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Tennis : Erfolg der sportlichen Arbeiterbewegung mit dem Idol Anna

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Fliegender Zopf, flatternde Vorhand: Anna Kurnikowa Bild: dpa

Bei den German Open in Berlin kommt jede vierte Spielerin aus Osteuropa, in Zukunft werden sogar noch mehr Russinnen, Tschechinnen oder Slowakinnen an dem Turnier teilnehmen. Denn von den besten zehn Juniorinnen der Weltrangliste sind sechs Osteuropäerinnen.

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          Vielleicht ist Elena Dementiewa ein gutes Beispiel. Als sie sieben Jahre alt war, hatte ihre Mutter die Idee, daß sie Tennisspielerin werden könnte. Sie versuchten einen Platz zu bekommen in einem der berühmten Moskauer Klubs, die schon aus so vielen Jugendlichen Weltranglistenspieler gemacht haben. Der Rote Armee Klub lehnte sie ab, Dynamo auch, und so blieb ihnen noch Spartak. Dort klappte es, und Rauza Islanowa wurde ihre erste Trainerin. Sie hatte auch schon Marat Safin trainiert, der vor drei Jahren die US Open gewann. Heute ist Elena Dementiewa 22 Jahre alt und steht auf Rang dreizehn der Weltrangliste. Eine Tenniskünstlerin ist sie nicht, aber gerade deswegen vielleicht eine besonders gute Repräsentantin eines Phänomens im Damentennis: die Osterweiterung der Tennisspitze.

          Bei den German Open in Berlin in dieser Woche zum Beispiel kommt jede vierte Spielerin aus Osteuropa. Für Turnierdirektor Eberhard Wensky sind sie angenehme Gäste: "Von denen macht keine einen großen Aufstand." Höflich seien sie, auf dem Platz immer kämpferisch und außerdem öfter in der Gruppe anzutreffen als die deutschen Spielerinnen etwa. Wenn es so weitergeht, werden in Zukunft sogar noch mehr Spielerinnen aus Rußland, aus Tschechien oder der Slowakei an seinem Turnier teilnehmen. Von den besten zehn Spielerinnen der Juniorenweltrangliste sind sechs Osteuropäerinnen.

          Diese Entwicklung sagt viel über Osteuropa aus, aber auch über den Charakter des Damentennis. Offenbar ist Tennis in beispielsweise in Rußland immer noch ein guter Weg, um die Lebensverhältnisse deutlich zu verbessern. Gerade in Moskau versuchen viele Eltern, ihre Kinder in den Tennisschulen unterzubringen. Noch verlockender ist es, mit ihnen nach Amerika zu gehen. Manchmal müssen sie sich noch nicht einmal selbst um einen Platz kümmern. Bei den Jugendturnieren beobachten die Agenten der großen Marketingkonzerne wie IMG oder Octagon die Spielerinnen. Fällt ihnen eine besonders auf, sprechen sie die Eltern an. Meist bieten sie ihnen drei Monate Aufenthalt zur Probe in einer amerikanischen Tennisschule. Bestätigt das Mädchen dort ihr Talent, wird ein Vertrag auf ein oder zwei Jahre geschlossen. Der sieht vor, daß auch den Eltern der Aufenthalt in Amerika bezahlt wird. Im Gegenzug erhält die Agentur sämtliche Vermarktungsrechte. So ist zum Beispiel die prominenteste Vertreterin des osteuropäischen Tennis, Anna Kurnikowa, mit elf Jahren in Nick Bolletieris Tennis-Academy nach Florida gegangen, die mit IMG zusammenarbeitet.

          Daß die Osteuropäerinnen eine immer größere Rolle spielen, sagt jedoch auch einiges über das Damentennis aus. Daß es ein einfaches Spiel ist vor allem. "Links, rechts, links, und wer härter schlägt, hat gewonnen", beschreibt Markus Schur, der sechs Jahre lang das deutsche Fed-Cup-Team betreut hat. Auch eine mittelmäßig begabte Spielerin kann also in die Weltspitze kommen, wenn sie nur früh genug anfängt und hart genug trainiert. Früher, mehr und einfacher, das ist daher das Erfolgsgeheimnis der russischen Tennisschule. "In Deutschland muß jeder Schlag bis zur Perfektion gerlernt werden. Dabei verzettelt man sich", sagt Schur. In Rußland konzentrieren sich die Mädchen auf das Wesentliche. "Ihnen wird ein bestimmtes System anerzogen, das sie dann auf dem Platz einfach durchziehen."

          Vor einiger Zeit hat Schur einmal eine Rechnung aufgemacht, wieviele Schläge russische Spielerinnen den deutschen voraus haben, bis sie achtzehn Jahre alt sind, weil sie seltener in die Schule gehen und dafür mehr trainieren, zweimal täglich. Er ist auf 1,8 Millionen gekommen. Unter den osteuropäischen Spielerinnen aus den Top Hundert der Weltrangliste verfügen nur wenige über eine komplette Technik. "Die meisten sind Arbeiterinnen", sagt Schur. Der Erfolg des osteuropäischen Tennis ist eine Erfolg der sportlichen Arbeiterbewegung. Arbeiterkinder sind die Spielerinnen jedoch selten. Elena Dementiewas Vater ist Elektroingenieur, ihre Mutter war Lehrerin, bis sie begann, ihre Tochter auf der WTA-Tour zu begleiten.

          Der Erfolg der osteuropäischen Tennisschule liegt auch darin, daß sie genau zur die Entwicklung von jungen Damen paßt. "Mädchen sind im Alter zwischen zehn und vierzehn Jahren noch sehr diszipliniert, während die Jungen eher verspielt sind", sagt Schur. Außerdem werden die Mädchen früher auf große Turniere geschickt, sammeln dort Punkte und haben deshalb schon mit 15 Jahren gute Positionen erreicht. Diese Positionen sind Anreiz genug, ihre Karriere fortzusetzen, während viele Spielerinnen in Deutschland gerade dann mit dem Leistungssport aufhören. Das Idol der Osteuropäerinnen ist Anna Kurnikowa. "Als ich mir eine Tennisschule in Moskau angeschaut habe, liefen dort zehn junge Mädchen mit blondem Zopf und ähnlicher Technik wie Kurnikowa herum", berichtet Schur. Elena Dementiewa hat Anna Kurnikowa jedoch schon etwas Entscheidendes voraus: Sie hat schon ein Turnier gewonnen.

          In Berlin wird die 1,80 Meter große Silbermeldaillengewinnerin von Sydney allerdings nicht ihren zweiten Erfolg nach ihrem Premierensieg (4:6, 7:5, 6:3 gegen Lindsay Davenport) vor zwei Wochen in Amelia Island feiern können. Gegen Dinara Safina, die 17jährige Schwester von Marat Safin, mußte sie am Montag abend im dritten Satz beim Stand von 0:1 wegen einer Bänderzerrung im linken Fußgelenk aufgeben.

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