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Terrorziel Stadion : Der verwundbare Sport

Auch große Fußballturniere wie die WM 2014 in Brasilien (offizielle Sicherheitskosten: 600 Millionen Euro, inoffiziell: fast das Doppelte) kommen im Kampf gegen den Terror nicht mehr unterhalb eines Milliarden-Budgets aus.

Große Feste in einer Security-Blase

Wirklich schützen kann man mit allem Aufwand, wenn überhaupt, nur den harten Kern dieser Veranstaltungen, also weiträumig abgeriegelte Fußballstadien oder eine olympische Kernzone, die, wie 2012 in London, weit abseits des Stadtzentrums errichtet lag und nur nach scharfen Kontrollen betreten werden konnte. Die großen Feste des Sports finden immer mehr in einer Security-Blase statt, einer eigenen, abgeschotteten Welt.

Bittere Wahrheit: 2013 war der Boston-Marathon Ziel eines blutigen Anschlags
Bittere Wahrheit: 2013 war der Boston-Marathon Ziel eines blutigen Anschlags : Bild: Reuters

Nach diesem Quarantäne-Prinzip kann man Sportereignisse beschützen und bewachen, Stadien und Sporthallen und die Sportler auf der großen Bühne; aber nicht die vielen Menschen, die der Sport anzieht. Nicht auf dem Weg ins Stadion, nicht auf dem Weg nach Hause. Nicht vor und nach den Spielen in den Städten, in den Lokalen, Restaurants, Pensionen, Partyzonen, in denen Fans sich einfinden - all die „weichen“ Ziele, die der Mensch als friedliche Masse bietet und die sich die Mörder von Paris wie schon die von Madrid 2004, London 2005 oder Mumbai 2008 aussuchten: den arglosen, wehrlosen Zivilisten im urbanen Alltag.

Oder wie das schon 1996 der erst sieben Jahre später gefasste Holocaust-Leugner Eric Rudolph im Namen einer „Army of God“ bei den Olympischen Spielen in Atlanta tat. Er versteckte seine Bombe abseits der Kontrollbereiche in der dichtbevölkerten Partyzone des Olympiaparks. Sie tötete zwei Menschen und verletzte 111. Denn verwundbar ist der Sport und der Sportfan vor allem da, wo er nicht in Stadien oder Hallen bleibt, sondern hinaus auf die Straße geht, wie beim Boston- Marathon 2013, als am Rande der Zielgeraden zwei Sprengstoff-Rucksäcke drei Zuschauer, darunter einen achtjährigen Jungen, töteten und 264 verletzten.

Englands früherer Fußball-Nationaltorwart David Seaman, hier bei einem Benefizspiel 2015: Anschlagsziel bei der WM 1998 gewesen
Englands früherer Fußball-Nationaltorwart David Seaman, hier bei einem Benefizspiel 2015: Anschlagsziel bei der WM 1998 gewesen : Bild: AFP

Die Splitterbomben waren von den islamistischen Brüdern Zarnajew nach simplen Bauanleitungen aus dem Internet gebastelt worden: Schnellkochtöpfe als Bombenkörper, gefüllt mit Nägeln, Kugellagern, Schießpulver und mit einer Eieruhr als Zünder, die auf 4:09 Stunden nach dem Start eingestellt war. Terror ohne Hightech, gegen den auch der Staat mit dem modernsten Überwachungssystem der Welt machtlos war.

Dutzende Straßenkilometer mit Zehntausenden Menschen, die zu Marathon, Triathlon oder Radrennen freien Zugang haben, sind nicht vollständig zu sichern. Aus diesem Grund wurde im Mai 2015 nach Hinweisen auf einen möglichen Anschlag die 54. Auflage des Frankfurter Profi-Radrennens, des früheren „Rund um den Henninger Turm“, abgesagt. Aber auch Fußball-Arenen in belebten Wohngegenden, wie das Bernabéu in Madrid, sind kaum vollständig abzuriegeln. Nur fünfzig Meter vom Stadion entfernt explodierte, vier Stunden vor dem „Clásico“ Real gegen Barça, 2002 eine Autobombe. Ohne Räumung der Umgebung nach einer telefonischen Warnung durch die baskische Untergrundorganisation Eta hätte es ein Blutbad gegeben.

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