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Terrorziel Stadion : Der verwundbare Sport

Fiktion: John Frankenheimer inszenierte 1977 im Film „Black Sunday“ den Plan von Terroristen, während des Superbowl eine Splitterbombe zu zünden - in einem Luftschiff über dem Stadion Bild: Paramount/Kobal/Fotofinder

Zwischen Terror und Trotz, Furcht und Freiheit: Nie war die Gefahr so spürbar - und nie war es so undenkbar, aufzugeben. Doch der Preis für die Sicherheit steigt rapide.

          6 Min.

          War der Sport ein spezielles Ziel des Terrors von Paris? Die erste Bekennerbotschaft scheint das zu verneinen. Der „Islamische Staat“ (IS) oder jemand, der sich für ihn ausgab, verbreitete am Samstag eine Erklärung, in der es hieß, das „Stade de France“ sei angegriffen worden, weil Staatspräsident François Hollande auf der Tribüne saß. Dass die drei Täter sich vor dem Stadion in die Luft sprengten, muss aber nicht der ursprüngliche Plan gewesen sein. Einer von ihnen hat ein Ticket für das Spiel bei sich getragen. Bei der Einlasskontrolle ist jedoch seine Sprengstoffweste entdeckt worden.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Man könnte daraus den Schluss ziehen, in einem Stadion sei man sicherer als draußen. Doch das wäre vielleicht voreilig. Der Sport ist in den vergangenen zwanzig Jahren zunehmend zur Zielscheibe des Terrors geworden. Sportliche Großveranstaltungen böten Terroristen „diverse Vorteile“, schrieb der Online-Dienst „sicherheitsmelder.de“ nach dem Bombenanschlag auf den Boston-Marathon 2013. „Attentäter zielen bewusst auf den medialen Effekt, eine friedliche Veranstaltung in ein blutiges Chaos zu verwandeln. Die in Fernsehen und Internet übertragenen Bilder sind die Trophäen solcher Anschläge.“

          „The Games must go on“

          Trotz des wachsenden Risikos herrscht in der Welt des Sports der Grundkonsens, sportliche Großereignisse, die immer auch gesellschaftliche Großereignisse sind, nicht dem Druck des Terrors zu opfern. „The Games must go on“, die Spiele müssen weitergehen - die Worte, die Avery Brundage als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees bei der Trauerfeier für die von palästinensischen Terroristen ermordeten elf Mitglieder des israelischen Teams 1972 in München sprach, geben die Linie bis heute vor. „Wenn man die EM 2016 jetzt absagen würde, käme dies einer Kapitulation vor den Verbrechern gleich“, sagte Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, dieser Zeitung wenige Stunden nach den Anschlägen von Paris. „Das darf nicht passieren.“

          Damit aber hat der 13. November von Paris den Zwiespalt von Terror und Trotz, von Furcht und Freiheit weiter vergrößert. Nie war die Gefahr, der auch der Sport als Ausdruck freiheitlichen Lebensstils ausgesetzt ist, so spürbar. Und nie war es so undenkbar, dieser Gefahr nachzugeben, also: aufzugeben - will man nicht kapitulieren vor mittelalterlichen Kriegern mit modernen Waffen.

          Was bedeutet das konkret für die kommenden Großereignisse, für die Olympischen Spiele in Rio im August, vor allem aber für die Fußball-EM in Frankreich im Juni? Vor allem: einen noch größeren Sicherheitsaufwand als je zuvor. Er hat seit den Anschlägen des 11. September 2001 von Mal zu Mal zugenommen, bis hin zu den extremen Kontrollapparaten der Sommerspiele von Peking 2008 und der Winterspiele von Sotschi 2014; und bis hin zur Befürchtung, solche Veranstaltungen bald nur noch in totalitär regierten Überwachungsstaaten wie China oder Russland realisieren zu können.

