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Terrorziel Stadion : Der verwundbare Sport

Anschläge auf die Sportler selbst als politisches Ziel, die als Nationalteams auch als Vertreter eines Staates oder Regimes auftreten, gab es dagegen bisher kaum. Größte Ausnahme ist das Kricket-Team von Sri Lanka, dessen Bus 2009 von zwölf Bewaffneten unter Beschuss genommen wurde - sechs Polizisten und ein Zivilist starben, zwei Spieler wurden verletzt. Dennoch war es verständlich, dass die deutsche Nationalmannschaft sich nach dem Spiel am Freitag nicht mit dem auffälligen Mannschaftsbus auf die Fahrt durch Paris begeben wollte, sondern bis zum diskreten Transfer zum Flughafen am Morgen in den Katakomben des „Stade de France“ ausharrte.

„Terror on the Pitch“

Schließlich hat es schon einmal ganz gezielte Anschlagspläne auf weltberühmte Fußballer bei einem Spiel in Frankreich gegeben, wie der englische Autor Adam Robinson 2002 in seinem Buch „Terror on the Pitch“ enthüllte. Demnach hatte eine Gruppe von islamistischen Terroristen im Netzwerk von Usama Bin Ladin während der WM in Frankreich 1998 den Plan, mit gestohlenen Ordner-Uniformen und gefälschten Akkreditierungen beim Spiel England gegen Tunesien in den Innenraum des Stadions von Marseille zu gelangen. Einer sollte sich mit Torwart David Seaman in die Luft sprengen, einer den Stürmer Alan Shearer erschießen. Außerdem wollten sie eine Bombe auf die englische Bank und eine weitere in die englische Fankurve werfen. Später berichtete ein führendes Al-Qaida-Mitglied, Bin Ladin habe persönlich die zu tötenden Spieler ausgewählt, darunter David Beckham. Kurz vor der WM gelang es dem französischen Geheimdienst, die Gruppe zu verhaften und die Tat zu verhindern.

So ist der Sport bisher halbwegs glimpflich davongekommen - besonders im Vergleich mit den Schreckensvisionen, die Hollywood seit Jahrzehnten auf die Leinwand bringt. In „Black Sunday“ („Schwarzer Sonntag“) inszenierte Regisseur John Frankenheimer nach dem Roman von Thomas Harris schon 1977 den Plan einer palästinensischen Terrorgruppe, während des „Superbowl“, des Finales im American Football, in einem Luftschiff über dem Stadion eine gewaltige Splitterbombe mit 250.000 Stahlpfeilen zu zünden. Ein Vierteljahrhundert später wurde die Vision eines Terrorismus aus der Luft in anderer Weise furchtbare Realität, mit den Anschlägen des 11. Septembers. Danach erstellte die amerikanische Regierung eine Liste von Veranstaltungen mit besonderem Sicherheitsbedarf, darunter: der „Superbowl“.

Kurz nach den Anschlägen von 2001 sollte „The Sum of All Fears“ (deutscher Titel: „Der Anschlag“) in die Kinos kommen. Die Premiere wurde aber aus Rücksicht auf das Publikum zunächst zurückgehalten. In dem Film zündet eine Neonazi-Gruppe (in der Romanvorlage von Tom Clancy waren es islamische Extremisten) während des „Superbowl“ eine Atombombe im Stadion von Baltimore. Und auch in „Batman - The Dark Knight Rises“ von 2012 fliegt ein Football-Stadion in die Luft, als nach der Nationalhymne das Spielfeld von Sprengsätzen aus dem Untergrund durchlöchert wird.

Zwischen dem Terror als Entertainment und dem Terror als erschütternde Realität klafft zum Glück noch eine große Lücke. Doch seit dem 907. und sportlich unwichtigsten aller deutschen Länderspiele wächst die Ahnung, dass ein Stadion vielleicht doch nicht solch ein sicherer Ort ist. Und der Sport keine Insel in der Welt des Terrors.

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