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Tennis : Murray wehrt sich gegen Thronerhebung

  • -Aktualisiert am

Mann mit Ambitionen: Andrew Murray Bild: AP

Die erfolgshungrigen Briten feiern Andrew Murray in Wimbledon schon als großen Star. Der Achtzehnjährige soll so schnell wie möglich ein wenig Licht ins Dunkel des englischen Tennis bringen.

          3 Min.

          Wenigstens einer bewahrt bei all dem Wirbel einen kühlen Kopf: "Ich habe immer noch nicht viel geleistet", so wies Andrew Murray nach seinem 6:4-, 6:2- und 6:2-Sieg gegen den Schweizer George Bastl auf die mageren Ergebnisse seiner bisherigen Laufbahn als Tennisspieler hin. "Ich habe das Juniorenturnier der US Open gewonnen und zwei Matches in Queen's, und jetzt habe ich hier ein Match gewonnen. Aber alle tun so, als hätte ich schon Wimbledon gewonnen" (Siehe auch: Tennis: Ergebnisse von den ATP-Turnieren).

          Bis zum ersten Triumph eines Briten auf dem Rasen im Südwesten Londons ist es für den 18 Jahre alten Schotten zwar noch ein weiter Weg; aber die Fans und vor allem die Zeitungen im Mutterland des Sports, das seit 1936 vergeblich auf einen einheimischen Sieger wartet, überschlagen sich schon vor Begeisterung.

          Viele Enttäuschungen

          Natürlich erwartet niemand ernsthaft von dem jungen Mann, der im Tenniscamp der ehemaligen spanischen Profis Emilio Sanchez und Sergio Casal in Barcelona lebt und trainiert, die lange Durststrecke der Gastgeber zu beenden. Aber endlich ist einer in Sicht, der nach dem sich abzeichnenden Ende der Karriere von Tim Henman ein wenig Licht ins Dunkel des britischen Tennis bringt. Das ist um so dringlicher, als "Tiger Tim" schon bei seinem ersten Auftritt gegen den Finnen Jarkko Nieminen auf dem Centre Court erschreckende Schwächen offenbarte.

          Immerhin schaffte es der Dreißigjährige aus Oxford, erstmals bei seiner zwölften Teilnahme in Wimbledon einen 0:2-Satzrückstand noch in einen Sieg umzuwandeln. Aber nach den vielen Enttäuschungen, die der Engländer den Fans in den vergangenen Jahren bereitet hatte, traut kaum noch jemand dem talentierten Serve-und-Volley-Spieler zu, im Spätherbst seiner Karriere den ersehnten Wimbledon-Titel heimzuholen.

          Lobpreisung

          Alle Hoffnungen gelten der Zukunft - und die heißt für die Briten Andrew Murray. Auch Henman ist bereit, den Stab an Murray weiterzureichen: "Andy hat eine große Zukunft vor sich. Ich hatte geglaubt, daß er Bastl schlägt, aber er hat ihn demontiert. Seine Konzentration hat keine Sekunde nachgelassen. Er ist der Brite, der im Augenblick Leistung bringt." Diese Lobpreisung verblüfft, denn immerhin ist Henman in den Top ten der Weltrangliste schon seit Jahren ein Fixpunkt. Derzeit wird er auf Platz9 geführt, die Wimbledon-Setzliste stufte ihn auf Rang sechs sogar noch höher ein.

          Henmans vermeintlicher Nachfolger spielte bisher fast ausschließlich in der zweiten Liga. Er taucht in der Weltrangliste erst auf Platz 312 auf und darf bei den All England Lawn Tennis Championships nur dank einer Wildcard mitspielen. Beim Vorbereitungsturnier im Londoner Queen's Club gelangen ihm gegen den Spanier Santiago Ventura und überraschend gegen den aufschlagstarken amerikanischen Rasenspezialisten Taylor Dent seine ersten beiden Einzelsiege auf der ATP Tour, ehe er im Match gegen den Schweden Thomas Johansson umknickte und ausschied. Schon das macht dem nach einem neuen Lokalhelden gierenden Land Mut.

          Souverän auf dem Friedhof

          Aber nachdem er am Dienstag auf Court2, dem sogenannten "Friedhof der Champions", so souverän auftrumpfte, ist aus der Zuversicht fast schon Gewißheit geworden. Denn auf ebenjenem Court hatte Bastl vor drei Jahren den großen Pete Sampras bei seinem letzten Auftritt in Wimbledon in der ersten Runde verabschiedet - und darin muß man einfach eine Symbolik sehen. Auf dem Platz, auf dem Sampras "begraben" wurde (so die Tageszeitung "The Guardian"), erlebte man eben jetzt die Geburt eines neuen Stars. "The Guardian" stellte Murray sofort in eine Reihe mit anderen Teenager-Sensationen, wie Björn Borg 1974, Andre Agassi 1988, Pete Sampras 1990 oder Tim Henman 1993.

          Im Falle Henman fehlte nirgends der Hinweis, daß der Engländer erst mit zwanzig Jahren sein erstes Match in Wimbledon gewann, dem Schotten aus Dunblane aber dieser wichtige Karrieresprung zwei Jahre früher gelang. Kaum jemand erwähnte, daß der 30jährige Bastl nach seinem Coup gegen Sampras überwiegend auf der Challenge Tour seine Brötchen verdienen mußte und seit drei Jahren erstmals überhaupt nach überstandener Qualifikation bei einem Grand-Slam-Turnier mitspielen durfte. Auf Platz 146 der Weltrangliste gehört der Eidgenosse aus Villars-sur-Ollon, der sich gegen Murray keinen einzigen Breakpunkt erkämpfte, sicherlich nicht zu den Großen der Branche.

          Geburt eines neuen Stars

          Aber wer wollte sich dadurch die gute Laune verderben lassen: "Macht euch keine Sorgen, hier ist Murray", verkündet die "Daily Mail", und der "Daily Mirror" salutiert mit den britischen Fans einem neuen Helden. Natürlich wollte da auch der höfliche Henman nicht als Spielverderber auftreten: "Er kann Radek Stepanek schlagen." Murray sieht das Zweitrundenmatch gegen den Tschechen, immerhin in der Weltrangliste auf Platz 13 notiert, an diesem Donnerstag realistischer: "Nur wenn ich sehr gut spiele, habe ich eine winzige Chance. Aber Radek spielt auf Rasen gut. Normalerweise muß ich glatt verlieren." Aber das will in Großbritannien derzeit niemand glauben.

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