          Der Sport ist keine Insel in der Welt des Terrors: Verängstigte Zuschauer auf dem Rasen des Stade de France in Paris
          Der Sport ist keine Insel in der Welt des Terrors: Verängstigte Zuschauer auf dem Rasen des Stade de France in Paris : Bild: AP

          Eine erhebliche Störung „dieses Fests des Sports“ nannte Willi Lemke, der Sonderberater des UN-Generalsekretärs für Sport, die hohen Sicherheitsmaßnahmen in Sotschi. „Aber das ist der Preis, den wir dafür zahlen müssen, dass es terroristische Gruppierungen gibt.“ Dieser Preis steigt rapide. Laut einer Studie des „International Centre of Sport Security“ wachsen die Sicherheitskosten für Großveranstaltungen von Mal zu Mal um durchschnittlich siebzig Prozent. 1992 in Barcelona wurden offiziell umgerechnet 48 Millionen Euro für die Sicherheit von Olympia ausgegeben - in London 2012 weit mehr als eine Milliarde. Die Bewerbung von Hamburg 2024 plant in einer ähnlichen Größenordnung wie London, dabei allein für Videoüberwachung 120 Millionen Euro.

          Auch große Fußballturniere wie die WM 2014 in Brasilien (offizielle Sicherheitskosten: 600 Millionen Euro, inoffiziell: fast das Doppelte) kommen im Kampf gegen den Terror nicht mehr unterhalb eines Milliarden-Budgets aus.

          Große Feste in einer Security-Blase

          Wirklich schützen kann man mit allem Aufwand, wenn überhaupt, nur den harten Kern dieser Veranstaltungen, also weiträumig abgeriegelte Fußballstadien oder eine olympische Kernzone, die, wie 2012 in London, weit abseits des Stadtzentrums errichtet lag und nur nach scharfen Kontrollen betreten werden konnte. Die großen Feste des Sports finden immer mehr in einer Security-Blase statt, einer eigenen, abgeschotteten Welt.

          Bittere Wahrheit: 2013 war der Boston-Marathon Ziel eines blutigen Anschlags
          Bittere Wahrheit: 2013 war der Boston-Marathon Ziel eines blutigen Anschlags : Bild: Reuters

          Nach diesem Quarantäne-Prinzip kann man Sportereignisse beschützen und bewachen, Stadien und Sporthallen und die Sportler auf der großen Bühne; aber nicht die vielen Menschen, die der Sport anzieht. Nicht auf dem Weg ins Stadion, nicht auf dem Weg nach Hause. Nicht vor und nach den Spielen in den Städten, in den Lokalen, Restaurants, Pensionen, Partyzonen, in denen Fans sich einfinden - all die „weichen“ Ziele, die der Mensch als friedliche Masse bietet und die sich die Mörder von Paris wie schon die von Madrid 2004, London 2005 oder Mumbai 2008 aussuchten: den arglosen, wehrlosen Zivilisten im urbanen Alltag.

          Oder wie das schon 1996 der erst sieben Jahre später gefasste Holocaust-Leugner Eric Rudolph im Namen einer „Army of God“ bei den Olympischen Spielen in Atlanta tat. Er versteckte seine Bombe abseits der Kontrollbereiche in der dichtbevölkerten Partyzone des Olympiaparks. Sie tötete zwei Menschen und verletzte 111. Denn verwundbar ist der Sport und der Sportfan vor allem da, wo er nicht in Stadien oder Hallen bleibt, sondern hinaus auf die Straße geht, wie beim Boston- Marathon 2013, als am Rande der Zielgeraden zwei Sprengstoff-Rucksäcke drei Zuschauer, darunter einen achtjährigen Jungen, töteten und 264 verletzten.

          Englands früherer Fußball-Nationaltorwart David Seaman, hier bei einem Benefizspiel 2015: Anschlagsziel bei der WM 1998 gewesen
          Englands früherer Fußball-Nationaltorwart David Seaman, hier bei einem Benefizspiel 2015: Anschlagsziel bei der WM 1998 gewesen : Bild: AFP

          Die Splitterbomben waren von den islamistischen Brüdern Zarnajew nach simplen Bauanleitungen aus dem Internet gebastelt worden: Schnellkochtöpfe als Bombenkörper, gefüllt mit Nägeln, Kugellagern, Schießpulver und mit einer Eieruhr als Zünder, die auf 4:09 Stunden nach dem Start eingestellt war. Terror ohne Hightech, gegen den auch der Staat mit dem modernsten Überwachungssystem der Welt machtlos war.

