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Super Bowl bei Sat.1 : Gibt’s hier endlich Hot Dog mit Sauerkraut?

  • -Aktualisiert am

Drunter und drüber beim Super Bowl: im Sat.1-Studio in East Rutherford ging es belanglos zur Sache Bild: dpa

Der Privatsender Sat.1 beschert uns seit einigen Jahren Live-Übertragungen vom Super Bowl. Das ist gut. Gar nicht gut waren in der Nacht zum Montag aber die Leistungen der Reporter und Moderatoren.

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          Was uns Stefan Raab als zeitweiliger Promi im Studio, Frank Buschmann als Moderator, Jan Stecker als Experte und Martin Quast als sogenannter Fieldreporter in der vergangenen Nacht aus East Rutherford in New Jersey geboten haben, war mehr als eine Zumutung - es überschritt die Frechheitsgrenze weit. Wenige Minuten nach Mitternacht hatte Sat.1 seine Live-Übertragung vom Super Bowl zwischen den Denver Broncos und den Seattle Seahawks begonnen: eine magische Nacht mit Football-Dramatik, amerikanischem Patriotismus und gigantischen Showeinlagen lag vor uns. Dachten wir jedenfalls und freuten uns darauf.

          In Sachen Patriotismus und Show konnte man auch durchaus auf seine Kosten kommen. Queen Latifah melodramatisierte herzinnigst „America the beautiful“, die inoffizielle Nationalhymne, Grammy-Gewinnerin Renee Flemming stand ihr bei „Star-Spangled Banner“ nicht nach - und die Red Hot Chili Peppers füllten die Halbzeitpause zwar nicht mit ihrem spektakulärsten, aber doch mit einem höchst professionellen Glamour-Act.

          Rührend: Queen Latifah
          Rührend: Queen Latifah : Bild: AFP

          Dass das Spiel angesichts der Überlegenheit der Seahawks und der bisweilen erbarmungswürdigen Hilflosigkeit der Broncos recht bald unter einer gewissen Langeweile litt: Dafür können und wollen wir Sat.1 keineswegs verantwortlich machen. Dass man der wohlfeilen Wiederholung einiger Spielszenen aus den ersten beiden Vierteln wegen prompt den Touch Down der Seahawks unmittelbar nach der Halbzeit komplett verpasste, war zwar peinlich, aber gerade noch hinzunehmen - schließlich ließ sich ja auch diese spielentscheidende Szene im Anschluss noch zigfach wiederholen.

          Bloß Plattitüden und Frotzeleien

          Höchst peinlich, also keineswegs hinzunehmen war die Leistung - genauer: die Leistungsverweigerung - der Präsentatoren. Stefan Raab, der Allzweckheld von Pro Sieben Sat.1, bekundete von Anfang an sein völliges Desinteresse am American Football. Stattdessen schwärmte er unentwegt vom 1. FC Köln, seinem Lieblingsverein, und vom für ihn so unübertrefflichen Rhein-Energie-Stadion der Geißböcke im Stadtteil Müngersdorf. Das Beste an Raabs Auftritt war, dass er nicht lange währte.

          Gottlob auch nur recht kurz behelligte uns der Fieldreporter Quast, war er doch so fixiert auf seine Flirtanstrengungen mit der mexikanischen Reporter-Kollegin an der Außenlinie, dass er ansonsten nur die Bonbons wahrnahm, die die Zuschauer von den Rängen herunter warfen. Ja nun.

          Desinteressiert: Stefan Raab
          Desinteressiert: Stefan Raab : Bild: dpa

          Frank Buschmann und Jan Stecker kamen über Plattitüden und wechselseitige Frotzeleien kaum hinaus. Die Cheerleaderinnen beleidigten sie als „Barbie-Puppen“, immer wieder bescheinigte einer dem anderem, nun wieder direkt „fürs Phrasenschwein“ formuliert zu haben - und gar nicht wieder beruhigen konnten sie sich darüber, dass sie im Gegensatz zu den mehr als 80.000 Zuschauern im Stadion immer noch keinen „Hot Dog mit Sauerkraut“ in Händen hielten und genießen konnten.

          Es ist ja gut und richtig, dass sich die „ran“-Redaktion von Sat.1 nach dem Verlust sämtlicher Fußballrechte auf sportliche Alternativen besinnt. Wie das gelingen kann, bewies am vergangenen Wochenende das Team um Matthias Killing und den früheren Tennis-Profi Nicolas Kiefer, das aus der Frankfurter Ballsport-Halle zwei Tage lang bei der Davis-Cup-Begegnung zwischen Deutschland und Spanien fabelhaftes Tennis hochkompetent übertrug, analysierte und kommentierte - Sat.1 Gold, die kleine Ableger von Sat.1, profilierte sich dabei als temporärer Sportkanal bestens.

          Tommy Haas, Philipp Kohlschreiber und der über sich hinauswachsende Florian Mayer hatten am Freitag und Samstag das deutsche Tennisteam uneinholbar in Führung gebracht und die Zuschauer in der Halle wie an den Fernsehgeräten völlig begeistert. Am Sonntag dann war ihr Teamgeist erloschen, die Egoismen - und mit ihnen manch schon notorische Charakterschwäche - kamen wieder zum Vorschein. Sie spielten also einfach nicht mehr und schenkten die Punkte ab. Solch mangelnde Fairness quittierte das Publikum in der Halle sehr zurecht mit Pfiffen - und die Sat.1-Reporter hielten sich mit deutlicher Kritik nicht zurück.

          Schlecht wäre es nicht, nähmen sich die Herren Raab, Buschmann, Stecker und Bauer am Verhalten ihrer Tenniskollegen ein Beispiel - bis zum nächsten Super Bowl ist es ja nun wieder ein Jahr lang hin, Zeit genug also, Reporter- und Moderatoren-Tugenden einzuüben.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

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