vergewaltigung einer Frau während einer Rennveranstaltung in Polen vorgeworfen. Der inzwischen verstorbene einstige Sportler war als Funktionär des Österreichischen Skiverbands (ÖSV) zum Weltcuprennen im polnischen Ort Zakopane gereist. Er soll sich zusammen mit zwei anderen Männern gewaltsam an einer polnischen Prostituierten vergangen haben. Die drei wurden damals auf eine Anzeige der Frau hin festgenommen, doch kam Sailer, der die Vorwürfe bestritt, schnell frei.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Die Affäre um den äußerst populären Star machte schon damals Schlagzeilen. Was jetzt durch Berichte einer Recherchegruppe („Der Standard“, ORF, dossier.at) bekannt wurde, ist das Ausmaß, in dem sich die österreichische Diplomatie und Politik bis hin zu Bundespräsident Rudolf Kirchschläger damals für Sailer ins Zeug legten. Die Botschaft intervenierte, eine Kaution wurde hinterlegt, Sailer konnte ausreisen. Später stimmten die polnischen Behörden laut einem damaligen Botschaftsbericht zu, „die Angelegenheit einvernehmlich aus der Welt zu schaffen“. Offenbar hing diese Bereitschaft auch damit zusammen, dass die beiden Länder gerade ihre Wirtschaftsbeziehungen ausbauten, Österreich fungierte als Kreditgeber. Jedenfalls wird in den zitierten Berichten der österreichischen Botschaft darauf Bezug genommen, dass ein Besuch des polnischen Ministerpräsidenten bevorstand.

          In eine „Falle“ gelockt?

          Die polnische Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren „aus Rücksicht auf Mangel an gesellschaftlichem Interesse“ ein, der Vorwurf wurde von „Notzucht“ auf „Körperverletzung“ heruntergestuft. Dabei werden die Folgen der Gewalttätigkeit laut dem in den Medien zitierten Akt so beschrieben: „Prellungen in der Steißbeingegend, Blutgeschwulst der rechten Augenhöhle, Bisswunden am rechten Oberarm, Blutgeschwulst am Knochenrand der rechten Achsel und am Oberschenkel.“ Sailer hatte zu Lebzeiten erklärt, er sei in eine „Falle“ gelockt worden. Tatsächlich ist bekannt, dass die Geheimdienste im damaligen Ostblock mit sexueller Kompromittierung operierten. Warum das hier der Fall gewesen sein soll, ist aus dem Vorliegenden nicht ersichtlich. Jedenfalls berichten altgediente österreichische Journalisten davon, dass Nachfragen zu diesem Thema ein sicherer Weg gewesen seien, beim ÖSV in Ungnade zu fallen, was für den Zugang zu Sportereignissen abträglich war.

          Dass man auch heute noch damit in ein Wespennest sticht, zeigen die Reaktionen. In Kitzbühel, der Geburtsstadt Sailers, in der er jahrelang auch als Leiter des berühmten Abfahrtsrennens fungierte, sagte ein Funktionär über die neuen Berichte: „Dass man jetzt die Hahnenkammrennen und diese Bühne hier missbraucht, finde ich nicht okay.“ Und in Wien äußerte der Vizekanzler, Sportminister und FPÖ-Vorsitzende Heinz-Christian Strache scharfe Kritik an der „miesen Kampagne gegen das Andenken der österreichischen Ski-Legende“. Damit schädige man nicht nur das Andenken Sailers, „sondern auch den für Österreich so wichtigen Wintersport und den Wintertourismus“.

          Das erinnert an die Reaktionen auf die Berichte über sexuellen Missbrauch unter dem Dach des ÖSV erst Ende vergangenen Jahres. Damals berichtete die einstige Rennläuferin Nicola Werdenigg über zahlreiche Vorfälle bis hin zu einer Vergewaltigung an ihr selbst als 16 Jahre altes Nachwuchstalent durch einen älteren Teamkollegen. Wer nicht mitgespielt habe, habe seinen Startplatz riskiert. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel sprach zunächst verharmlosend von einem „rauhen Ton“ zwischen Trainer und Athleten oder dem einen oder anderen „Pantscherl“ (Techtelmechtel). Als weitere solche Berichte laut wurden, auch über erniedrigende sexuell konnotierte Praktiken in Schulen für Skitalente, reagierte der Verband mit der Einrichtung einer Kommission zur Aufarbeitung. Sie wird geleitet von der einstigen ÖVP-Politikerin Waltraud Klasnic, die schon mit einer Kommission zur Aufklärung sexueller Übergriffe in kirchlicher Verantwortung Anerkennung gefunden hat. Es sei bislang kein Fall aus dem vergangenen Jahrzehnt bekannt, sagte Klasnic zuletzt. Ein Abschlussbericht ist für Mai angekündigt.

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