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Tennis in Stuttgart : Alter Mann in neuer Frische

  • -Aktualisiert am

Noch nicht am Ende: Tommy Haas kämpft sich in die zweite Runde Bild: dpa

Tommy Haas zeigt beim Turnier in Stuttgart, dass er auch im biblischen Tennis-Alter noch genug Klasse hat, um mitzuhalten. Im Achtelfinale trifft er nun auf den Superstar.

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          Wer sich fragt, wieso Tommy Haas noch Tennis spielt, bekommt in diesen Tagen auf der Anlage des TC Weissenhof Stuttgart die Antwort. Weil er es noch kann. Am Sonntag im Showtraining mit Roger Federer, am Montag im Doppel an der Seite von Florian Mayer und am Dienstag im Einzel gegen Pierre-Hugues Herbert konnte sich das geneigte Publikum vergewissern, dass die ehemalige Nummer zwei der Weltrangliste auch im biblischen Tennisalter von 39 Jahren genug sportliche Klasse besitzt, um den Erwerb einer Eintrittskarte zu rechtfertigen. Das Match gegen Herbert geriet gar zu einer epischen Angelegenheit. Nach ziemlich genau zwei Stunden Spielzeit sicherte sich Haas gegen den 75. der Weltrangliste aus Frankreich ein 6:3, 4:6 und 7:5. Sein Lohn: An diesem Mittwoch darf er es im Achtelfinale noch einmal mit Roger Federer aufnehmen.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Viele Zuschauer mögen aus nostalgischen oder voyeuristischen Gründen gekommen sein, um zu erleben, wie sich das frühere Idol auf seine alten Tage noch so schlägt. Aber über den Auftritten von Tommy Haas liegt nichts Sentimentales und schon gar nichts Peinliches. Er hinkt nicht und er seufzt nicht. Hier geht ein Profi seiner Arbeit nach, sonst nichts. Ihm sind sentimentale Anwandlungen im Spätherbst seiner Karriere fremd. „Ich denke nie darüber nach, dass ich gerade an diesem Tag mein letzten Spiel machen könnte.“

          Sein Alter sieht man ihm nicht an. Die Stirn ist etwas höher geworden, aber der Körper wirkt so athletisch wie eh und je. Und die Schläge sitzen nach wie vor. „Er spielt sehr gut auf Rasen. Im Training habe ich gesehen, was sein Spiel ausmacht. Seine Rückhand ist phantastisch, er liest das Spiel gut und variiert gut.“ Das Lob kommt von keinem geringeren als Roger Federer. Die beiden sind zwar befreundet, aber die Worte des Schweizers darf man dennoch ernst nehmen, sie sprudelten ohne Aufforderung aus ihm heraus. Haas fühlt sich im Moment so gut, dass er sein Karriereende gar nicht mehr definieren will. Zu Beginn des Jahres hatte er verkündet, dass spätestens Ende der Saison 2017 Schluss wäre, vielleicht auch früher. Nun kann er sich vorstellen, auch noch 2018 zu spielen – wenn alles passt.

          Noch einen Rückschlag will er jedoch nicht mehr überwinden müssen. Wie er es so häufig in seiner Karriere getan hat. Seine Verletzungsakte füllt Karteikästen, sein Körper ist ein lohnendes Studienobjekt für angehende Mediziner. Allein vier Mal wurde Haas an der Schulter operiert, das letzte Mal 2014. Damals rechneten alle auf der ATP-Tour mit seinem Rücktritt, aber er quälte sich zum Comeback. Und die Qual ging weiter – mit zahlreichen Wehwehchen und zwei schwereren Verletzungen. Dass er auch eine Fußoperation Ende 2015 nicht zum Anlass nahm aufzuhören, verstanden nicht viele. Seine Begründung war die, die er seit 2014 immer wieder genannt hatte: „Ich will mir mein Karriereende nicht von meinem Körper diktieren lassen. Ich will mit einem guten Gefühl aufhören, selbstbestimmt und auf einem gewissen Niveau spielend.“

          Ob die Bühne groß ist oder klein: Haas genießt seine Auftritte

          Dieses Ziel hat er nun erreicht. Konnte er 2015 von elf Auseinandersetzungen auf der ATP-Tour nur zwei gewinnen, so fällt seine Bilanz in diesem Jahr respektabler aus. Ihm sind nun schon fünf Einzelsiege gelungen, unter anderen gegen den Franzosen Benoit Paire, zum Zeitpunkt der Begegnung die Nummer 40 der Welt. Haas belegt in der Branchenhackordnung Rang 302, was ihn vom Wohlwollen der Veranstalter abhängig macht, die ihn mit Wildcards versorgen müssen. Das funktioniert noch ganz gut, Turniere in Deutschland und seiner Wahlheimat Vereinigte Staaten wollen sich mit dem außergewöhnlichen „Greis“ schmücken. Aber wenn die Abschiedstournee zu lange dauert, kann die Sache ihren Charme verlieren. Haas schließt jedenfalls für sich aus, noch einmal auf die Knochentour der kleinen Turniere zu gehen.

          In diesem Jahr wird er noch in Halle antreten, im Juli liefert er sich einen Showkampf mit Michael Stich, um dessen Hamburger Turnier zu promoten, für den 30. Juli hat er sein Mitwirken an einem Bundesligaspiel von Grünweiß Mannheim zugesagt. Zudem hofft Haas auf Wild Cards in Wimbledon und bei den US Open.

          Ob die Bühne groß ist oder klein: Haas genießt seine Auftritte. „Ehrgeiz und Wille sind noch da und ich habe die Frische im Kopf. Ich war so oft verletzt in meiner Karriere, daher fühle ich mich höchstens wie 32.“ Er gibt zu, nicht mehr so explosiv wie früher zu sein, aber ansonsten fühle es sich auf dem Platz gar nicht so viel anders an. Dass die großen Ergebnisse ausbleiben, verkraftet er. Haas muss nicht getröstet werden, er tröstet seine sechsjährige Tochter nach Niederlagen: „Ich erkläre ihr dann, dass es schon ein Erfolg ist, noch zu spielen.“

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