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Tennis : Der sentimentale Abschied

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Tränen statt Tennis: Pete Sampras Bild:

Dort wo alles 1990 mit dem ersten Grand- Slam-Titel für Pete Sampras begann, dort entließen ihn Freunde, Gegner und Fans am ersten Tag der US Open 2003 mit einer Feier in den Ruhestand.

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          Zum Glück war wenigstens Allan Schwartz gut vorbereitet. Als die Tränen gar nicht mehr versiegen wollten, zog der Chef des amerikanischen Tennisverbandes kurzentschlossen ein großes weißes Taschentuch aus seinem Anzug und reichte es seinem Nebenmann. Pete Sampras verbarg sogleich sein Gesicht gänzlich darin und suchte intensiv nach Fassung. Der Moderator Dick Enberg rief in die Nacht: "Das ist es, was wir an ihm immer so geliebt haben - er hat nie irgendwelche Gefühlsregungen gezeigt." Die Menge im New Yorker Arthur Ashe Stadion lachte, klatschte, weinte mit. In diesem Moment war alles vergeben und vergessen, was es je gegeben haben mag zwischen den Unterhaltung, ja Überraschungen gierenden Massen und dem Mann, der so perfekt Tennis spielte, daß sie ihn bisweilen langweilig schimpften.

          Dort wo alles 1990 mit dem ersten Grand- Slam-Titel für Pete Sampras begann, dort verabschiedeten sie ihn am ersten Tag der US Open 2003 mit einer Feier. John McEnroe war gekommen, um dem künftigen Rentner noch eine Chance zu geben. "Die letzte Gelegenheit, nein zu sagen", rief McEnroe ins Mikrofon, "willst du es wirklich tun?" Er wollte. Boris Becker flog aus Deutschland ein, um sich scherzhaft über vergangene Schmach zu beschweren. "Das erste Mal trafen wir an einem kleinen Ort namens Wimbledon aufeinander", juxte Becker, "bevor du kamst, habe ich den Platz besessen. Er war mein Wohnzimmer - und du stahlst die Schlüssel."

          Reden, Umarmungen und gute Wünsche auch von Sampras' langjährigem Doppelpartner Jim Courier und seinem Coach Paul Annacone. Andre Aggassi, der ungeliebte Dauerrivale, den Sampras vor gut einem Jahr an dieser Stelle nach einem furiosen Comeback auf dem Weg zu seinem 14. Grand Slam Titel noch einmal bezwungen hatte, meldete sich via Großbildschirm: "Du bist der Beste, gegen den ich je gespielt habe." Der Gefeierte selbst indes, mit einem schwarzen Anzug und einem dunkelgrauen Hemd ein bißchen gekleidet wie auf seiner eigenen Beerdigung, verkündete, er habe seinen inneren Frieden gefunden: "Ich bin hundertprozentig fertig. Ich höre auf, weil nichts übrig ist, was ich mir noch beweisen könnte. Ich bin nicht mehr mit dem Herzen bei der Sache."

          Der Abnabelungsprozeß von seiner Profession hatte vor über einem Jahr begonnen, gestand Sampras den Journalisten in seiner letzten großen Frage-und-Antwort-Runde. Bereits während der US Open 2002 habe er sich hin und wieder gefragt, ob es nicht an der Zeit sei, den Schläger aus der Hand zu legen. Doch andererseits sei er felsenfest davon überzeugt gewesen, das Turnier noch einmal gewinnen zu können. Und selbst nach dem Fünf-Satz-Krimi im Finale gegen Agassi kam die Erkenntnis nicht plötzlich über ihn.

          "Man macht das nicht über Nacht, sondern in einem langen emotionalen Prozeß", sagte Sampras, "so habe ich es gemacht. Ich mußte da durchgehen, um mich selber zu überzeugen, daß ich hundertprozentig mit dem Tennis abgeschlossen habe." Immer wieder hatte sich Sampras Turnierstarts vorgenommen - nur, um sie dann doch abzusagen. Zwei Monate vor Wimbledon wollte er noch einmal einen Anlauf auf seinen liebsten Wettkampf nehmen, aber nach drei Tagen stand fest: "Ich hab's nicht mehr im Blut. Ich wollte nicht mehr trainieren, ich wollte nicht mehr spielen. Ich wollte nicht mehr all das tun, was man tun muß." Die Karriere ausklingen lassen, sich langsam in den kleineren Turnieren davon schleichen und der Spielsucht vielleicht in der Senioren-Runde zu frönen, wie es McEnroe und Becker tun, das ist Sampras Sache nicht: "Wenn ich auf dem Platz stehe, dann um zu gewinnen." Matthias B. Krause

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