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Wegen Verjährung : Sommermärchen-Prozess vor dem Aus

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Keine Verhandlung wegen der Coronakrise: das Bundesstrafgericht in Bellinzona in der Schweiz Bild: Reuters

Das Verfahren um ungeklärte Millionenzahlungen vor der Fußball-WM 2006 ist bis mindestens 20. April unterbrochen wegen der Coronakrise. Damit gerät das Bundesstrafgericht wohl hoffnungslos ins Hintertreffen.

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          Die Türen des Schweizer Bundesstrafgerichts in Bellinzona blieben auch am Mittwoch für die Öffentlichkeit geschlossen. Auch der ohnehin schon wacklige Prozess um die dubiose Millionenzahlung zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland muss in der Corona-Krise ausgesetzt werden, vorerst bis zum 20. April. Nur sieben Tage später verjähren die Vorwürfe gegen die ehemaligen Topfunktionäre des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Horst R. Schmidt. Ein Urteil und neue Erkenntnisse zu den damaligen Vorfällen werden immer unwahrscheinlicher.

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          „Mit Blick auf die Lage in ganz Europa und die Gesundheit aller Beteiligter ist es die richtige Entscheidung und für uns absolut nachvollziehbar“, sagte DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge. „Wir wissen gleichwohl, dass es nun sehr schwierig sein wird, das Verfahren fristgerecht zu einem geordneten Ende zu führen.“ Der Verband tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf. Bislang mutet die Verhandlung jedoch eher skurril an, anstatt für Aufklärung zu sorgen.

          Um den Eintritt der Verjährung zu verhindern, müsste am Strafgericht bis zum 27. April ein erstinstanzliches Urteil vorliegen. Angesichts der zuerst vorgesehenen drei Verhandlungswochen und der Tatsache, dass sämtliche Verteidiger wohl mehrstündige Plädoyers halten werden, halten Beobachter dies für äußerst unwahrscheinlich.

          Angeklagt sind neben den früheren DFB-Präsidenten Niersbach und Zwanziger sowie dem ehemaligen DFB-Generalsekretär Schmidt auch der einstige Generalsekretär des Fußball-Weltverbandes (Fifa), Urs Linsi aus der Schweiz. Verantworten müssen sich Zwanziger, Schmidt und Linsi wegen Betruges, Niersbach wegen Gehilfenschaft zum Betrug. Zwanziger und Schmidt waren der Eröffnung des Verfahrens in der vergangenen Woche aber aus gesundheitlichen Gründen ferngeblieben. Die Richterin in Bellinzona bezweifelte die Zulässigkeit der Atteste und zog einen Gutachter hinzu. Der erreichte die deutschen Ärzte nicht.

          Zwanziger, 74 Jahre alt, reagierte in der Heimat erzürnt. Er soll zuletzt zwei Augenoperationen gehabt haben. Linsi und Niersbach erschienen zwar zunächst vor Gericht. Am dritten Termin teilte Niersbachs Anwalt aber „via E-Mail mit, dass sein Mandant aufgrund des Auftretens eines Coronavirus-Verdachts im familiären Umfeld sich in eine selbstverordnete Quarantäne begeben habe“, wie das Gericht beschrieb. Gleichzeitig wurden die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus im Kanton Tessin, wo Bellinzona liegt, immer weiter verschärft. Für Menschen, die älter als 65 Jahre sind, gilt die Ansage, möglichst zu Hause zu bleiben. Alle vier Beschuldigten gehören zu dieser Risikogruppe. Dass ein Urteil ergeht, wird immer unwahrscheinlicher.

          Dubiose Treffen des Ermittlers

          „Wenn die Grenzen wieder offen sind und die in Deutschland wohnenden Beschuldigten in die Schweiz reisen können und wenn die Lage in der Schweiz dann eine Verhandlung erlaubt, könnte das Verfahren theoretisch wieder aufgenommen werden und entsprechend weitergehen“, sagte Niersbachs Anwalt. Ob und respektive wann dies alles eintreten werde, sei heute noch nicht abzusehen. Gegen Zwanziger und Schmidt kann aber nur dann in Abwesenheit verhandelt werden, wenn sie im bisherigen Verfahren die Gelegenheit gehabt hätten, sich zu den Vorwürfen zu äußern und die Beweislage ein Urteil in Abwesenheit zulässt. Dies scheine nicht der Fall zu sein, heißt es von Gerichtsseite.

          Hinzu kommen die Wirrungen rund um Bundesanwalt Michael Lauber, gegen den wegen seiner dubiosen Treffen mit dem heutigen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde. Es seien Umstände zu Tage gebracht worden, die umfassende Beweisverwertungsverbote zur Folge haben könnten, schrieb das Gericht. Lauber wurde von der zuständigen Aufsichtsbehörde in der Schweiz in einem Bericht scharf gerügt. Die Aufsichtsbehörde kürzte ihm im Rahmen des Disziplinarverfahrens gar den Lohn.

          Den DFB hatten die Enthüllungen rund um die Heim-WM 2006 vor mehr als fünf Jahren hart getroffen. Im Kern geht es bei dem Prozess um eine Überweisung des DFB im Jahr 2005 in Höhe von 6,7 Millionen Euro über den Weltverband an den im Jahr 2009 verstorbenen Unternehmer und früheren Adidas-Vorstandschef Robert Louis-Dreyfus. Der DFB hatte die Summe als Beitrag für eine Gala zum Start der WM 2006 deklariert, die so aber nie stattfand. Die Zahlung diente eigentlich zur Tilgung eines Darlehens, das der damalige WM-Organisationschef Franz Beckenbauer im Jahr 2002 von Louis-Dreyfus erhalten hatte. Die Summe verschwand letztendlich auf Konten des damaligen Fifa-Finanzchefs Mohamed bin Hammam aus Qatar. Wofür, ist unklar. Bin Hammam redet nicht darüber und ist lebenslang für alle Aktivitäten im Fußball gesperrt. Beckenbauer, im Zentrum des Skandals, hat bisher ebenfalls nichts zur Aufklärung beigetragen.

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