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Tennis : Das Fräuleinwunder aus dem Osten

Lange Zeit haben russische Tennisspielerinnen nur durch ihr Aussehen auf sich aufmerksam gemacht - wie Anna Kurnikowa. Doch bei den French Open haben zwei junge Russinnen die amerikanisch dominierte Tennis-Hierarchie durcheinandergebracht.

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          Natürlich war es langsam an der Zeit, daß russische Tennisspielerinnen mit etwas anderem als ihrem Aussehen von sich reden machen. Nur Anna Kurnikowa, das große Vorbild aller russischen Mädchen auf dem Weg zu Popularität und Reichtum, ist weiterhin für die großen Nachrichten auf dem Boulevard zuständig. Während das Glamourgirl der Tennisbranche am Wochenende mit ihrer angeblichen Hochzeit mit dem Sänger Enrique Iglesias von sich reden machte, lieferten die Mädchen, die ihr sportlich nacheifern, die Schlagzeilen aus Paris. Dort hatte es bei den French Open bis zum späten Sonntag abend mal wieder nach einem der üblichen Grand-Slam-Turniere ohne sonderliche Überraschungen bei den Damen ausgesehen. Gewitterwolken aber waren über Roland Garros aufgezogen, und mit einem Male entlud sich nicht nur meteorologisch einiges. Erst verabschiedete sich Venus Williams nach ihrer 6:2-, 2:6- und 4:6-Niederlage gegen Vera Zwonarewa im Achtelfinale ungewöhnlich frühzeitig, dann folgte ihr mit Jennifer Capriati die Siegerin von 1991 nach, die gegen Nadja Petrowa 3:6, 6:4 und 3:6 verlor.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Gewitter haben reinigende Wirkung, und auch diese sportlichen Blitzeinschläge könnten so gedeutet werden. Die Langeweile der letzten vier Grand-Slam-Turniere, die stets mit einem Treffen der Familie Williams im Finale endeten, scheint fürs erste vorbei. Vor allem aber waren die beiden überraschenden frühen Niederlagen zweier Topspielerinnen ein deutliches Zeichen, daß einige Kolleginnen aus unteren Regionen der Weltrangliste bereit sind für den Sprung nach oben.

          Daß es zwei Russinnen waren, die den gewohnten Ablauf störten, überrascht die Branche keineswegs. Die Zeichen, daß das von Amerikanerinnen beherrschte Damentennis vor einer Wachablösung steht, sind deutlich. Beim Juniorinnen-Turnier des vergangenen Jahres in Wimbledon kamen sechs der acht Spielerinnen im Viertelfinale aus Osteuropa, davon alleine fünf aus Rußland. Tennis ist eine der populärsten Möglichkeiten in Rußland, der wirtschaftlichen Tristesse der eigenen Heimat zu entkommen - vor allem, seit das große Vorbild Anna Kurnikowa auf diesem Weg zu unvorstellbarem Reichtum gekommen ist. Acht Spielerinnen unter den besten fünfzig der Weltrangliste kommen aus Rußland, und Nadja Petrowa ist nach einer längeren Verletzungspause nicht einmal darunter. In Paris schafften es elf Russinnen ins Hauptfeld des Grand-Slam-Turniers. "Es gibt viele Spielerinnen bei uns, und jede will besser sein als die andere", sagt Shamil Tarpitschew, der Präsident des russischen Tennisverbandes.

          Die meisten russischen Spielerinnen haben eine umfassende sportliche Ausbildung, sind seit frühester Kindheit hartes Training gewohnt - und besitzen neben Anna Kurnikowa zuweilen auch Vorbilder in der eigenen Familie. Der Vater von Nadja Petrowa war einer der besten russischen Hammerwerfer, ihre Mutter gewann 1976 in Montreal mit der 4 × 400-Meter-Staffel die olympische Bronzemedaille. "Ich habe von klein auf gesehen, was es bedeutet, Sport auf Topniveau zu betreiben", sagt Nadja Petrowa. Das gilt für Vera Zwonarewa genauso, ihre Mutter gewann 1980 in Moskau mit den russischen Hockeydamen ebenfalls die olympische Bronzemedaille. Beide eifern den Eltern nach, aber nicht mehr, um nur die Ehre des Vaterlandes zu mehren. Glasnost machte es möglich, daß sich im einst als kapitalistisch verpönten Tennis ganz neue Möglichkeiten auftun.

          Die hat zuletzt vor allem die erst 18 Jahre alte Vera Zwonarewa genutzt. Ende 2001 noch auf Platz 371 geführt, wird sie nach Paris den Sprung unter die besten 20 Spielerinnen der Welt geschafft haben. In Roland Garros erreichte sie im vergangenen Jahr als Qualifikantin die vierte Runde, diesmal ist sie in jedem Fall schon ein Stück weiter. Gegen Venus Williams beeindruckte sie nicht nur mit ihrer mentalen Stärke und harten Grundlinienschlägen, sondern auch mit ihrem läuferischen Einsatz. "Das ist nichts Besonderes für mich", sagt sie, "das mache ich seit meinem sechsten Lebensjahr."

          Ähnlich imponierend trat auch die 21 Jahre alte Nadja Petrowa auf, die schon längst weiter in der Weltrangliste als Position 76 vorangekommen wäre, hätte sie nicht im vergangenen Jahr neun Monate wegen eines Ermüdungsbruchs aussetzen müssen. In der ersten Runde gewann sie gegen Monica Seles, und am Sonntag freute sich die mit einem vorzüglichen Aufschlag ausgestattete Moskauerin über den "größten Sieg" ihrer Karriere. Man dürfe nicht darüber nachdenken, wer auf der anderen Seite des Netzes stehe, so erklärten beide ihren Erfolg. Das dürfte im Viertelfinale, in dem sie aufeinandertreffen, schwer werden, vor allem für Vera Zwonarewa. Ihr denkwürdigstes Tenniserlebnis? Ein 0:6 und 0:6 gegen Nadja Petrowa im Alter von acht Jahren.

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