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ATP-WM in London : Alexander Zverev überrollt Djokovic

  • -Aktualisiert am

Lächelnd im Konfettiregen: Alexander Zverev wandelt endgültig auf den Spuren von Boris Becker und Michael Stich. Bild: dpa

Das hätte ihm kaum jemand zugetraut: Der Hamburger besiegt den Weltranglistenersten in zwei glatten Sätzen und gewinnt beim ATP-Finale in London den bislang größten Titel seiner Karriere.

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          „Ich will der Beste werden. Dafür tue ich alles.“ Alexander Zverev hatte sein Credo 24 Stunden vor dem wichtigsten Finale seiner jungen Tenniskarriere noch einmal wiederholt. Am Sonntag kam er seinem Ziel schon mal einen großen Schritt näher. Der 21 Jahre alte Hamburger besiegte im Endspiel des ATP Finales der besten acht Tennisprofis den Weltranglistenersten Novak Djokovic 6:4 und 6:3 und gewann damit nach drei Erfolgen bei Masters-Turnieren seinen ersten ganz großen Titel. Damit steht er in einer Reihe mit Boris Becker und Michael Stich, die diese Trophäe in den achtziger und neunziger Jahren gewannen. Nun fehlt Zverev nur noch ein Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier. Bisher war dort spätestens im Viertelfinale Schluss. „Natürlich ist Sascha gut genug, um einen Grand Slam zu gewinnen“, sagte der unterlegene Finalgegner Djokovic. „Aber das wusste ich schon vor diesem Tag. Er ist noch jung, aber dennoch schon ein etablierter Spieler. Er wird in Zukunft in jedem Grand-Slam-Turnieren zu den Favoriten gehören.“

          Noch im Gruppenspiel hatte Djokovic sehr überzeugend in zwei Sätzen die Oberhand behalten. In der zweiten Auseinandersetzung mit dem überragenden Spieler des Jahres innerhalb einer Woche offenbarte Zverev aber sein ganzes Potential und unterstrich eindrucksvoll, wieso fast alle Experten die Zukunft des Tennis mit seinem Namen verbinden. Basierend auf einem zuverlässig wirkungsvollen Aufschlag setzte er Djokovic vom ersten Ballwechsel unter Druck, ganz im Stile des jugendlichen Herausforderers. Der Serbe wehrte sich mit seiner ganzen Erfahrung und Klasse bis zum 4:4 des ersten Satzes mit aller Kraft.

          Das erste Break raubte ihm aber offensichtlich einiges an Kraft und Zuversicht. Am Ende hatte er dem Deutschen kaum etwas entgegenzusetzen. Als der zweite Matchball verwandelt war, sank Zverev zu Boden, lag erst auf dem Bauch, dann auf dem Rücken und schlug die Hände vor das Gesicht. Djokovic kletterte über das Netz und gratulierte herzlich. Wie groß der Respekt der beiden voreinander ist und wie groß ihre Zuneigung, wurde im Siegerinterview deutlich: „Du kannst jedes Spiel gewinnen, dass du möchtest, Novak. Ich bin dankbar, dass du mich heute hast gewinnen lassen.“ Was nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber bestens bei den Zuschauern ankam.


          Zverev war am Samstag in das Finale durch ein 7:5, 7:6 (7:5) über Roger Federer eingezogen. Ein Triumph, den er zunächst nicht richtig hatte genießen können, weil die Zuschauer in der 02 Arena ihn nach dem Matchball ausgepfiffen hatten. Der Deutsche hatte es sich nicht nur erlaubt, den Publikumsliebling zu bezwingen, sondern auch noch den „Fehler“ begangen, im entscheidenden Tie-Break von einer unübersichtlichen Situation zu profitieren. Beim Stand von 4:3 für den Schweizer hatte Zverev den Ballwechsel abgebrochen, weil einem Balljungen der Ball aus der Hand gefallen war. Der 21 Jahre alte Hamburger fühlte sich in seiner Konzentration gestört, hob die Hand und hörte auf zu spielen. Der Schiedsrichter fragte überrascht, was gewesen sei. Und als der Balljunge seinen Fauxpas bestätigt hatte, entschied der Referee regelgerecht auf Wiederholung des Ballwechsels.

          Pfiffe vom Publikum

          Von diesem Moment an hatte Zverev die Zuschauer allerdings gegen sich aufgebracht. Die Stimmung war von Sekunde zu Sekunde schlechter geworden. Denn erst hatte der Deutsche die Wiederholung des Punktes mit einem Ass beendet, danach war Federer ein leichter Volleyfehler unterlaufen, der seinem Gegner zwei Matchbälle eröffnete – und die zweite Gelegenheit hatte Zverev auch noch zum Sieg genutzt.

          Vergeblich gestreckt: Novak Djokovic nutzte im Finale alle Akrobatik nichts.

          Das alles hatte der Schweizer Maestro ziemlich gut verkraften können, aber nicht seine Fans. Zverev hatte erst einmal schlucken müssen, bevor er im Interview doch die ersten Worte gegen die Pfiffe herausbringen konnte. Und er hatte mit einer Entschuldigung begonnen: „Es tut mir leid für Roger und seine Fans, dass ich gewonnen habe. So wollte ich das Match nicht beenden“. Dann hatte er die Situation geschildert und gehofft, mit der Erklärung des Vorgangs das Publikum zu besänftigen. Was ihm jedoch nicht zur Gänze gelungen war. Annabel Croft, die Interviewerin, jedenfalls hatte eingegriffen und die Zuschauer aufgefordert, mit den Missfallenskundgebungen aufzuhören. Zverev habe sich nichts zu Schulden kommen lassen.