          Dutzende Straßenkilometer mit Zehntausenden Menschen, die zu Marathon, Triathlon oder Radrennen freien Zugang haben, sind nicht vollständig zu sichern. Aus diesem Grund wurde im Mai 2015 nach Hinweisen auf einen möglichen Anschlag die 54. Auflage des Frankfurter Profi-Radrennens, des früheren „Rund um den Henninger Turm“, abgesagt. Aber auch Fußball-Arenen in belebten Wohngegenden, wie das Bernabéu in Madrid, sind kaum vollständig abzuriegeln. Nur fünfzig Meter vom Stadion entfernt explodierte, vier Stunden vor dem „Clásico“ Real gegen Barça, 2002 eine Autobombe. Ohne Räumung der Umgebung nach einer telefonischen Warnung durch die baskische Untergrundorganisation Eta hätte es ein Blutbad gegeben.

          Anschläge auf die Sportler selbst als politisches Ziel, die als Nationalteams auch als Vertreter eines Staates oder Regimes auftreten, gab es dagegen bisher kaum. Größte Ausnahme ist das Kricket-Team von Sri Lanka, dessen Bus 2009 von zwölf Bewaffneten unter Beschuss genommen wurde - sechs Polizisten und ein Zivilist starben, zwei Spieler wurden verletzt. Dennoch war es verständlich, dass die deutsche Nationalmannschaft sich nach dem Spiel am Freitag nicht mit dem auffälligen Mannschaftsbus auf die Fahrt durch Paris begeben wollte, sondern bis zum diskreten Transfer zum Flughafen am Morgen in den Katakomben des „Stade de France“ ausharrte.

          „Terror on the Pitch“

          Schließlich hat es schon einmal ganz gezielte Anschlagspläne auf weltberühmte Fußballer bei einem Spiel in Frankreich gegeben, wie der englische Autor Adam Robinson 2002 in seinem Buch „Terror on the Pitch“ enthüllte. Demnach hatte eine Gruppe von islamistischen Terroristen im Netzwerk von Usama Bin Ladin während der WM in Frankreich 1998 den Plan, mit gestohlenen Ordner-Uniformen und gefälschten Akkreditierungen beim Spiel England gegen Tunesien in den Innenraum des Stadions von Marseille zu gelangen. Einer sollte sich mit Torwart David Seaman in die Luft sprengen, einer den Stürmer Alan Shearer erschießen. Außerdem wollten sie eine Bombe auf die englische Bank und eine weitere in die englische Fankurve werfen. Später berichtete ein führendes Al-Qaida-Mitglied, Bin Ladin habe persönlich die zu tötenden Spieler ausgewählt, darunter David Beckham. Kurz vor der WM gelang es dem französischen Geheimdienst, die Gruppe zu verhaften und die Tat zu verhindern.

          So ist der Sport bisher halbwegs glimpflich davongekommen - besonders im Vergleich mit den Schreckensvisionen, die Hollywood seit Jahrzehnten auf die Leinwand bringt. In „Black Sunday“ („Schwarzer Sonntag“) inszenierte Regisseur John Frankenheimer nach dem Roman von Thomas Harris schon 1977 den Plan einer palästinensischen Terrorgruppe, während des „Superbowl“, des Finales im American Football, in einem Luftschiff über dem Stadion eine gewaltige Splitterbombe mit 250.000 Stahlpfeilen zu zünden. Ein Vierteljahrhundert später wurde die Vision eines Terrorismus aus der Luft in anderer Weise furchtbare Realität, mit den Anschlägen des 11. Septembers. Danach erstellte die amerikanische Regierung eine Liste von Veranstaltungen mit besonderem Sicherheitsbedarf, darunter: der „Superbowl“.

          Kurz nach den Anschlägen von 2001 sollte „The Sum of All Fears“ (deutscher Titel: „Der Anschlag“) in die Kinos kommen. Die Premiere wurde aber aus Rücksicht auf das Publikum zunächst zurückgehalten. In dem Film zündet eine Neonazi-Gruppe (in der Romanvorlage von Tom Clancy waren es islamische Extremisten) während des „Superbowl“ eine Atombombe im Stadion von Baltimore. Und auch in „Batman - The Dark Knight Rises“ von 2012 fliegt ein Football-Stadion in die Luft, als nach der Nationalhymne das Spielfeld von Sprengsätzen aus dem Untergrund durchlöchert wird.

          Zwischen dem Terror als Entertainment und dem Terror als erschütternde Realität klafft zum Glück noch eine große Lücke. Doch seit dem 907. und sportlich unwichtigsten aller deutschen Länderspiele wächst die Ahnung, dass ein Stadion vielleicht doch nicht solch ein sicherer Ort ist. Und der Sport keine Insel in der Welt des Terrors.

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