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ATP-WM in London : Alexander Zverev überrollt Djokovic

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Darüber gab es keine zwei Meinungen unter den Beobachtern, die auf die Auseinandersetzung geblickt hatten, ohne eine Federer-Brille auf der Nase zu haben. In den Augen des Schweizers hatte sein junger Gegner zwar unüberlegt, aber nicht unfair gehandelt. „Ich hätte weitergespielt, denn wenn der Schiedsrichter die Unterbrechung nicht akzeptiert, ist der Punkt verloren.“ Als Zverev nach dem Matchball Federer mit einer Entschuldigungsgeste am Netz empfangen hatte, erwiderte der Schweizer: „Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen musst.“ Dennoch hatte Zverev an den Publikumsreaktionen zu knabbern. „Ich war ziemlich aufgewühlt, ich habe mich in der Umkleidekabine erst mal fünf Minuten hingesetzt und gesammelt.“

Lange Ballwechsel, harter Kampf

Gegen Djokovic war die Atmosphäre in der Halle für Zverev eine ganz andere. Der Empfang geriet so freundlich, wie er es erwartet hatte: „Wieso sollten sie mich wieder auspfeifen, ich habe nichts Schlimmes getan“, hatte der Hamburger am Samstagabend gesagt. Dazu erwarb sich Zverev im Spielverlauf immer mehr den Respekt und die Anerkennung des Publikums. Er lieferte dem Ersten der Weltrangliste vom ersten Ballwechsel an einen harten Kampf. Dabei verwickelte der Deutsche den Serben in lange Ballwechsel, von denen er zur Überraschung aller einige für sich entschied. Denn niemand im Welttennis plaziert den Ball im Moment so sicher und präzise wie Djokovic.

Traumhaftes Saisonfinale: Djokovic gratuliert Zverev zu einer famosen Leistung im letzten Spiel des Jahres.

„Er ist im Moment der Beste der Welt. Ich muss alles zeigen, was ich draufhabe, wenn ich nur eine Siegchance haben will“, hatte Zverev die Situation vor dem Match geschildert. Und der Deutsche schaffte es, an seine Grenzen zu gehen. Vor allem beim Aufschlag. Unglaubliche 88 Prozent seiner ersten Aufschläge fanden im ersten Satz das Ziel. Darunter gelangen ihm sieben Asse. Djokovic gewann gerade mal vier Punkte in den sechs Aufschlagspielen des Deutschen. Und er hatte bei eigenem Aufschlag zu kämpfen. Dennoch – bis zum 4:4 kam Zverev trotz aller Anstrengungen nicht mal in die Nähe eines Breakballes, weil auch der Serbe seine derzeit außergewöhnliche Form bestätigte. Aber dann, im ersten Moment, in dem Djokovic eine kleine Schwäche zeigte, schlug der Deutsche zu. Er verwertete seinen ersten Breakball umgehend und sicherte sich den ersten Satz mit 6:4 mit einem weiteren überzeugenden Aufschlagspiel.

Djokovic wirkte angeschlagen und prompt gab er auch das erste Aufschlagspiel des zweiten Satzes ab. Er vermochte zwar noch einmal zu kontern – ihm gelang das Rebreak zum 1:1, weil Zverev zur Abwechslung mal nicht ganz so stark aufschlug. Der entscheidende Ballwechsel war im Nachhinein vielleicht jener, der im dritten Spiel zum 30:15 für Zverev führte. Nachdem der Ball 28 Mal über das Netz geflogen war, ging der Serbe nach seinem Vorhandfehler buchstäblich in die Knie – es war ein Wirkungstreffer. Auch dass der Serbe den nächsten Ballwechsel mit einem Stopp kurz halten wollte, war ein Zeichen von Schwäche. Der Versuch misslang, Zverev bekam zwei Breakbälle serviert, von denen er den ersten zum 2:1 geschenkt bekam – wiederum durch einen Fehlschlag Djokovics mit der Vorhand.

„Größter Titel meiner Laufbahn“

Danach ging es rasch dem Ende zu. Zverev wackelte zwar noch einmal kurz, geriet bei eigenem Aufschlag aber letztlich nicht mehr in Gefahr. Sein Gegenüber gab seinen letzten Aufschlag fast schon kampflos ab. Nach einer langen Saison war sein Tank etwas schneller leer geworden als der des jüngeren Zverev. „Ich habe heute unter par gespielt, nach dem ersten Break ist mein Spiel ziemlich ins sich zusammengefallen“, meinte Djokovic und fügte an: „Das soll Saschas Leistung nicht schmälern, er hat mich durch seine Aggressivität soweit gebracht.“

Zverev erlebte indes den glücklichsten Abend seiner bisherigen Karriere. „Ich habe den größten Titel meiner Laufbahn gewonnen, und das, nachdem ich hintereinander Roger Federer und Novak Djokovic besiegte habe. Ich bin so stolz und glücklich.“ Über die weitere Bedeutung seines Triumphes für die Zukunft mochte er sich erst mal keine Gedanken machen. „Als erstes freue ich mich jetzt auf meinen Urlaub.“ Es sollte aber eine kurze Nacht werden. Der Flug nach Dubai ging am Montag um neun Uhr.

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