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Vermarktung : Sportstars: Keiner verdient, was er verdient

  • -Aktualisiert am

Michael Schumacher kassiert 70 Millionen Mark pro Jahr. Deutschlands bestbezahlter Fußballer Stefan Effenberg nur sieben. Gerecht ist das nicht. Doch danach wird in der Vermarktung nicht gefragt.

          Gold gleich Geld - die Gleichung stimmt nicht immer. Da sind die olympischen Helden, die ihren unter den fünf Ringen erworbenen Ruhm beim besten Willen nicht in klingende Münze umwandeln können. Kanutin Birgit Fischer kann davon ein Lied singen.

          Da sind aber auch die olympischen Verlierer, die ihr Schäfchen längst im Trockenen haben und es sich lächelnd leisten können, dass ihre sportlichen Ziele wieder einmal ins Wasser gefallen sind. Die auf 17 (Werbe-)Millionen Mark taxierte Franziska van Almsick weiß es. Erfolg hin, Misserfolg her, sie scheffelt an Land auch so ihr Geld.

          Wie ungerecht ein Sportlerleben doch sein kann. „Für mich hat sich nach dem siebten Olympia-Gold kaum etwas verändert; außer, dass mich jetzt mehr Leute auf der Straße erkennen“, sagt Birgit Fischer. Mit 38 Jahren hat die Rekord-Kanutin nach Sydney die Paddel aus der Hand gelegt. Reich haben sie die fünf Olympia-Teilnahmen und insgesamt zehn Medaillen nicht gemacht. Und mit dem Ruhm ist es auch so eine Sache. Sportlerin des Jahres wurde die zweifache Olympiasiegerin Heike Drechsler - für Birgit Fischer blieb trotz 20-jähriger Super- Karriere und siebenfachen Goldes nur der Vize-Platz.

          Zwei Runden zum Reichtum

          Manchmal reichen schon weniger als zwei Minuten, um zum Glück, Gold und Geld zu laufen. Der Thüringer Nils Schumann rannte zwei Runden im Olympiastadion schneller als alle anderen und kann seither sagen: „Finanziell habe ich ausgesorgt.“ Zum Verein seines Sponsors musste er nach Berlin wechseln und überwarf sich mit seinem langjährigen Trainer. Dies war sozusagen der Preis dafür, dass fortan 3,5 Millionen Mark für einen Fünfjahresvertrag fließen werden. Doch damit nicht genug: Seinem Marketing-Manager liegen nach eigenen Angaben 16 Angebote vor, von denen zwei wohl akzeptiert werden.

          Dann kämen noch mal locker sechs Millionen Mark hinzu. In Millionen denkt auch ein Jan Ullrich. Das ist seit dem Tour-de-France-Sieg so und nicht erst seit seinem olympischen Gold-Spurt auf der Zielgeraden nahe Sydneys Darling Harbour. Sein Marktwert war und ist kaum mehr zu steigern. Doch dem Image des Mecklenburgers tat der Olympiasieg trotzdem gut. Und seinem Arbeitgeber, der Deutschen Telekom, waren Gold und Silber eine Extraprämie von 500 000 Mark wert. Bei einem geschätzten Jahressalär von mehr als sechs Millionen Mark ein nettes Taschengeld.

          Rentnerband und Boygroup

          In diesen Kategorien denkt Doppel-Olympiasieger Robert Bartko zwar nicht. Aber ohne die olympischen Meriten hätte der Neu-Profi aus Berlin sicher nicht einen mit 250 000 Mark dotierten Einstandsvertrag bei der Telekom bekommen. Auch Jens Lehmann - der Leipziger fuhr ebenfalls im Gold-Vierer - wechselt den Arbeitgeber. Das Team Nürnberger zahlt ihm über 100 000 Mark, was für einen 34 Jahre alten Bahnfahrer unüblich viel ist. Der Sieg mit der Radsport-„Rentnerband“ macht's möglich.

          Die skispringende „Boygroup“ ist auch ohne Olympia ein Hit. Skiflug-Weltmeister Sven Hannawald hat wie Martin Schmitt seinen Marktwert noch weiter gesteigert und ist seinem Freund und Zimmer- Genossen längst in den Kreis der Millionäre gefolgt. Eine Homepage gehört inzwischen für viele Sportstars zur Grundausstattung und der Devotionalienhandel ohnehin. Auch Hannawald hat allerlei Fan-Artikel im Angebot: vom Stirnband bis zur Tee-Tasse. Der Weihnachtsrenner sind Rucksack und Becher im Sonderangebot für 45 statt 57,80 Mark.

          Money for nothing?

          Thomas Haas kümmert dies und jenes überhaupt nicht. Der Tennis- Silbermedaillengewinner ist sich selbst genug. Der 22-Jährige spielt allein, entscheidet allein und kassiert allein. Weit über eine Million Mark hat der in Florida lebende Hamburger in dieser Saison auch ohne Turniersieg eingenommen. Glücklich dürfte er trotz des Klingelns in der Kasse nicht geworden sein. Denn dem sportlichen Erfolg läuft er weiter vergeblich hinterher - und der Anerkennung sowieso. Da ändert auch ein Olympia-Hoch wenig. Manchmal, aber nur manchmal gerät im Sport alles durcheinander. Ganz so wie im richtigen Leben. Dann fließen erst die Millionen und später kommt (manchmal) der Erfolg.

          So und nicht anders hat sich Ferrari den WM-Titel in der Formel 1 „gekauft“ und Michael Schumacher zum reichsten Welt-Sportler aller Zeiten neben Basketball-Rentner Michael „Air“ Jordan gemacht. Der „Überflieger“ aus Chicago war schon vor seinem Rücktritt finanziell in andere Sphären entschwebt. Mehr als 70 Millionen Mark dürfte der Kerpener dank des Dollarkurses inzwischen per anno scheffeln und dem mit geschätzten sieben Millionen Mark bestbezahlten deutschen Kicker, Stefan Effenberg, damit Tränen in die Augen treiben.

          Weil in diesen Kreisen ohnehin keiner mehr verdient, was er verdient, sind Neid und Missgunst in gleichem Masse aus den Köpfen der Fans verschwunden wie zunehmend das Interesse. Waden-Tattoos vom Konterfei der Freundin oder kriegerische Rückschlagspiele nach der Ehe-Trennung beschäftigen die Republik scheint's mehr als Siege, Niederlagen und Rekorde. Wenn sich Boris und Barbara Becker klagend scheiden, oder Franzi den exaltierten Handballer Stefan Kretzschmar liebt, erfreut das die Leser und Seher mehr als Siege und Medaillen im Schwimmbad - an die ehrlicherweise sowieso keiner mehr geglaubt hat. Die Rechnung geht auf - auch wenn die Gleichung Gold gleich Geld ungelöst bleibt.

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