          Darüber gab es keine zwei Meinungen unter den Beobachtern, die auf die Auseinandersetzung geblickt hatten, ohne eine Federer-Brille auf der Nase zu haben. In den Augen des Schweizers hatte sein junger Gegner zwar unüberlegt, aber nicht unfair gehandelt. „Ich hätte weitergespielt, denn wenn der Schiedsrichter die Unterbrechung nicht akzeptiert, ist der Punkt verloren.“ Als Zverev nach dem Matchball Federer mit einer Entschuldigungsgeste am Netz empfangen hatte, erwiderte der Schweizer: „Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen musst.“ Dennoch hatte Zverev an den Publikumsreaktionen zu knabbern. „Ich war ziemlich aufgewühlt, ich habe mich in der Umkleidekabine erst mal fünf Minuten hingesetzt und gesammelt.“

          Lange Ballwechsel, harter Kampf

          Gegen Djokovic war die Atmosphäre in der Halle für Zverev eine ganz andere. Der Empfang geriet so freundlich, wie er es erwartet hatte: „Wieso sollten sie mich wieder auspfeifen, ich habe nichts Schlimmes getan“, hatte der Hamburger am Samstagabend gesagt. Dazu erwarb sich Zverev im Spielverlauf immer mehr den Respekt und die Anerkennung des Publikums. Er lieferte dem Ersten der Weltrangliste vom ersten Ballwechsel an einen harten Kampf. Dabei verwickelte der Deutsche den Serben in lange Ballwechsel, von denen er zur Überraschung aller einige für sich entschied. Denn niemand im Welttennis plaziert den Ball im Moment so sicher und präzise wie Djokovic.

          Traumhaftes Saisonfinale: Djokovic gratuliert Zverev zu einer famosen Leistung im letzten Spiel des Jahres.

          „Er ist im Moment der Beste der Welt. Ich muss alles zeigen, was ich draufhabe, wenn ich nur eine Siegchance haben will“, hatte Zverev die Situation vor dem Match geschildert. Und der Deutsche schaffte es, an seine Grenzen zu gehen. Vor allem beim Aufschlag. Unglaubliche 88 Prozent seiner ersten Aufschläge fanden im ersten Satz das Ziel. Darunter gelangen ihm sieben Asse. Djokovic gewann gerade mal vier Punkte in den sechs Aufschlagspielen des Deutschen. Und er hatte bei eigenem Aufschlag zu kämpfen. Dennoch – bis zum 4:4 kam Zverev trotz aller Anstrengungen nicht mal in die Nähe eines Breakballes, weil auch der Serbe seine derzeit außergewöhnliche Form bestätigte. Aber dann, im ersten Moment, in dem Djokovic eine kleine Schwäche zeigte, schlug der Deutsche zu. Er verwertete seinen ersten Breakball umgehend und sicherte sich den ersten Satz mit 6:4 mit einem weiteren überzeugenden Aufschlagspiel.

          Djokovic wirkte angeschlagen und prompt gab er auch das erste Aufschlagspiel des zweiten Satzes ab. Er vermochte zwar noch einmal zu kontern – ihm gelang das Rebreak zum 1:1, weil Zverev zur Abwechslung mal nicht ganz so stark aufschlug. Der entscheidende Ballwechsel war im Nachhinein vielleicht jener, der im dritten Spiel zum 30:15 für Zverev führte. Nachdem der Ball 28 Mal über das Netz geflogen war, ging der Serbe nach seinem Vorhandfehler buchstäblich in die Knie – es war ein Wirkungstreffer. Auch dass der Serbe den nächsten Ballwechsel mit einem Stopp kurz halten wollte, war ein Zeichen von Schwäche. Der Versuch misslang, Zverev bekam zwei Breakbälle serviert, von denen er den ersten zum 2:1 geschenkt bekam – wiederum durch einen Fehlschlag Djokovics mit der Vorhand.

          „Größter Titel meiner Laufbahn“

          Danach ging es rasch dem Ende zu. Zverev wackelte zwar noch einmal kurz, geriet bei eigenem Aufschlag aber letztlich nicht mehr in Gefahr. Sein Gegenüber gab seinen letzten Aufschlag fast schon kampflos ab. Nach einer langen Saison war sein Tank etwas schneller leer geworden als der des jüngeren Zverev. „Ich habe heute unter par gespielt, nach dem ersten Break ist mein Spiel ziemlich ins sich zusammengefallen“, meinte Djokovic und fügte an: „Das soll Saschas Leistung nicht schmälern, er hat mich durch seine Aggressivität soweit gebracht.“

          Zverev erlebte indes den glücklichsten Abend seiner bisherigen Karriere. „Ich habe den größten Titel meiner Laufbahn gewonnen, und das, nachdem ich hintereinander Roger Federer und Novak Djokovic besiegte habe. Ich bin so stolz und glücklich.“ Über die weitere Bedeutung seines Triumphes für die Zukunft mochte er sich erst mal keine Gedanken machen. „Als erstes freue ich mich jetzt auf meinen Urlaub.“ Es sollte aber eine kurze Nacht werden. Der Flug nach Dubai ging am Montag um neun Uhr.

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